Italien und Spanien haben früh harte Massnahmen verhängt: Die Menschen reagieren zunehmend gereizt – sie wollen ihre Freiheit zurück

Die Menschen haben genug vom Freiheitsentzug. Ein Bericht aus Madrid und Rom.

Ralph Schulze aus Madrid und Dominik Straub aus Rom
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Wer kann, geht mit dem Hund raus: Gassigehen ist in Spanien noch erlaubt.

Wer kann, geht mit dem Hund raus: Gassigehen ist in Spanien noch erlaubt.

Bild: Imago Images

Ganz Spanien steht unter Corona-Hausarrest. Die seit 15. März geltenden Beschränkungen der Bewegungsfreiheit sind neben jenen Italiens die härtesten Europas. Die 47 Millionen Spanier dürfen nur noch aus zwingenden Gründen vor die Tür. Und dann auch nur alleine. Lebensmittelkauf, Arztbesuch und das Gassi gehen mit den Vierbeinern ist erlaubt.

Spaziergänge, Joggen und Fahrradtouren dagegen nicht. Der Gang zum Arbeitsplatz auch nicht, Fabriken und Büros sind geschlossen. In Spanien beneidet man die Nachbarländer, wo die Menschen meist wenigstens noch zum Sport und zur Bewegung an die frische Luft können. Selbst in Italien dürfen Kinder, in Begleitung Erwachsener, mal kurz zum Durchatmen vor die Tür. In Spanien nicht.

Frauen und Kinder häufiger Opfer von Gewalt

Eine harte Probe für die Bevölkerung, die sich bisher in ihr Schicksal fügt, auch wenn das Murren nach fast drei Wochen Freiheitsentzug lauter wird. Viele wünschen sich jetzt einen Hund, um mit diesem einmal rauszukommen. Einige Hundebesitzer versuchen ein Geschäft daraus zu machen und bieten ihre Vierbeiner zur stundenweisen Vermietung an.

Doch die Ordnungshüter sind wachsam. Auch Hundehalter werden abgestraft, wenn sie sich mehr als 200 Meter von ihrer Wohnung entfernen. Oder wenn sie länger als zum Gassi gehen notwendig auf der Strasse sind. Landesweit wurden schon mehr als 250000 Geldbussen verhängt – das Minimum liegt bei 600 Euro.

Derweil meldet Spaniens Gleichstellungsministerium, dass die Hilferufe von Frauen, die sich von ihrem Partner misshandelt fühlen, zunehmen. Es habe im März, verglichen mit dem Vormonat, 18 Prozent mehr Anrufe beim staatlichen Notruf für Gewaltopfer gegeben. Auch die Beratungsstelle Anar, an die sich drangsalierte Kinder wenden können, registriert mehr Hilfsgesuche.

Eine Lockerung der Ausgangssperre, die zunächst bis Ostern gilt, ist noch nicht in Sicht. Eher im Gegenteil: Angesichts steigender Infektionszahlen denkt die Regierung an eine Verlängerung bis Ende April. Erst bei Besserung der Lage werde es eine schrittweise Normalisierung geben, heisst es.

Zu den ersten Freiheiten könnte dann gehören, dass die Menschen wieder zum Arbeiten und zur Körperertüchtigung raus können. Und dass Kinder zum Spielplatz dürfen. Die Tageszeitung «La Vanguardia» fragt bereits: «Warum dürfen die Hunde auf die Strasse und die Kinder nicht?»

Die Gesänge der Italiener sind längst verstummt

Wie die Spanier, zählen auch die Italiener zu den Quarantäne-Pionieren Europas. Hier gelten die Ausgehbeschränkungen und die Kontaktsperre sogar noch länger: im ganzen Land seit dem 10. März, in einzelnen Regionen des Nordens begannen sie noch früher. Die sonst so geselligen Bewohner des Belpaese befinden sich nun seit vier Wochen mehr oder weniger eingesperrt in ihren vier Wänden. Und das erst noch ohne TV-Fussballübertragungen.

Das schlägt aufs Gemüt. Die Gesänge auf den Balkonen, mit denen man sich Mut machte, sind verstummt. Jeder versucht, mit sich selber und – sofern vorhanden – mit den Familienangehörigen zurechtzukommen.

«Wir hoffen einfach, dass das alles bald vorbei ist», hört man in den Warteschlangen vor den Supermärkten. Und: «Man gewöhnt sich daran.» Das Warten vor den Geschäften ist praktisch die einzige Möglichkeit, einmal andere Menschen zu treffen. Von einem eigentlichen Quarantäne-Koller ist aber nicht viel zu spüren. Das liegt einerseits daran, dass sich der Sinn der Beschränkungen angesichts der Tausenden Toten den meisten Italienern erschliesst. Andererseits scheint der Tag der ersten Lockerungen in Greifweite: In den nächsten Tagen werden die Fallzahlen laut Experten zu sinken beginnen.

Die Italiener trösten sich mit dem Gedanken, dass sie jetzt zwar schon am längsten unter Quarantäne stehen – aber dass sie mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die ersten sein werden, bei denen wieder so etwas wie Normalität einkehren könnte.