Strassenschlachten in Brest

Griechische Verhältnisse in Frankreich? In der Hafenstadt Brest haben Jugendliche Demonstrationen gegen die Schulreform für Krawalle genutzt.

Rene Brunner
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Paris. Brennende Autos, Tränengasgranaten, Polizeisirenen, vermummte Jugendliche – in der nordfranzösischen Hafenstadt Brest herrschte gestern Aufruhr. Etwa 500 Jugendliche lieferten der Polizei eine wüste Strassenschlacht, nachdem bereits am Dienstag mehrere Dutzend Schaufensterscheiben in Brüche gegangen waren.

In Hunderten französischen Städten gingen gestern Schüler, Eltern und Lehrern friedlich gegen die Schulreform mit massiven Einsparungen auf die Strasse. Dennoch war die Polizei landesweit in Alarmbereitschaft. Denn ein Funke genügt, um das soziale Pulverfass Frankreich erneut zur Explosion zu bringen, wie am 27. Oktober 2005 im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Damals löste der Unfalltod zweier Teenager eine landesweite Gewaltwelle aus. Aber die sozialen Spannungen beschränken sich aber längst nicht nur auf die grossen Vorstädte von Paris.

Regierung verkennt Lage

Irgendwo brennt es in Frankreich eigentlich jedes Wochenende, zünden Vermummte Autos an und liefern der Polizei heftige Strassenschlacht. Die Medien berichten kaum mehr darüber. «Die Regierung ist sich nicht bewusst, wie schlimm die soziale Lage in vielen Vorstädten ist», schreiben fünf Banlieue-Bürgermeister in einem offenen Brief an Staatschef Nicolas Sarkozy. Darin erinnern sie den Präsidenten an sein Wahlversprechen eines «Marshallplanes für die Banlieue».

Offiziell ist dieser Plan zwar längst vorgestellt worden. Fünfzig besonders elende Betonsiedlungen sollen verkehrstechnisch aus ihrer Ghetto-Situation befreit werden und mit sozialen Massnahmen wieder Anschluss ans übrige Frankreich finden. «In der Praxis hat sich jedoch nichts geändert. Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie vorher. Die Diskriminierung gegen Stellenbewerber mit einer Adresse in einer verrufenen Banlieue ist noch immer omnipräsent», heisst es im Schreiben der fünf Bürgermeister. Nur ein paar hundert Jobs für Banlieue-Kinder seien geschaffen worden. Von den Verkehrsprojekten sei noch keines verwirklicht. Bei Subventionen für die ärmsten Kommunen stellen die Bürgermeister gar eine «Rückwärtsbewegung» fest.

«Polizei billiger als Reformen»

Nur die Ausrüstung der Krawallpolizei hat sich spürbar verändert. Sie ist effizienter und mobiler geworden. In den letzten drei Gewaltausbrüchen in einer Banlieue – alle durch den Unfalltod von Jugendlichen ausgelöst – gewann Die Polizei jedesmal in der ersten Nacht die Oberhand. «Das kommt billiger als der Marshallplan», sagt Banlieue-Bürgermeister Yves Jégo resigniert.

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