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St.Galler sagt Indiens dicker Luft den Kampf an

Die Wirtschaft auf dem Subkontinent wächst rasant. Das geht auf Kosten der sauberen Luft. Ein St.Galler will dies ändern und wird zuerst einmal für verrückt erklärt. Doch langsam dreht der Wind.
Dominik Buholzer, Neu-Delhi
Bauer beim Abbrennen eines Feldes im Bundesstaat Punjab, 120 Kilometer südlich von Delhi. In Indien ist die Luft vielerorts stark verschmutzt. (Bild: Roberto Schmidt/AFP (6. November 2015))

Bauer beim Abbrennen eines Feldes im Bundesstaat Punjab, 120 Kilometer südlich von Delhi. In Indien ist die Luft vielerorts stark verschmutzt. (Bild: Roberto Schmidt/AFP (6. November 2015))

Wie erkennt man einen Schweizer mitten im Getümmel von Neu-Delhi? Der Appenzeller Gurt verrät Eric Ashok Ledergerber. Den hat sich der 41-Jährige auf einem Markt in St. Gallen gekauft. Er werde ihn im Gegensatz zu seinem indischen Gurt auch noch in zehn Jahren tragen, hatte ihm der Verkäufer versichert. «Er hatte Recht. Es ist höchste Zeit, dass ich wieder mal nach St. Gallen gehe und mich bei ihm melde», strahlt Eric.

Eric Ashok Ledergerber ist Doppelbürger: die Mutter Inderin, der Vater Schweizer. Geboren ist Ashok Ledergerber in Neu-Delhi, studiert hat er in der Schweiz an der Universität St. Gallen HSG. Er half Groupon aufzubauen, ein US-amerikanisches Unternehmen, das Webseiten mit Rabatt-Angeboten betreibt. Nach weiteren Stationen war er irgendwann noch für den Lufthansa-Konzern tätig, bevor er sich Anfang dieses Jahres entschloss, seine Zelte in der Schweiz ganz abzubrechen und nach Delhi zu ziehen. Dort hat er sich einem Ziel verschrieben: dem Kampf gegen die schlechte Luft in Indien.

Sich damit zu befassen, begann er schon früher, vor vier Jahren, «aus purer Langeweile», wie er bei einem Treffen mit Schweizer Journalisten, die auf Einladung des Schweizer Reiseanbieters Travelhouse Mitte September Indien bereisten, gesteht.

An gewissen Tagen nicht auszuhalten

Ashok Ledergerber stand nach einem Unfall eine längere Therapie bevor. Um sich abzulenken, begann er sich mit dem Thema Luftverschmutzung zu befassen. Denn in Neu-Delhi kann es ganz schön stickig werden. Besonders im Winter, wenn zum Wärmen überall Feuer entfacht werden oder die Bauern nach der Ernte die Felder draussen vor der Stadt abbrennen. Dann sei es in der 20-Millionen-Metropole an gewissen Tagen nicht mehr zum Aushalten, sagt er.

Er wolle Aufmerksamkeit für das Thema Luftverschmutzung generieren, betont Ashok Ledergerber. Das ist einfacher gesagt als getan. Erst recht in Indien, wo viele stolz sind, welchen Widrigkeiten sie trotzen. Zu Beginn wurde Ashok Ledergerber in erster Linie mal für verrückt erklärt. Mit Barun Aggarwal (44) fand er dann aber einen Mitstreiter. Dessen Schwiegervater bekam wegen der schlechten Luft immer mehr Lungenprobleme. Die Ärzte malten schwarz, meinten, er müsse Delhi verlassen. Barun Aggarwal stopfte das Firmengebäude seines Schwiegervaters voll mit 7000 Pflanzen. Zimmerpflanzen sehen nicht nur schön aus, sie können auch das Raumklima verbessern, weil sie Schadstoffe aus der Luft aufnehmen und abbauen. Die Pflanzenpracht in Aggarwals Haus verfehlte seine Wirkung nicht. Ein halbes Jahr später hatte sich der Gesundheitszustand des Schwieger­vaters deutlich verbessert.

Langsam findet ein Umdenken statt

Aggarwal und Ashok Ledergeber haben aus ihrem Anliegen ein Geschäft gemacht. Breathe Easy, ein Spin off, sorgt bei Firmen für bessere Luft. Denn Luftverschmutzung tritt nicht nur draussen auf. Es ist der Feinstaub, der in Büros für schlechtes Klima sorgt und negativen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hat. Breathe Easy spürt Lecks auf und verwandelt Grossraumbüros in grüne Oasen. Dabei arbeiten Ashok Ledergerber und Aggarwal eng mit einer Schweizer Firma zusammen, die Luftreiniger produziert. Eineinhalb Jahre lang mussten sie darum kämpfen, dass sie deren Produkte in Indien vertreiben dürfen.

Das Schweizer Unternehmen konnten sie schon mal von ihrer Mission überzeugen. In Indien ist noch immer ein langer Atem gefragt. «Man betrachtet die schlechte Luft als ein Problem der Expats», sagt Ashok Ledergerber. Zumindest ist dort die Sensibilität viel höher. Nicht umsonst setzten die Schweizer Botschaft in Delhi sowie die deutsche und die amerikanische Schule auf die Dienste von ­Brea­the Easy. Doch langsam findet ein Umdenken statt. Rückenwind erhielten Aggarwal und Ashok Ledergeber jüngst durch eine internationale Studie. Diese wies nach, dass Luftverschmutzung die hauptsächlichste Ursache für Asthma und die Lungenkrankheit COPD ist. Sie sind in Indien nach Herzinfarkten mittlerweile die zweithäufigste Todesursache, noch vor Krebs und Diabetes. Für einmal berichteten auch die Medien gross über darüber. Die «Hindustan Times», eine der grössten englischsprachigen Tageszeitungen Indiens, widmete dem Thema gar die Frontseite.

Die Aussichten bleiben vorderhand sehr düster

Wird Indien also schon bald die Luftverschmutzung in den Griff bekommen? Ashok Ledergeber ist wenig optimistisch. In den kommenden fünf Jahren sei mit keiner Verbesserung zu rechnen. Im besten Fall werde die Lage nicht noch schlechter, meint er. Grund ist unter anderem der Aufschwung. Indiens Wirtschaft boomt. Das Wachstum betrug in den vergangenen zehn Jahren stets 4 Prozent und mehr, 2016 fiel es mit 7,1 Prozent gar höher aus als jenes von China (6,7 Prozent). Für dieses Jahr ist die Regierung zuversichtlich, dass sie die 7,5-Prozent-Marke übertreffen wird, wie sie jüngst verlauten liess. Allerdings ist in Indien im Umgang mit solchen Prognosen und Zahlen Vorsicht geboten. Die Rechnungslegung kann auch schon mal über Nacht ändern, nur damit die Zahlen danach noch höher ausfallen.

Gute Luft bleibt also in den indischen Grossstädten ein Luxus. Aggarwal und Ashok Ledergeber werden weiterkämpfen und fleissig aufforsten. Für jedes Mädchen, das eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter bekommt, wird vor dem Firmengebäude ein Baum gepflanzt. In Indien, wo auch heute noch in vielen Familien Buben mehr zählen als Mädchen, ist dies ein starkes Zeichen.

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