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STAATSBESUCH: Trumps Alliierter in Paris

Emmanuel Macron bei Donald Trump: Es ist das Treffen zweier ungleicher Präsidenten, die eine erstaunliche Freundschaft verbindet. Und mehr geopolitische Interessen, als man annehmen würde.
Stefan Brändle, Paris
Zugezwinkert: die Präsidenten Macron und Trump während einer gemeinsamen Pressekonferenz. (Bild: Carolyn Kaster/AP (Paris, 13. Juli 2017))

Zugezwinkert: die Präsidenten Macron und Trump während einer gemeinsamen Pressekonferenz. (Bild: Carolyn Kaster/AP (Paris, 13. Juli 2017))

Stefan Brändle, Paris

Der erste offizielle Staatsgast, den US-Präsident Trump seit seiner Wahl empfängt, heisst nicht Theresa May oder Angela Merkel, weder Justin Trudeau noch Xi Jinping. Die Ehre gebührt einem Frenchman. Und Emmanuel Macron darf bei dem dreitägigen Staatsbesuch, der morgen beginnt, mit grossem Bahnhof rechnen: Der französische Staatschef wird mehrere Male mit seinem amerikanischen Gastgeber Gespräche führen; er wird zusammen mit Gattin Brigitte und den Trumps in Mount Vernon, dem Landsitz von Ex-Präsident George Washington, privat dinieren; er wird den Militärfriedhof von Arlington besuchen, im Weissen Haus Hauptgast eines Galadinners sein und vor dem US-Kongress sprechen – unter anderem.

Eigentlich seltsam, Trump und Macron könnten nicht unterschiedlicher sein. Hier der hemdsärmelige, steinreiche und populistische Immobilienmagnat, spät zur Politik gekommen und Grund zur Scham für viele seiner Landsleute. Dort der elegante, gutbürgerliche und frühberufene Eliteschulabsolvent, Mittepolitiker mit supranationalen Neigungen und der Aura eines Heilsbringers.

Macron nimmt Trump «à l’américaine»

Und doch rollt der 71-jährige Polterer dem 40-jährigen Charmeur als erstem den roten Staatsteppich aus. Macron sei ein «great guy», hatte Trump schon im vergangenen Jahr erklärt. Bei einem virilen Handshake hatte ihm der Franzose vor den Kameras die Hand so lange und hart geschüttelt, bis der Amerikaner nachgab. Den Tipp hatte er vom französischen Botschafter in Washington. Damit hatte sich Macron Trumps Respekt gesichert. Am französischen Nationalfeiertag, dem Quatorze Juillet, eroberte er auch sein Herz, als er ihn an die Truppenparade auf den Champs-Elysées einlud. «Er rief mich an und sagte, ich solle nach Paris kommen und Frankreich beehren», erzählte Trump später im Interview. «Ich fragte, ob er sicher sei, dass das eine gute Sache sei. Schliesslich hatte ich mich eben aus dem Klimaabkommen zurückgezogen. Er antwortete: Die Leute lieben Sie in Frankreich. Ich sagte, okay, ich will sie nicht vor den Kopf stossen.»

So läuft das unter Staatsmännern. Trump schwärmt noch heute vom «unglaublichen» Militärdéfilé in Paris, er lässt vom ­Pentagon sogar ein eigenes aufziehen. Der Franzose hat es dem Amerikaner offensichtlich angetan. «Mit Schmeichelei und Muskelmessen hat Macron den Code geknackt, um sich mit Trump zu verstehen», schreibt die «Washington Post».

Macron, der seit seiner Zeit als Investmentbanker Englisch spricht, nimmt den ungehobelten Amtskollegen aus Amerika «à l’américaine» – schulterklopfend und mit leicht übertriebener Herzlichkeit. Als Staatsoberhaupt sei man gut beraten, «mit allen zu sprechen», theoretisiert er schon früh im Elysée. Sogar mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad würde er verhandeln, wenn das Menschenleben retten könnte, meinte er ohne Anflug eines Zweifels: Mit allen zu sprechen, heisse ja nicht, mit allem einverstanden zu sein.

Auch mit Trump? «Ich habe eine starke und konstante persönliche Beziehung zu ihm», sagte er ohne Umschweife. «Ich bin immer sehr direkt und offen zu ihm. Manchmal überzeuge ich ihn, manchmal nicht», erklärte er beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu dem Klimaabkommen, das der US-Präsident aufgekündigt hat. «Ich habe ihn schon unberechenbar erlebt, aber nie unkohärent. Bei den letzten Zielen sind wir uns zum Schluss aber immer einig.»

Unkonventionell, streitlustig und selbstverliebt

Denn bei allen Unterschieden haben die beiden Präsidenten mehr gemeinsam, als zu erwarten wäre. Sie seien beide «untypische Charaktere» in ihrem jeweiligen Land, analysierte Macron selbst. Beide haben etwas Unkonventionelles und lieben es, festgefügte Normen zu brechen; sie neigen zur Selbstverliebtheit, auch wenn dies Macron geschickter verdeckt als Trump. Sie mögen die TV-Streitgespräche und suchen die politische Konfrontation, wohl nicht zuletzt, weil sich beide dem Gegner überlegen fühlen.

Und beide schätzen es, jenseits des Atlantiks einen Verbündeten zu haben. Schon jetzt wiederholen die Elysée-Berater, Frankreich sei der älteste Alliierte der USA. Die zwei Länder hätten nie Krieg gegeneinander geführt; vielmehr habe General La Fayette den Amerikanern gegen die britische Kolonialmacht zur Unabhängigkeit verholfen; umgekehrt hätten die USA Frankreich vor Nazideutschland befreit. Diese historischen Bande werden in den nächsten Tagen in Washington und Arlington – wo auch zehn französische Militär beerdigt sind – gebührend zele­briert werden.

Auffällig ist vor allem, dass die «special relationship» im Zeitalter Trumps offenbar nicht mehr den Briten gilt, sondern den Franzosen. Mit Theresa May verbindet den US-Präsidenten ein viel kühleres Verhältnis als mit Macron, der ihn zu «nehmen» versteht. Der französische Prä­sident ist aber kein simpler Schmeichler, sondern ein kühler Stratege. Frankreich, so bekennt er, habe alles Interesse an einer privilegierten Partnerschaft mit den USA, welche «die erste Weltmacht bleiben».

Macron ist nicht auf Trump angewiesen

Bloss, ist Macron für Trump mehr als der «Pudel», den Tony Blair im Irak-Krieg laut den bösen Zungen für George W. Bush spielte? Der Unterschied – er ist mehr als eine Nuance – liegt darin, dass Macron nicht auf Trump angewiesen ist. Frankreich kann sich, wie schon Charles de Gaulle vormachte und Jacques Chirac gerade im Irak-Krieg bestätigte, auch sehr unabhängig und blockfrei gebärden. Nato-Strategen können davon ein Lied singen.

Macron hatte zudem – wieder einmal – Glück. Er hatte mehrfach angekündigt, Frankreich würde im Fall eines Chemiewaffeneinsatzes in Syrien eingreifen, und redete bei drei Telefongesprächen auf Trump ein, mitzumachen. Ob von Macron oder seinen Generälen, der Amerikaner liess sich überzeugen. 2013 hatte der damalige französische Präsident François Hollande das syrische Regime nach einem ebenso fürchterlichen Gasangriff bereits abstrafen wollen; Barack Obama brach die Vorbereitungen aber im letzten Moment ab und liess Hollande kläglich im Regen stehen.

Nein, Macron ist kein Mitläufer, er will im einst französischen Protektorat Syrien auch Präsenz markieren. Nur Linksaussen wie der Journalist Edwy Plenel (Mediapart) werfen ihm vor, er folge blind dem US-Kurs, der hinter den Luftschlägen gegen Damaskus doch nur den Iran treffen wolle. Macron antwortet, ihm sei es bisher gelungen, Trump von der Aufkündigung des Atomabkommens mit Teheran abzuhalten. Auch habe er erreicht, dass die USA in Syrien engagiert blieben.

Französische Selbstüberschätzung ist das nur beschränkt. Macron vermag Trump Konzessionen abzuringen. Denn er hat auch etwas zu bieten. Die Franzosen gehen mit den Ameri­kanern einig, dass die Europäer einen grösseren Anteil an der sicherheitspolitischen und damit militärischen Lastenteilung übernehmen sollten. Washington kämpfe in Syrien zuvorderst gegen die Dschihadisten, Paris seinerseits im afrikanischen Sahel, sagt Macron. Er meint es nicht zuletzt an die Adresse Deutschlands, teilt er doch sicherlich Trumps bekannten Twitterspruch: «Sie (die Deutschen) zahlen viel weniger, als sie für Nato und Militär sollten.»

Der Beginn des Satzes lautete: «Wir haben ein massives Handelsdefizit mit Deutschland.» Dasselbe gilt für Frankreich. Auch wenn es Macron bestreitet, auch wenn er am Donnerstag nach Berlin reiste, um sich vor seiner US-Visite mit Angela Merkel abzusprechen, wie seine Berater betonten: Richtung USA zu blicken bedeutet in Paris notgedrungen, Deutschland den Rücken zu kehren. Und sei es nur für drei Tage.

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