Städte nur für Frauen

Die Geschlechtertrennung verwehrt in Saudi-Arabien vielen Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt. Jetzt sollen Städte nur für weibliche Berufstätige entstehen.

Rolf Hohl
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Gut die Hälfte der Hochschulabsolventen in Saudi-Arabien ist weiblich. Studien der Universitäten haben ergeben, dass sie zudem im Durchschnitt besser abschneiden als ihre männlichen Kommilitonen – dennoch ist ein Grossteil von ihnen nach dem Abschluss arbeitslos. Grund dafür ist die vom Wahhabismus, einer sehr konservativen und dogmatischen Auslegung des islamischen Rechts, diktierte Geschlechtertrennung. Dies hat zur Folge, dass nur wenige Betriebe Frauen und Männer beschäftigen, was vielen Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt und zu mehr finanzieller Unabhängigkeit verwehrt. Lediglich 15 Prozent der Berufstätigen in Saudi-Arabien sind weiblich. Das soll sich ändern.

Ungenutztes Potenzial

Wie die britische Zeitung «The Guardian» berichtet, will eine Gruppe von Geschäftsfrauen mit einer im ersten Moment sonderbar wirkenden Idee Abhilfe schaffen. Sie plant den Bau einer Stadt, in der künftig ausschliesslich Frauen arbeiten und leben dürfen. Laut der Behörde, die für die Errichtung von Industriestädten (Modon) zuständig ist, soll die Stadt bereits im kommenden Jahr einsatzbereit sein. Hofuf, so der Name der Projektstadt, würde demnach im Osten des Landes entstehen – vier weitere sind in Planung. Der Vizechef von Modon, Saleh al-Rashid, zeigt sich indes zuversichtlich: «Ich bin sicher, dass die Frauen in jenen Berufszweigen glänzen können, die ihren Interessen, ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten am besten entsprechen.»

Diskriminierung verringern

Es ist vorgesehen, dass die in den Arbeitsstädten ansässigen Unternehmen nur von Frauen geführt werden und ausschliesslich Mitarbeiterinnen beschäftigen. So sollen Arbeitsplätze vor allem in der Textil- und Nahrungsmittelherstellung sowie im pharmazeutischen Bereich entstehen. Das Projekt ist Teil einer Reihe von Reformbemühungen aus dem Königshaus, um die vielkritisierte Diskriminierung der weiblichen Bevölkerung zu verringern. Zu diesen Umstrukturierungen sieht sich das salafistische Regime gezwungen, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu erhalten. Die Regierung ist auf das hohe – und stetig wachsende – Potenzial der gut ausgebildeten Frauen angewiesen und wird in Zukunft wohl weitere Zugeständnisse zugunsten der Gleichberechtigung machen müssen, damit diese nicht ins liberalere Ausland abwandern.

Musterschüler mit Mängeln

Saudi-Arabien gilt zwar unter den arabischen Ländern mit 91 Prozent Einschulungsquote als Musterbeispiel im Bereich Bildung. Doch auch an den Hochschulen wird nach Geschlechtern separiert. So dürfen Frauen nur per Videoübertragung an Vorlesungen teilnehmen, die von Männern besucht werden. Das neueste Vorhaben der Regierung soll jedoch genau diese Trennung zumindest partiell aufheben. Auf der sogenannten Insel der freien Forschung wird für über 12 Milliarden Dollar eine Eliteuniversität errichtet, auf der das strenge Sharia-Recht nicht gelten soll. Dort dürften Frauen etwa auch Auto fahren und wären in jeder Hinsicht gleichberechtigt mit der männlichen Bevölkerung.