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Kolumbien: Ex-Guerilleros nach Machtwechsel in Sorge

Nach dem Sieg des Hardliners Iván Duque bei der Präsidentschaftswahl von letzter Woche steht der Frieden mit den Farc auf wackligen Beinen. Ex-Guerilleros bangen um ihre Zukunft.
Katharina Wojczenko, Medellin
Sie alle müssen sich in einem neuen Leben zurechtfinden: Nach Jahrzehnten im bewaffneten Kampf für die Farc leben diese Ex-Guerilleros nun in vom Staat bereitgestellten Siedlungen aus Gipskartonhäusern. (Bild: Bilder: Nick Jaussi (Tierra Grata, 6. Mai 2018))

Sie alle müssen sich in einem neuen Leben zurechtfinden: Nach Jahrzehnten im bewaffneten Kampf für die Farc leben diese Ex-Guerilleros nun in vom Staat bereitgestellten Siedlungen aus Gipskartonhäusern. (Bild: Bilder: Nick Jaussi (Tierra Grata, 6. Mai 2018))

Vorratsbehälter für die Küche, Parfüms, Cremes. Elisa Castro diskutiert begeistert mit ihrer Freundin die neuesten Angebote im Katalog. Der Besuch der Avon-Vertreterin ist der Höhepunkt des Tages im Wiedereingliederungscamp. Castro, 53 Jahre alt, Ex-Guerillera, rotgefärbter Kurzhaarschnitt, sagt: «Im Krieg hatten wir alles und mussten uns um nichts kümmern. Da bekamen wir das zugeteilt. Hier im Camp bekommen wir nicht einmal Deo.» Jetzt im Frieden hat sie die Wahl zwischen Blumenduft, Meeresbrise und Vanille. Das ist ebenso neu für sie, wie einen Präsidenten zu wählen. Sie hat am letzten Sonntag für Gustavo ­Petro gestimmt, den linken Kandidaten. Und verloren. Richtig überrascht hat sie das nicht. Gehofft hatte sie trotzdem. «Mit Präsident Iván Duque kann das hier ganz schnell vorbei sein.»

Gut ein Jahr ist das Friedensabkommen der Farc-Guerilla mit der kolumbianischen Regierung alt. Nach 53 Jahren Krieg gegen Staat und Paramilitärs haben die etwa 7000 Farc-Guerilleros, die grösste Guerilla Kolumbiens, ihre Waffen abgegeben und eine Partei gegründet, um ihre Ziele politisch weiterzuverfolgen.

Der Schmerz nach über 50 Jahren Krieg ist gross

Elisa Castro lebt in einem Wiedereinglie­derungscamp in Pondores, den schwülen Hinterland der kolumbianischen Karibikküste. An drei Tagen pro Woche holt sie ihren Schulabschluss nach und arbeitet im Tourismusprojekt mit, das die Gemeinschaft künftig miternähren soll. Trotzdem sagt sie: «Frieden ist nicht unbedingt besser als Krieg. Ich bin hier, weil unsere Führer es uns sagen. Und wenn sie sagen, wir sollen wieder in die Berge, dann gehe ich mit ihnen.»

35 Jahre hat Elisa Castro im Krieg gekämpft. Doch den schwierigsten Kampf führt sie jetzt: zurück ins zivile Leben zu finden. In die Welt ausserhalb des Camps, die Abschlüsse will, wo man Geld verdienen muss und wo Ex-Kämpfer immer noch um ihr Leben fürchten. Zurück in dieses Kolumbien, für das sie gekämpft haben, das sie gerechter machen wollten – und das sie nicht unbedingt will.

265 000 Menschen wurden in dem blutigen Konflikt in Kolumbien ermordet, 60 000 gelten bis heute als verschwunden, 40 000 wurden entführt. Sieben Millionen Menschen wurden vertrieben. Der Schmerz sitzt tief, bei Opfern wie Tätern, die teilweise selbst Opfer sind. Zwar besagen die Zahlen des nationalen Erinnerungszentrums, dass paramilitärische Gruppen die meisten Menschen ermordeten, gefolgt von Guerilla-Gruppen und staatlichen Sicherheitskräften. Entführungen waren jedoch eine Haupteinnahmequelle der Farc, neben Drogenhandel und Erpressung. Die Skepsis gegenüber den Ex-Kämpfern ist gross.

Ebenso wie die sozialen Ungerechtigkeiten, gegen die die Farc einst mit Waffen kämpften. Einem Prozent der Landbesitzer gehören 81 Prozent des Landes. Linke Politiker, Menschenrechtsanwälte und Gewerkschafter leben immer noch gefährlich. Eingesessene Eliten haben die Macht. Doch mit der neuen politischen Partei Farc können die wenigsten etwas anfangen. Als sie bei den Parlamentswahlen im März erstmals antrat, stimmten weniger als ein Prozent für sie. Das Demokratische Zentrum von Ex-Präsident Álvaro Uribe ­errang die meisten Stimmen.

Als Präsident hatte Uribe die Guerilleros hart bekämpft. Gleichzeitig liess die Armee Tausende unschuldige Zivilisten verschwinden. Enge Vertraute und Verwandte von Uribe wurden ­wegen Zusammenarbeit mit den Paramilitärs verurteilt. Uribe war der schärfste Gegner des Friedensabkommens, das seinem Nachfolger Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis einbrachte. Und nun hat Uribe-Günstling Iván Duque am Sonntag mit 54 Prozent die Stichwahl gewonnen. Duque hat angekündigt, das Friedensabkommen massiv überarbeiten zu wollen.

Das bereitet vielen Kolumbianern Sorgen. Für Ex-Guerilleros wie Elisa Castro sind es existenzielle. «Unsere Zukunft ist ungewiss. Alles hängt von der künftigen Regierung ab», sagt sie. «Wir können nur hoffen, dass ­Duque nicht die Politik Uribes fortführt», sagt sie. Das Vertrauen der ehemaligen Kämpfer in die bisherige Regierung ist bereits ­erschüttert. Die Regierung setzt ihren Teil des Abkommens nur schleppend um. So kommt die versprochene Landreform kaum voran. Dasselbe gilt für das Land, das den Ex-Kämpfern versprochen wurde, um darauf Häuser zu bauen und es zu bewirtschaften. Das ist auch in Pondores das grösste Gemeinschaftsprojekt. Doch das Land haben sie nur für 20 Jahre gepachtet, nicht gekauft. Maschinen haben sie auch nicht. Die Zeit wird knapp: Bis in knapp einem Jahr die staatliche Unterstützung von monatlich etwa 240 Franken wegfällt, muss die Finca einen Grossteil der 238 Ex-Kämpfer und ihrer Familien ernähren. Die Übergangshilfen sind nur auf zwei Jahre angelegt. «Alle anderen Projekte, die wir hier haben, die Schneiderei, die Tourismusinitiative, haben wir aus eigener Kraft auf die Beine gestellt», sagt Elisa Castro. Ob sie Bestand haben, weiss sie nicht. Das würdige Leben, das man den Guerilleros versprochen habe, habe sie sich anders vorgestellt.

Das gilt sogar für Arnulfo Guerra, für den der Übergang ins zivile Leben vergleichsweise einfach sein sollte: Der 48-Jährige hat bei den Farc als Sanitäter und Zahnarzt gearbeitet. Im Wiedereingliederungscamp in Tierra Grata behandelt er jetzt ehemalige Kämpfer und Zivilisten aus dem Nachbardorf. Doch ohne Diplom geht im zivilen Leben nichts. Jetzt sitzt er im Schulzimmer und lernt für den Abschluss. Fast ein Jahr hatte es gedauert, bis der im Friedensvertrag zugesicherte Unterricht losgehen konnte, weil kein Geld da war. Die norwegische Botschaft hat die Finanzierung bis Dezember gesichert. Wie es danach weitergeht, ist offen.

Ex-Rebellen leben gefährlich

Zu seiner Familie hat Guerra seit fast 30 Jahren keinen Kontakt mehr. Sein Cousin nahm ihn mit zur kommunistischen Jugend (Juco), der Nachwuchsorganisation der sozialistischen Partei Unión Patriótica. Dann begannen bewaffnete Regierungskräfte, Drogenkartelle und Paramilitärs, die linken Politiker umzubringen. Kapuzenmänner nahmen Freunde von Guerra aus der Juco mit. Sie tauchten nie wieder auf. Eines Tages kam die Polizei zu ihm nach Hause. «Sie sagten, ich würde mit der Guerilla zusammenarbeiten. Aber ich war nur bei der Juco und organisierte Demos», sagt Guerra. Da wusste er: «Mir bleibt nichts anderes übrig, als zur Guerilla zu gehen. Beim nächsten Mal hätten sie mich umgebracht.»

Damals war er 19 Jahre alt. Seitdem hat er nicht mit seiner Familie gesprochen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Daran hat auch der Friedensprozess nichts geändert. Guerra stammt aus Córdoba, bis heute eine ­Gegend, in der Paramilitärs aktiv sind. Nach dem Rückzug der Farc hat der Staat es nicht geschafft, die Gebiete zu stabilisieren. Neoparamilitärische Gruppen, ELN-Guerilleros, Farc-Dissidenten sowie Drogenkriminelle haben die Macht übernommen. Seit Unterzeichnung des Abkommens wurden mehr als 50 Farc-Mitglieder oder Familienangehörige ermordet. Guerra: «Wahrscheinlich glauben meine Verwandten, dass ich tot bin. Ich melde mich erst bei ihnen, wenn ich weiss, wie das hier weitergeht.» Das mit dem Frieden.

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