Stehaufmann unter Druck Banker Gegen Carsten Kengeter, Chef der Deutschen Börse, wird wegen Insiderhandel ermittelt. Der frühere UBS-Manager kennt sich mit Krisen aus.

Kopf des Tages

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Carsten Kengeter ist wieder einmal in Bedrängnis. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ermittelt gegen den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse. Es geht um ein millionenschweres Aktiengeschäft. Der 49-jährige Manager hatte Mitte Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Anteilsscheine der Deutschen Börse erworben. Nichts Verwerfliches, auf den ersten Blick. Nur: zwei Monate später wird der geplante Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange bekannt. Der Aktienkurs zog merklich an, und Kengeters Paket war plötzlich ein Mehrfaches wert. Ein Insidergeschäft vermuten die Staatsanwälte.

Noch hat Kengeter Rücken­deckung: Die Deutsche Börse hat sich klar hinter ihn gestellt und die Vorwürfe als «haltlos» bezeichnet. Gut möglich also, dass der frühere UBS-Mann seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Es wäre nicht das erste Mal.

Der Investmentbanker hat bei Goldman Sachs Karriere gemacht und hat 2008 zur Schweizer Grossbank UBS gewechselt. Dort ist der 1,96-Meter-Hüne rasch nach oben gestossen. Der Aufstieg in der Hierarchie machte sich auch auf seinem Lohnausweis bemerkbar. 2009 und 2010 stand er als Investmentbanking-Chef mit 13 Millionen beziehungsweise 9 Millionen Franken an der Spitze der Salär-Hierarchie der UBS. Unter dem früheren CEO Oswald Grübel wurde der Schwabe gar als Kronprinz für dessen Nachfolge gehandelt.

Am 15. September 2011 waren diese Spekulationen auf einen Schlag beerdigt. An jenem Tag wurde bekannt, dass ein Junior-Händler namens Kweku Adoboli der Bank über zwei Milliarden Dollar Verluste beschert hat. Als Chef der Investmentbank fiel Kengeter die Verantwortung für das Debakel zu. Von Anfang an war klar, dass die UBS, die sich nach dem Beinahe-Bankrott stark um eine Imagekorrektur bemühte, personelle Konsequenzen ziehen musste.

Doch zur Überraschung vieler konnte sich Kengeter, der mit seiner Familie in einem Haus in Wimbledon lebt, vorerst als Chef der Investmentbank halten. Das hatte er seinem Mentor Grübel zu verdanken. Dieser nahm die ganze Schuld auf sich und trat ab. Kengeter wurde danach trotzdem schrittweise entmachtet. 2013 verliess er die Bank.

Ein Jahr später tauchte der Manager, der Mandarin und fünf weitere Sprachen spricht, wieder auf. Als Quereinsteiger landete Kengeter 2014 bei der Deutschen Börse und beerbte dort Reto Francioni. Der Schweizer sass zehn Jahre auf dem Chefsessel von Deutschlands grösstem Börsenbetreiber. Kengeters Hauptaufgabe lag darin, Bewegung in die Fusionsgespräche zwischen London und Frankfurt zu bringen.

Doch kaum hatte er auf dem Chefsessel Platz genommen, wurde er von seiner Vergangenheit eingeholt. Gezielt wurde in den Medien das Gerücht gestreut, Kengeter trage eine Mitschuld für den Libor-Skandal. Der frühere UBS-Händler Tom Hayes hat Kengeter wiederholt vorgeworfen, von den unlauteren Manipulationen am Libor-Zins gewusst zu haben. Hayes landete dafür im Gefängnis, die UBS musste 1,7 Milliarden Dollar Strafe zahlen. Kengeter war zwar genötigt, sich zu verteidigen. Doch er überlebte den Sturm. Ob ihm das auch dieses Mal gelingt?

Roman Schenkel