Spitzenverdiener am Pranger

Die britische Regierung veröffentlicht die hohen Gehälter von öffentlich Bediensteten. Diese Transparenz soll helfen zu sparen. Schon kürzen sich einzelne Beamte ihre Löhne.

Sebastian Borger
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Bettler in Grossbritannien: Die sozialen Gräben werden tiefer. Nun nimmt die Regierung die Spitzenverdiener unter den Beamten ins Visier. (Bild: ap/Emilio Morenatti)

Bettler in Grossbritannien: Die sozialen Gräben werden tiefer. Nun nimmt die Regierung die Spitzenverdiener unter den Beamten ins Visier. (Bild: ap/Emilio Morenatti)

London. Von der neuen Sparsamkeit soll in Grossbritannien niemand verschont bleiben. Nachdem im Nachtragshaushalt in der vergangenen Woche vor allem Sozialleistungen gestrichen oder gekürzt wurden, nimmt die neue liberal-konservative Koalitionsregierung jetzt Grossverdiener im öffentlichen Dienst aufs Korn. Eine detaillierte Liste benennt jene 332 Beschäftigten der Londoner Zentralregierung, deren Einkünfte das Jahresgehalt des Premierministers von umgerechnet 229 420 Franken übertreffen.

Gehälter verselbständigten sich

Von der grösseren Transparenz erhofft sich die Regierung Kostendruck nach unten. «Dies wird die Verantwortlichkeit erhöhen und zu effizienterer öffentlicher Verwaltung beitragen», sagt der konservative Kabinetts-Staatssekretär Francis Maude.

Das Kabinett unter Leitung des konservativen Premierministers David Cameron war im Mai mit gutem Beispiel vorangegangen: Es beschloss die Kürzung sämtlicher Ministergehälter um fünf Prozent.

Regierungsmitglieder fahren neuerdings in der Bahn in der zweiten Klasse und verzichten auf je eigene Dienstwagen.

Solcherart Sparsamkeit ist bei den unter der vorangegangenen Labour-Regierung aufgeblähten nachgeordneten Behörden vielerorts unbekannt. Allein in der Staatsagentur für die Organisation der Olympischen Spiele 2012 in London erhalten nicht weniger als 15 Mitarbeiter mehr Geld als der Premierminister.

Deren Chef David Higgins bringt es auf umgerechnet stolze 627 900 Franken im Jahr zuzüglich Pensionsansprüchen. Den Vogel schiesst das Besoldungsgesamtpaket des Behördenleiters für den Rückbau von Nuklearanlagen ab: Es beträgt 848 160 Franken. Dagegen nehmen sich die Jahresvergütungen der Geheimdienstchefs John Sawers (MI6) und Jonathan Evans (MI5) mit 265 650 beziehungsweise 249 550 Franken vergleichsweise bescheiden aus.

Auch die BBC ist unter Druck

In der Wirtschaftskrise muss auch die BBC den Gürtel enger schnallen: Bis ins Jahr 2013 will der bekannteste öffentlichrechtliche Sender der Welt rund ein Fünftel seiner Topmanager einsparen und den Verbleibenden deutlich weniger Lohn bezahlen. Intendant Mark Thompson pflegte sein Gehalt jahrelang mit dem Hinweis zu verteidigen, er könne in der Privatwirtschaft «dreimal so viel verdienen». Immerhin erhält Thompson mit jährlich 1,38 Millionen Franken deutlich mehr als fünfmal so viel wie der Premierminister.

Der Aufsichtsrat der Anstalt hat jetzt verlangt, in Zukunft sollten auch die Gehälter der wichtigsten Bildschirmstars offengelegt werden. Bisher hüllt sich der durch eine jährliche Rundfunkgebühr (derzeit 241 Franken pro Jahr) finanzierte Sender in Schweigen. Aus Papieren, die den Medien zugespielt wurden, ist aber bekannt geworden, dass es Stars wie «Newsnight»-Ankermann Jeremy Paxman auf gut eine Million Pfund im Jahr bringen, also auf 1,61 Millionen Franken.

Erste Wirkungen

Die bereits im Wahlkampf angekündigte Veröffentlichung der Spitzengehälter, in Grossbritannien jetzt knapp «naming and shaming» genannt, zeigt bereits erste Wirkungen. Der Direktor und der Aufsichtsratschef der Telekom-Aufsichtsbehörde Ofcom haben ihre stolzen Gehälter freiwillig um zehn Prozent gekürzt, und die Spitzenbeamten der Stadt Liverpool verzichten ab sofort auf Bonuszahlungen.

Die ursprünglich als Leistungszulagen gedachten Boni waren im Wirtschaftsboom vielerorts zu einer selbstverständlich in Anspruch genommenen Zusatzzahlung verkommen.