Lithium: Sturm auf das weisse Gold

Lithium ist wichtiger Bestandteil von Batterien und darum ein Schlüsselrohstoff des 21. Jahrhunderts. Die grössten Vorkommen liegen in Südamerika. Die Ausbeutung schafft Chancen – und Umweltprobleme.

Philipp Lichterbeck, Itaituba
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Der Salar de Uyuni in Bolivien ist die grösste Salzwüste der Welt. Unter ihr sollen sich bis zu zehn Millionen Tonnen Lithium befinden. Bild: Giles Clarke/Getty (23. Mai 2015)

Der Salar de Uyuni in Bolivien ist die grösste Salzwüste der Welt. Unter ihr sollen sich bis zu zehn Millionen Tonnen Lithium befinden. Bild: Giles Clarke/Getty (23. Mai 2015)

Ende März kamen die Inder in die Anden. Präsident Ram Nath Kovind traf in La Paz ein, um Evo Morales zu treffen. Der Sozialist Morales ist seit 13 Jahren Staatschef von Bolivien. Der Andenstaat ist immer noch das ärmste Land Südamerikas, hat aber ausgerechnet unter ihm die höchsten Wachstumsraten der Region. Und das nun schon seit Jahren. Dafür sind vor allem Rohstoffe verantwortlich, etwa Erdgas. Wegen einer Ressource waren auch die Inder da: Lithium.

Das Alkalimetall wird oft als «weisses Gold» bezeichnet, weil es ein Hauptbestandteil moderner Batteriezellen und somit unverzichtbar in der mutmasslich elektrogetriebenen Zukunft ist. Lithium ist also eine Schlüsselressource des ­ 21. Jahrhunderts, die Nachfrage soll sich in den nächsten Jahren vervielfachen.

Bodenschätze unter grossem See

Ausgerechnet das arme Bolivien hat eine der grössten Lithium-Reserven der Welt. Bis zu zehn Millionen Tonnen werden unter einem ausgetrockneten See vermutet, dem Salar de Uyuni, der grössten Salzwüste der Welt. Sie liegt auf 3650 Metern ist mit 10 500 Quadratkilometern sieben Mal so gross wie der Kanton Luzern und wegen seiner surreal wirkenden Lichtspiele eine Touristenattraktion. Hier soll die industrielle ­Zukunft Boliviens beginnen. Inder und Bolivianer unterzeichneten eine Vereinbarung zur Lithium-Ausbeutung und gemeinsamen Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien. Von einer Win-win-Situation ist die Rede. Indien sichert sich den direkten Zugriff auf den Rohstoff. Und Bolivien profitiert vom technischen Know-how der Südasiaten.

Vor den Indern waren 2016 bereits die Chinesen da. Dann kamen die Deutschen. Ende letzten Jahres schloss die schwäbische ACI Systems Alemania (Acisa) mit dem bolivianischen Staatskonzern Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) ein Joint Venture. Das Projekt beinhaltet Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro und den Bau dreier Batterie-Fabriken in Bolivien. Der Produktionsbeginn ist für 2021 geplant. Die Förderung soll 70 Jahre lang laufen, 10000 Jobs könnten entstehen.

Der Zuschlag für den deutschen Mittelständer war in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Erstens spielten Umweltaspekte bei der Vergabe eine wichtige Rolle: So versprach Acisa die Ausbeutung umweltverträglich zu gestalten, etwa regenerative Energien zu nutzen. Zweitens behält der bolivianische Staat über YBL einen Anteil von 51 Prozent an dem Joint Venture. Die staatliche Mehrheit ist eine Voraussetzung, damit ­ausländische Konzerne in Bolivien ­Rohstoffe fördern dürfen.

Für Bolivien funktioniert das gut, weil das Land so die Kontrolle über seine Rohstoffe behält und mit den Einnahmen wirtschaften kann. Präsident Evo Morales ist Sozialist und Pragmatiker. Er weiss, dass sein Land ausländische Investitionen braucht. Aber er will nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Bolivien ist eins der am schlimmsten ausgebeuteten Länder Lateinamerikas. Der Reichtum aus seinen Bodenschätzen blieb nie hier, sondern floss immer in fremde Taschen. Der so genannte Fluch der Ressourcen traf das Land besonders hart. Nun werden die Gewinne in notwendige Sozialprogramme und Infrastrukturprojekte gesteckt.

Einen ganz anderen Ansatz bei der Lithium-Produktion verfolgt Chile. Das Land zählt mit Bolivien und Argentinien zum sogenannten Lithium-Dreieck, ein Grossteil der weltweiten Vorkommen liegen hier. Bald wird man wohl von einem Viereck sprechen müssen, weil auch in Peru Lithium gefunden wurde. Das chilenische Lithium liegt unter der Atacama-Wüste. Es wird bereits in grossen Mengen gefördert, Chile ist der zweitgrösste Produzent der Welt. Dabei werden all die Probleme deutlich, die der Abbau des Rohstoffs mit sich bringt. Zwei Unternehmen kontrollieren die Lithium-Ausbeutung in Chile. Der US-Konzern Albermarle und die chilenische Firma SQM. Beide zusammen sind verantwortlich für mehr als die Hälfte der globalen Lithium-Produktion. Und beide sind umstritten. Da ist erstens die soziale Frage, also: Wem soll der Reichtum in erster Linie nützen? In Chile gab es bereits Demonstrationen gegen SQM, das eine Abbaulizenz bis 2030 hat. Die Demonstranten forderten, dass der Staat wie in Bolivien stärker an den Gewinnen beteiligt werden müsse. «Lithium für Chile, nicht für SQM», stand auf Transparenten.

Kampf um Wasser in der Wüste

Ein weiteres Problem: SQM wurde während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet zwar privatisiert, aber ein Grossteil der Anteile landete im Besitz der Familie des Diktators. Pinochets ehemaliger Schwiegersohn, Julio Ponce Lerou, ist der grösste Anteilseigner von SQM. Er ist nicht zufällig einer der reichsten Chilenen. Ausserdem wurde gegen SQM bereits wegen Korruption ermittelt. Derzeit läuft ein Prozess gegen Ex-Wirtschaftsminister Pablo Longueira, der ­offenbar von SQM geschmiert wurde, um Wasserregulierungen zugunsten der Lithium-Industrie zu formulieren.

Denn eins wird in grossen Mengen benötigt, um Lithium zu gewinnen: Wasser. In der Atacama-Wüste pumpt man es aus dem Untergrund an die Oberfläche und leitet es in Verdunstungsbecken. Hat das Lithiumchlorid dort die nötige Konzentration erreicht, wird die Lösung in eine Aufbereitungsanlage geleitet, wo unerwünschtes Bor oder Magnesium ausgefiltert werden. Dann wird sie mit Natriumcarbonat behandelt. Das dabei ausgefällte Lithiumcarbonat wird gefiltert und getrocknet. Bei diesem Prozess braucht man insgesamt zwei Millionen Liter Wasser für die Herstellung einer Tonne Lithiumsalz. Das hat rund um die Atacamawüste bereits zum Absinken des Grundwasserspiegels geführt. Einige Flussläufe sind austrocknet, und die zumeist indigene Bevölkerung hat kein Wasser mehr zum Leben.

Ein Problem ist, dass niemand wirklich weiss, wie viel Wasser unter der Wüste vorhanden ist. Dennoch bekamen SQM und Albermarle grosszügige Rechte zur Lithium-Ausbeutung zugesprochen. Auf Kosten der lokalen Bevölkerung und der Umwelt, wie sich jetzt zeigt. Ein Indiz: Die Johannisbrotbäume sterben. Es sind hartgesottene Wüstenbäume, die mit ihren Wurzeln tiefgelegene Wasserreservoir anzapfen. Ihr Vertrocknen deutet auf das Absinken des Wasserspiegels hin. SQM konkurriert nicht nur mit der ansässigen Bevölkerung um Wasser, sondern auch mit Mitbewerber Albermarle. Beide Unternehmen planen, ihre Produktion zu vervielfachen. SQM spricht von einer Verdopplung bis 2020, man wolle Albermarle als grössten Lithium-Produzenten überholen. Kritiker warnen nun vor einem Wasserkrieg in der Wüste. Bolivien stehen diese ­Probleme wohl erst noch bevor.