Stellt das Militär Diktator Kim Jong kalt?

Offiziell hat Nordkoreas Propaganda den «Obersten Führer» Kim Jong Un krankgemeldet und damit dessen mehr als einmonatige Abwesenheit entschuldigt. Experten halten den Anfang vom Ende der fast sieben Dekaden herrschenden Kim-Clique für möglich.

Angela Köhler
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Kim Jong Un «Oberster Führer» Nordkoreas (Bild: ap)

Kim Jong Un «Oberster Führer» Nordkoreas (Bild: ap)

TOKIO. Ist Kim herzkrank, leidet er unter Gicht und Übergewicht, oder hat sich der Anfang 30-Jährige gar durch permanentes Tragen von Plateauschuhen die Knöchel gebrochen und ist damit so schwer gehbehindert, dass er dem Volk optisch nicht mehr zuzumuten ist? Das alles bleibt Spekulation, solange die Propaganda nicht erklärt, was das «Unwohlsein» des «Obersten Führers» zu bedeuten hat.

Im Rampenlicht steht der Vize

In jedem Fall ist er seit Anfang September vom politischen Radar verschwunden. «Da ist irgendetwas mit Kim faul», vermutet ein südkoreanischer Geheimdienstbeamter in der «Joongan Daily». Sichtbar ist, dass die öffentliche Präsenz des Diktators dessen informeller Vize Marschall Hwang Pyong So eingenommen hat. Der 68-Jährige fungiert normalerweise als Schatten von Kim Jong Un. Plötzlich steht er im Rampenlicht. Merkwürdig war schon, dass Kims Sessel im Zentrum des Podiums bei der Eröffnungssitzung des Nordkoreanischen Parlaments am 25. September zunächst leer blieb. Einen Tag später sass an dieser Stelle Marschall Hwang.

Besuch im Süden ohne den Chef

Schwer erklärbar ist auch die Symbolik bei einem überraschenden Blitzbesuch des Marschalls zum Abschluss der Asienspiele im südkoreanischen Incheon. Da landete der Marschall in der Präsidentenmaschine, einer weissen Iljuschin 62 mit Staatswappen. Begleitet wurde er von zwei Leibwächtern in dunklen Massanzügen, mit westlichen Sonnenbrillen und High-Tech-Kopfhörern im Ohr. Solch auffällige Leibwächter begleiteten bisher nur die drei bisherigen Kim-Herrscher.

Warum war Marschall Hwang überhaupt in Südkorea? Offiziell wegen der grossen Erfolge der nordkoreanischen Sportler. Aber das wäre, wenn überhaupt, eigentlich der Job des «Obersten Führers» gewesen, der durch seine persönliche Verwendung die Teilnahme der nordkoreanischen Mannschaft gegen den Widerstand der Funktionärs-Elite erst ermöglicht hatte.

Hwang traf den südkoreanischen Minister für Wiedervereinigung, lehnte aber eine Begegnung mit der Staatspräsidentin Park Geung Hye aus «Termingründen» ab, wie die Zeitung «Korea Herald» berichtet. Wollte das Militär Diktator Kim zumindest in Ausland noch nicht desavouieren? Anscheinend will das Militär aber eine andere politische Stossrichtung, wie die Visite von Marschall Hwang zeigt. Nach Monaten mit tödlichen Scharmützeln an der Grenze, Provokationen und hysterischer Kriegspropaganda sucht Pjöngjang wieder den politischen Dialog mit Seoul, vielleicht sogar die vorsichtige Wiederannäherung.

«Bis Mitte November», so wurde kürzlich nämlich vereinbart, soll es ein hochrangiges Treffen zwischen Nord- und Südkorea geben. Wer das «Paradies der Werktätigen» dabei vertritt, ist nach den jüngsten Symptomen zwar mehr als offen.

Demontage Kims im Innern

Im Inland scheint die Demontage Kim Jong Uns jedenfalls im vollen Gange. Ein merkwürdiges Foto zeigte bereits am 18. Juli, wie der Herrscher bei der Besichtigung einer Armee-Fabrik mit Füller und Notizblock den Erklärungen eines Generals lauschte und mitschrieb.

Das Bild ist ein deutlicher Traditionsbruch. Fast 70 Jahre lang haben die Kim-Diktatoren stets und mit grossen Gesten den anderen erklärt, wo es langgeht. Nun lernt der «Führer» von der Armee, ist er bereits in Ungnade gefallen?

Zurück auf die globale Bühne

Zumindest dem Militärs scheint Sorge zu bereiten, dass der große Nachbar und Beschützer China die jahrzehntelangen Sonderbeziehungen zu Nordkorea wirtschaftlichen Vorteilen mit Südkorea opfern könnte.

In seinen bisher drei Amtsjahren hat Kim Jong Un den Pekinger Staats- und Parteichef Xi Jinping nie offiziell getroffen. Seine Seouler Konkurrentin Park jedoch in ihren 18 Monaten Amtszeit bereits zweimal, zuletzt Anfang Juli. Die diplomatische Offensive der Militärs um Marschall Hwang wird deshalb in Seoul so gelesen: Die Isolationspolitik hat geschadet, Pjöngjang will zurück ins politische Geschäft, damit es Peking, aber auch Washington und Tokio wieder ernst nehmen.

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