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Streit um die Vittel-Quelle in Frankreich

In Zeiten von Hitze und Dürre wird Wasser ein wertvolles Gut. In Vittel beansprucht Nestlé, Besitzerin der Mineralwassermarke, die lokale Grundwasserquelle für sich. Die Anwohner sollen sich anderweitig versorgen.
Stefan Brändle, Vittel
Vittels Bewohner dürfen im Ortszentrum kostenlos Wasser holen – die Frage ist, wie lange noch. (Bild: Stefan Brändle (Vittel, 9. August 2018))

Vittels Bewohner dürfen im Ortszentrum kostenlos Wasser holen – die Frage ist, wie lange noch. (Bild: Stefan Brändle (Vittel, 9. August 2018))

Vittel ist nicht nur ein Mineralwasser, sondern zuerst einmal ein hübscher Fleck in den Vogesen – der auf einem flüssigen Schatz sitzt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lebt der Ort von seinem natürlichen Reichtum aus bis zu 300 Metern Tiefe. Vittel war in der Art-déco-Epoche ein Heilbad mit wuchtigen Hotels, Palästen und Casinos. Heute stehen sie oft leer und verströmen nur noch den Charme verflossener Zeiten.

Umso reger wird heute das «natürliche Mineralwasser» getrunken und weltumspannend von Deutschland bis Japan vertrieben. Ein Sattelschlepper nach dem anderen verlässt das riesige Betriebsgelände von Nestlé Waters, der die Marke Vittel seit 1992 gehört. Rund eine Million Plastik- und Glasflaschen verlassen täglich den Ort, der sich die lateinische Devise gegeben hat: «Fonte revivisco» – durch die Quelle zu neuem Leben.

Wasserspiegel im Untergrund sinkt jährlich

Es sei, sie beginnt zu versiegen. «Nicht doch!», meint Rentnerin Yvette fröhlich und stellt ihre leere Plastikflasche unter einen der zwei Hähne, die im Ortszentrum Tag und Nacht sprudeln. Hier kommen sich viele der 5000 Einwohner mit Tafelwasser eindecken. Ein Hinweisschild beschränkt das Abfüllen auf sechs Flaschen, doch Yvette schmunzelt diese Obergrenze weg: «Mein Mann hatte jahrzehntelang für ein Thermalbad gearbeitet. Da werden sie uns doch wohl auch noch unsere tägliche Ration gönnen, n’est-ce pas?» Genau das ist aber die Frage. Der Wasserspiegel in der Muschelkalkschicht tief unter dem Dorf sinkt jährlich um 30 Zentimeter. «Wegen Übernutzung», meint der Naturschützer Bernard Schmitt ohne zu zögern. Nestlé Waters holt jährlich 750 Millionen Liter Wasser aus den Bohrlöchern.

Eine Käsefabrik und die kommunale Wasserversorgung bedienen sich ihrerseits. Die natürliche Kompensierung hält damit nicht Schritt: Regenwasser braucht ungefähr sieben Jahre, um mehrere hundert Meter tief zu versickern. Was tun, damit ausgerechnet Vittel nicht austrocknet? Am naheliegendsten wäre es, das Wasserschöpfen für alle einzuschränken. Nestlé Waters hat eine andere Idee: Das Unternehmen soll weiter aus dem Boden von Vittel Wasser schöpfen können; die Einwohner sollen hingegen durch eine Rohrleitung mit Wasser aus einem Nachbardorf 15 Kilometer im Osten von Vittel versorgt werden.

Dieses Szenario hat das lokale Wasserkomitee Anfang Juli abgesegnet. Seither gehen in der hügeligen Gegend Lothringens die Wogen hoch – politisch gesprochen. Vor den Toren Vittels sieht man auf Strohballen gesprayt den Spruch: «Wasser ist Priorität für die Anwohner.» Ein Landwirt meint mit Blick auf seine Felder: «Wenn uns das Grundwasser ausgeht, wäre das der Beginn der Wüste hier.»

Naturschützer Schmitt, an sich die Ruhe in Person, meint voller Empörung, das Vorgehen Nestlés sei eine «schleichende Privatisierung». In der lokalen Wasserkommission verfüge es offiziell nur über eine von 45 Stimmen; in Wahrheit setze es sich mit seinen Anliegen immer durch. Davon zeugten neue Justizermittlungen wegen möglicher Interessenkonflikte, so Schmitt. Die Staatsanwaltschaft bringe zunehmend Licht in die Beziehungen einzelner Mitglieder der entscheidenden Wasserkommission. Deren Präsidentin sei zum Beispiel mit einem ehemaligen Nestlé-Manager verheiratet, der noch einen einflussreichen Wasserverein im Ort leite.

Wasserressourcen werden knapper

70 Prozent der Erdoberfläche sind durch Wasser bedeckt – trinkbar sind aber nur 0,3 Prozent aller Wasservorkommen. Angesichts der steigenden Bevölkerungszahl und Verbrauchszahlen wird die natürliche Ressource knapper, das Geschäft lukrativer. Für 2020 wird der Umsatz der Mineralwasserbranche auf 280 Milliarden Dollar geschätzt. Führende Mineralwasser werden in den USA und Frankreich abgefüllt. Nestlé Waters produziert in unmittelbarer Nähe von Vittel auch die Marken Contrex und Hépar, andernorts – und mit Kohlesäure – Marken wie Perrier oder San Pellegrino. Zu Danone gehören die Marken Evian vom Genfersee sowie Volvic aus dem Zentralmassiv in Frankreich. (sbp)

Nestlé stellt einen Viertel des Gemeindebudgets

Von Nestlé Waters ist in Vittel niemand für eine Stellungnahme abkömmlich. Auf eine Presseanfrage, warum die Vittel-Einwohner in Zukunft mit Trinkwasser aus der Ferne abgespeist werden sollten, antwortet die Direktion indirekt: Sie verweist in einer schriftlichen Antwort auf die Vorleistungen, die Nestlé schon für den Ort Vittel erbracht habe. So habe sie die Schöpfmenge bereits von sich aus um 25 Prozent gesenkt, zum Teil, indem sie die früheren Wasserlecks eingedämmt habe. Nestlé Waters übernehme zudem die Kosten für die neue Wasserpipeline für die Versorgung der Gemeinde Vittel. Und vor allem habe Nestlé Waters seit über 25 Jahren viel für die Nachhaltigkeit der lokalen Wasserversorgung und -qualität getan. Die Tochtergesellschaft Agrivair kaufe Agrarböden auf und trete sie an Landwirte ab, die sich im Gegenzug verpflichteten, auf Pestizide und Nitrate zu verzichten. Natürlich denkt sie dabei an den Schutz des eigenen Mineralwassers.

«Hauptsache, auf unserem Gemeindegebiet kommen keine Pestizide und Herbizide mehr zum Einsatz», freut sich Vittels Bürgermeister Franck Perry, während er dem Besucher – natürlich – ein gekühltes Fläschchen Vittel serviert. Von seinem Fenster aus blickt der konservative Gemeindevorsteher direkt auf das Nestlé-Logo am nahen Flaschenabfüllwerk.

Der grosse Arbeitgeber im Ort ist omnipräsent. «Immerhin habe ich Nestlé dazu gebracht, dass sie die Rohrleitung finanzieren.» Die Kosten werden auf 1,5 Millionen Euro geschätzt. «Für die Dorfbewohner bleibt das Wasser deshalb kostenlos», meint Perry stolz. Was er weniger gern bestätigt: Nestlé entrichtet via Mineralwassersteuer 5 Millionen Euro an Vittel – und stellt damit 27 Prozent des Gemeindebudgets.

Die Wasserkommission aus Behördenmitgliedern, Fabrikanten und Verbänden dürfte erst kommenden Herbst definitiv entscheiden, ob die so wasserreichen Bewohner von Vittel ihr Tafelwasser in Zukunft bei den Nachbarn holen müssen. Doch wer wird schon einem so prominenten Steuerzahler den Wasserhahn zudrehen?

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