Stilles Andenken an die 55 Amok-Opfer: Neuseeland sagt Gedenkgottesdienst ab

Neuseeland sagt Gedenkgottesdienst an den «dunkelsten Tag» des Landes ab: Vor einem Jahr starben in Christchurch 55 Menschen.

Barbara Barkhausen aus Sydney
Drucken
Teilen
Blumen für die Opfer des Attentats.

Blumen für die Opfer des Attentats.

Mark Baker (Christchurch, 15. März 2020)

Der «dunkelste Tag» Neuseelands: So hatte Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern den Tag des Terroranschlags einst genannt. Eigentlich wollte ganz Neuseeland am Sonntag der Opfer des Anschlags gedenken. Ein Gottesdienst hätte landesweit übertragen werden sollen. Doch das Gedenken in Christchurch musste letztendlich anders stattfinden als geplant.

Denn der weltweite Ausbruch des Corona-Virus zwang die Gemeinde am Samstag kurzfristig zur Absage der Veranstaltung. Noch am Freitag waren die Mitglieder der beiden angegriffenen Moscheen zwar zum gemeinsamen Gebet zusammengekommen, doch die Feierlichkeit am Sonntag hätte Tausende aus dem gesamten Land und aus Übersee nach Christchurch gebracht.

Keinen weiteren Schaden anrichten

Die Entscheidung, die Veranstaltung abzusagen, sei getroffen worden, um die Gesundheit der Neuseeländer zu schützen, sagte Jacinda Ardern. «Dies ist eine pragmatische Entscheidung.» Sie alle seien sehr traurig darüber. «Aber wenn wir uns an eine so schreckliche Tragödie erinnern, sollten wir nicht das Risiko eingehen, weiteren Schaden anzurichten.» Da Menschen aus den verschiedensten Teilen Neuseelands sowie aus anderen Ländern angereist wären, wäre es schwierig geworden, die Gefahr einer Übertragung der Viruskrankheit einzudämmen.

Neuseeland, das bisher nur eine Handvoll Fälle hat, will die Lage weiter unter Kontrolle halten und hat aufgrund der drohenden Gefahr die Einreisebestimmungen extrem verschärft. Jeder, der im Land ankommt, muss sich zwei Wochen in Isolation begeben. Angesichts dieser Bestimmungen konnte auch die Gedenkfeier nicht stattfinden.

Die Absage kam am Samstag, nachdem Jacinda Ardern bereits nach Christchurch gereist war, eigentlich, um das zu tun, was ihr bereits vor einem Jahr globale Schlagzeilen und Lob aus aller Welt einbrachte: Zu trösten, zuzuhören und Menschen zu umarmen. Stattdessen konnte sie nur mitfühlende Worte vermitteln: «Ein Jahr danach haben sich Neuseeland und seine Bevölkerung grundlegend verändert», sagte sie. Nun sei die Herausforderung, weiterhin sicherzustellen, dass die Menschen in ihren alltäglichen Handlungen – und bei jeder Gelegenheit, bei der sie Mobbing, Belästigung, Rassismus und Diskriminierung sehen würden – dies als Nation anprangern. 

56000 Waffen wurden vom Staat zurückgekauft

Ardern wies zudem auf die Gesetze hin, die ihre Regierung als Reaktion auf die Angriffe geändert hat. Halbautomatische Waffen sind inzwischen in Neuseeland verboten, und bei einem landesweiten Rückkauf haben Waffenbesitzer 56 000 dieser Waffen gegen Bargeld abgegeben. Weiter sagte die sozialdemokratische Politikerin: «Der 15. März wird nun für jeden Neuseeländer zu einer Gelegenheit, auf seine Weise über die Ereignisse vor einem Jahr nachzudenken.» Sie ermutige alle, sich die Zeit zu nehmen, sich an die Werte von Inklusion und Liebe zu erinnern, die nach der Tragödie vor einem Jahr so deutlich demonstriert worden seien. Für die muslimische Gemeinde wog die Absage weniger schwer als gedacht.

Mohammed Rizwan, der Präsident der Otago Muslim Association, hatte lokalen Medien zuvor bereits gesagt, dass viele der Opfer und ihre Familien nicht zu dem Gottesdienst befragt worden seien und sogar unglücklich darüber gewesen seien, dass es eine Gedenkveranstaltung geben sollte. Denn die islamische Kultur feiere normalerweise keine Jubiläen. «Wir erinnern uns jeden Tag daran, was passiert ist, und beten für diejenigen, die ihr Leben verloren haben.»

Einen festen Tag bräuchte es dafür nicht. Der Imam der betroffenen Al Noor-Moschee, der die Terrorattacke überlebt hatte, war dagegen einer derjenigen gewesen, der eine Gedenkfeier begrüsst hatte: Er nannte die Ereignisse vom 15. März 2019 ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» und war der Meinung, dass man deswegen eine Ausnahme von den üblichen islamischen Regeln hätte machen können. Er sah eine Gedenkfeier als eine Gelegenheit für die Neuseeländer, sich gemeinsam gegen Hass und Hassreden zu stellen.