STREIK: Drei Monate Zugchaos

Der Zugverkehr ist in Frankreich weitgehend lahmgelegt. Die Eisenbahner protestieren damit gegen die Schienenreform von Präsident Macron. Sie wollen notfalls drei Monate lang streiken.

Stefan Brändle, Paris
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Stefan Brändle, Paris

In französischen Bahnhöfen herrschte gestern gähnende Leere – oder ein unglaubliches Gedränge, wenn doch einmal ein Vorortszug einfuhr, in dem Arbeitspendler wie Sardinen feststeckten. Am Gare de Lyon in Paris sprangen Ankommende über die Gleise; andere balancierten über schmale Bretter auf andere Bahnsteige, als wären sie auf dem Zirkusseil.

Diese Bilder aus dem grössten französischen Bahnhof illustrierten ein landesweites Verkehrschaos. Die allermeisten Verbindungen fielen aus. Nur jeder achte TGV-Zug verkehrte. Dazu fiel bei Air France wegen eines zusätzlichen Streiks ein Drittel der Flüge aus. Auf den Strassen kam es dafür zu Monsterstaus. Allein im Grossraum Paris bildeten sich am Morgen Autokolonnen von insgesamt 420 Kilometern Länge. Und das, obwohl viele Reisende Mitfahrdienste wie Blablacar oder Lowcost-Busse wie Flixbus benützten.

Gewerkschaften brauchen Erfolg

Auf den Internetforen wurden Fragen diskutiert wie: «Hat man das Recht, zu Hause zu bleiben und nicht arbeiten zu gehen?» (Antwort: nein) oder «Kann der Arbeitgeber mein Salär für diesen Tag zurückhalten, wenn ich nicht zur Arbeit erscheine?» (ja). Viele Firmen richten allerdings für ihre Büroangestellten das «télétravail» ein – das Arbeiten von zu Hause aus.

Denn dieser erste Streiktag, den die Hälfte der 140000 Cheminots (Eisenbahner) und drei Viertel der Lokführer befolgten, war erst der Anfang. Die vier wichtigsten Gewerkschaften CGT, SUD, CFDT und Unsa stellen sich auf einen langen Arbeitskampf bis Ende Juni ein. Auf jeweils zwei Streiktage lassen sie drei Arbeitstage folgen. Heute wird auch gestreikt, dann wieder am Sonntag und am Montag. Damit wollen die Cheminots die Lohneinbussen in Grenzen halten und die Regierung von Präsident Emmanuel Macron zermürben. Der Einsatz dieser politischen Machtprobe ist hoch. Die Gewerkschaften brauchen nach ihrem vergeblichen Widerstand gegen die Arbeitsmarktreform von letztem Herbst unbedingt einen Erfolg, um nicht als zahnlos zu gelten. Für Macron geht es um den gesamten Reformkurs seiner fünfjährigen Amtszeit.

Seine für Ende Juni geplante Bahnreform schafft das Eisenbahnerstatut mit all seinen Vorteilen für Neueintretende ab: lebenslange Jobgarantie, Rente mit 52, materielle Vorteile, 50 Urlaubstage. Die Eisenbahngesellschaft SNCF soll zudem in eine Aktiengesellschaft verwandelt werden; damit verlöre sie die Staatsgarantie und müsste namentlich für ihre horrende Verschuldung von über 50 Milliarden Euro selber aufkommen.

Transportministerin Elisabeth Borne erklärte gestern, die SNCF werde keinesfalls privatisiert. Die von der EU verlangte Marktöffnung bis 2020 werde in einzelnen Fällen – etwa beim Nahverkehr im Grossraum Paris – bis 2033 aufgeschoben.

Auch Abfallentsorgung und Energiesektor streikten

Mit solchen Konzessionen sucht die Regierung Druck wegzunehmen und einen sozialpolitischen Flächenbrand zu verhindern. Neben SNCF und Air France streikten gestern in einzelnen Städten auch die Abfallentsorgung und die Energiedienste. Die Ansteckungsgefahr scheint fürs Erste beschränkt, zumal der Bahnstreik von einer knappen Bevölkerungsmehrheit abgelehnt wird. In einer Umfrage bezeichneten 46 Prozent der Befragten die Bahnreform als «ungerecht», was im reformresistenten Frankreich eher wenig ist. «Niemand kann derzeit absehen, wie es ausgehen wird», meinte der Verkehrsexperte Gilles Dansart.

Diverse französische Medien sagen einen «Abnützungskrieg» voraus. Abgeordnete der Macron-Partei «La République en marche» berichten, Premierminister Edouard Philippe habe ihnen eingebläut, zusammenzuhalten und «eine römische Schildkröte zu bilden, statt wie einzelne Sniper herumzuschiessen». Macron meinte zu einem Bürger, der ihm eine Durchhalteparole zurief: «Haben Sie keine Sorge!» Genau das haben aber viele Franzosen angesichts eines Streiks, der mit Unterbrechungen drei Monate dauern soll.