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STOCKHOLM: Das grosse Aufrüsten gegen Russland

Schweden will seine Bevölkerung besser auf Krisen und Krieg vorbereiten. Dazu soll nicht nur der Armeebestand verdoppelt werden. Auch Firmen und Private werden angehalten, sich gegen äussere Bedrohungen zu wappnen – vor allem gegen Russland.
Niels Anner, Kopenhagen
Schwedische Luftwaffensoldaten begutachten den Gripen in Aktion. (Bild: Josef Vostarek/CTK (Caslav, 11. Mai 2015))

Schwedische Luftwaffensoldaten begutachten den Gripen in Aktion. (Bild: Josef Vostarek/CTK (Caslav, 11. Mai 2015))

Niels Anner, Kopenhagen

Bei Schwedens Streitkräften fehlt es an allen Ecken und Enden – von schusssicheren Westen bis zu ­Abwehrraketen. Das soll sich aus Sicht der Regierung schleunigst ändern. Denn das Nicht-Nato-Mitglied sieht sich, wie die gesamte Ostseeregion, laufend russischen Machtdemonstrationen ausgesetzt. Die Lage sei «zunehmend unsicher und komplex», erklärte ein Konteradmiral kürzlich.

Schweden nimmt die Bedrohung ernst, auch wenn Experten einen gezielten Angriff im ­Moment für unwahrscheinlich halten. Das Land ist zentral in der Ostsee platziert und wäre in einen Konflikt rasch involviert. Das russische Militär soll Attacken auf Schweden simuliert haben. Zudem sind Iskander-Raketen in Kaliningrad stationiert. Diese ­erreichen alle grösseren Städte Schwedens und kön­- nen mit Atomwaffen bestückt werden.

Die Regierung beschloss deshalb die Beschaffung des US-Raketenabwehrsystems Patriot; dieses könnte umgerechnet bis zu 2,86 Milliarden Franken kosten – abgesehen vom Kauf von 60 neuen Gripen-Jets einer der teuersten Einkäufe überhaupt. Doch dies ist nur ein kleiner Teil dessen, was Schweden in den nächsten 10 bis 15 Jahren in die Landesverteidigung investieren will. Laut zwei neuen Analysen benötigen die Streitkräfte mindestens 19 Milliarden Franken: Neben Raketen und Flugzeugen stehen neue Waffen für die Infanterie, die Modernisierung von Radar-systemen und U-Booten auf der Liste – sowie eine Verdoppe­lung des Personalbestands auf 120000 Soldaten. Damit könnte Schweden, so die Analysen, ­einen «qualifizierten Gegner» ohne fremde Hilfe während dreier Monate abwehren. Die Investitionen zeigen vor allem eines: den gigantischen Aufholbedarf Schwedens in Armeefragen. Nach dem Mauerfall hatte das Land seine Streitkräfte dezimiert. Die Folge: Von einst 180 Bataillonen blieben noch 14, von 22 Luftabwehreinheiten 2, von 300 Kampfjets 96.

Massnahmen gegen russische Fake-News

Vor diesem Hintergrund und dem immer aggressiveren Gebaren des Kremls wurden die Stimmen für ein Umdenken im Parlament zuletzt immer lauter. Noch im vergangenen Jahr wurde die 2010 abgeschaffte Wehrpflicht wieder eingeführt, auch für Frauen. Das soll allerdings erst der Anfang einer langjährigen Aufstockung gewesen sein.

Uneinigkeit herrscht noch ­bezüglich der Nato: Die Bürgerlichen befürworten einen Beitritt, die linke Regierung hingegen ­befürchtet, das Kreml-Regime dadurch zu provozieren, fördert aber die enge Zusammenarbeit mit dem Bündnis. In der Bevölkerung hat laut Umfragen etwa ein Drittel Angst vor Russland; ebenfalls rund ein Drittel der Befragten wünscht einen Nato-Beitritt.

Zu der Debatte gehört auch, dass die schwedische Armee in den letzten Jahren mehrfach vermutete, sie werde ausspioniert. Der Kalte Krieg ist in den Köpfen wieder in die Gegenwart gerückt – auch im Zivilen. In den kommenden Wochen werden 4,7 Millionen Haushalte eine Neuauf­lage der Broschüre «Krieg und ­Krise» erhalten, die von 1943 bis 1961 verschickt wurde und danach der Armee intern diente. Darin gehe es um die verschlechterte Sicherheitslage, aber auch um Naturkatastrophen, Terror­attacken und Desinformation, ­erklärte die Autorin Christina ­Andersson gegenüber Medien. Die Bevölkerung solle wieder lernen, mit gestörten Verkehrssystemen und Nahrungsmittelknappheit umzugehen, und zwar eine Woche lang ohne Hilfe der Behörden. Zu den Tipps gehört neben der Notration im Keller eine gute Beziehung zu seinen Nachbarn – um sich im Notfall gegenseitig helfen zu können. Des Weiteren soll sich die Bevölkerung gegen Stromausfälle und Kälte rüsten, mit Brennholz, Radio und frischem Wasser. Ein Parlamentsbericht prangerte derweil an, es fehle an Spitälern und Schutzräumen. Auch müsse sich die Bevölkerung auf Propaganda von aussen vorbereiten. Die Regierung baut gerade eine Behörde auf, die vor den Wahlen im September gegen russische Fake-News und Hacker-angriffe vorgehen soll. Zudem will man – wie im Kalten Krieg – mehrere tausend Firmen definieren, die im Kriegsfall wichtige Funktionen in den Bereichen Transport, Kommunikation und Medizin übernähmen. Björn von Sydow, Leiter parlamentarische Verteidigungskommission, spricht von einer «Gesellschaftsreform»: Es brauche den Einsatz jedes Einzelnen, um Schweden wieder wehrfähig zu machen.

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