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Migrationsströme: Spanien ist das neue Italien

Weil die neue Regierung in Italien die Häfen für Flüchtlingsboote schliesst, verlagert sich der Migrationsstrom aus Afrika nach Spanien. In der Region Andalusien hat sich die Zahl der Ankünfte verdreifacht.
Ralph Schulze, Motril
Migranten aus Afrika werden im andalusischen Motril in der Nacht an Land gebracht. (Bild: Carlos Gil/Getty (Motril, 12. Juli 2018))

Migranten aus Afrika werden im andalusischen Motril in der Nacht an Land gebracht. (Bild: Carlos Gil/Getty (Motril, 12. Juli 2018))

Den ganzen Tag war der orangefarbene Seenotrettungskreuzer «Rio Aragón» vor der südspanischen Küste im Einsatz. Mehr als 100 Menschen halfen die Retter binnen weniger Stunden aus dem Wasser. Die Migranten waren in kleinen, wackeligen Kähnen aus Holz oder Gummi unterwegs. «So geht das fast jeden Tag», sagt Juan Alcausa. Der Koordinator des Roten Kreuzes im südspanischen Küstenort Motril wartet mit seinem Team im Hafen auf die Geretteten. Jetzt, wo das Meer ruhiger sei, schickten die Menschenschlepper auf der anderen Seite des Mittelmeers besonders viele Boote auf die Reise. «Wir stehen vor einem heissen Flüchtlingssommer», befürchtet Alcausa. Im August könnte es noch schlimmer werden. Die 60 000-Einwohner-Stadt Motril in der andalusischen Provinz Granada ist einer der neuen Brennpunkte des Migrationsdramas am Mittelmeer.

Spanien, so scheint es, ist für die Flüchtlinge zum neuen Italien geworden – zum wichtigsten Migrationsziel in Südeuropa. Während an italienischen Küsten immer weniger Boote ankommen, hat sich die Zahl der Ankünfte in der spanischen Region Andalusien verdreifacht. Der Rotkreuzmann Alcausa glaubt nicht, dass sich dies schnell wieder ändert. Der Weg Richtung Italien ist weitgehend gekappt. Das liegt daran, dass die EU die Zusammenarbeit mit Libyens Küstenwache verstärkt hat. Zudem hat die neue Regierung in Rom die Häfen für Flüchtlingsboote geschlossen.

800 Euro für 180 Kilometer

Viele der Migranten, die an diesem Nachmittag in Motril vom Rettungsschiff «Rio Aragón» auf die Hafenmole klettern, haben Schwimmwesten an. Andere sind in rote Decken gehüllt, weil sie ausgekühlt sind. Fast alle sind Schwarzafrikaner aus Ländern südlich der Sahara. Nach den ersten Schritten auf dem europäischen Kontinent gehen einige auf die Knie, küssen den Boden. Manche recken triumphierend die Arme in die Höhe. «Trotz des Dramas, das sie auf ihrer Reise nach Europa durchmachen, sind sie glücklich, wenn sie hier ankommen», sagt Juan Alcausa. Die Hoffnung auf ein besseres Leben sei offenbar grösser als all das Leiden, das sie durchgemacht haben. Sie alle müssen die Sahara durchqueren, wo laut Schätzungen mehr Migranten sterben als im Mittelmeer. Der 26-jährige Abouo brauchte ein Jahr, um sich von seinem westafrikanischen Heimatland Elfenbeinküste über Mali und Mauretanien durch die Wüste bis nach Marokko durchzuschlagen – unterwegs hat er immer wieder gearbeitet, um Geld für die Weiterreise zu besorgen. «Viele junge Leute in meinem Land wollen nur weg», sagt er. Und alle hätten nur ein Ziel: Europa.

«Rund 50000 Schwarzafrikaner warten in Marokko darauf, das Mittelmeer zu überqueren», meldete die Zeitung «El Mundo» unter Berufung auf spanische Sicherheitsbehörden. Manche versuchen es zunächst über die spanischen Nordafrika-Exklaven Melilla oder Ceuta. Andere versuchen gleich, von Marokko aus nach Spanien überzusetzen. So hat es auch Abouo gemacht. An der marokkanischen Küste bezahlte er einem Schlepper 800 Euro für die 180 Kilometer lange Überfahrt. Ja, er habe Angst im Boot gehabt, berichtet er. Warum er es trotzdem wagte? «In Afrika gibt es keine Arbeit und viele Probleme.» In Motril erwartet ihn zunächst die Festnahme. Der junge Afrikaner, der in der Heimat Lastwagenfahrer war, wird wie alle anderen von der Polizei in ein geschlossenes Auffanglager im Hafen überführt.

Überforderte Behörden

Die Halle, die früher der Fischindustrie diente, ist mit Menschen überfüllt. Die Zustände seien erbärmlich, beklagt die andalusische Politikerin Maribel Mora von der linken Partei Podemos: «Dies ist ein Haftzentrum, wo sie in Zellen gesteckt werden. Obwohl dies Menschen sind, die auf dem Meer gerettet wurden und viele von ihnen das Trauma eines Schiffsbruchs hinter sich haben.» Auch Frauen und Babys würden dort eingepfercht. Menschenunwürdig sei dies. «Es gibt kaum Platz für die Matratzen auf dem Boden.» Etwas besser sind die Zustände in einer Sporthalle im Norden Motrils, wo ein weiteres provisorisches Lager eingerichtet wurde. In diesen Zentren verbringen die Migranten die ersten 72 Stunden nach ihrer Ankunft. Es sind entscheidende Stunden. In dieser Frist entscheidet die Ausländerpolizei über ihr Schicksal. Über Ausschaffung oder Freiheit. Die meisten werden Glück haben und können später mit Freilassung rechnen. Weil sie im Lager einen Asylantrag stellen, der sie vor Abschiebung schützt. Weil Identität oder Herkunftsland nicht zweifelsfrei geklärt werden können. Oder sie kommen frei, weil sie Platz für die nächsten Schiffbrüchigen machen müssen.

38 andalusische Hilfsorganisationen haben eine Protesterklärung verfasst: «Spanien reagiert mit besorgniserregender Improvisation auf die Migrationskrise.» Unter den Unterzeichnern befindet sich die Bürgerplattform «Motril Acoge» (Motril nimmt auf), welche Migranten mit Kleidung und Lebensmitteln hilft. «Es mangelt an staatlicher Vorsorge», beklagt Miguel Salinas, Sprecher von Motril Acoge. Er warnt: «Das stetige Gefühl, dass die Lager überfüllt sind, facht eine fremdenfeindliche Stimmung in der Bevölkerung an.» Davon hat der Polizist, der draussen vor dem Flüchtlingslager Wache schiebt, noch nichts gespürt. Eigentlich darf er nichts sagen. Dann bricht er doch das Schweigen: «Erzählt allen die traurige Wahrheit – das ist ein Drama.» Die Menschen, die er bewachen muss, tun ihm leid: «Das sind sehr anständige Leute. Gehorsam und fleissig. Die machen uns keine Probleme.» Die meisten wollten ohnehin nicht in Spanien bleiben, sagt der Polizist. «Die wollen alle nach Frankreich. Und nach Deutschland.» Warum? «Die gucken in ihren Heimatländern auch Fernsehen», sagt Rotkreuzmitarbeiter Alcausa. «Sie glauben, dass es ihnen in Deutschland oder Frankreich besser geht als in Spanien.»

Das Rote Kreuz, das im staatlichen Auftrag handelt, hilft den Migranten: Von Südspanien aus werden die Flüchtlinge mit Butterbrot, Wasserflasche und einem Busbillett weiter Richtung Norden geschickt. «Nur die Ärmsten der Armen bleiben in Spanien hängen», sagt Pater José von der katholischen Kirchgemeinde in Motril. Etwa jene, die keine Kontakte in andere Länder haben. Auch für Migranten, die nur tot aus dem Meer geborgen werden können, ist Spanien die letzte Station – sie werden auf dem städtischen Friedhof begraben.

«In Europa ist alles besser als in Afrika»

«Wer in Spanien bleibt, endet meist in der Landwirtschaft», sagt José García von der Gewerkschaft Soc-Sat. Gleich hinter Motril beginnen die Plantagen. Sie sind Teil von Europas grösstem Gemüsegarten. Ein Meer aus Gewächshäusern, das sich bis zur 100 Kilometer östlich liegenden Hafenstadt Almería erstreckt. Hier wachsen das ganze Jahr Salat, Tomaten, Zucchini oder Peperoni. Mittendrin wuchern Slums, in denen Tausende Tagelöhner in Plastikhütten hausen.

Der 24-jährige Tidiane aus Senegal will sich bald Arbeit auf den Plantagen suchen. Jetzt, wenige Tage nach seiner Ankunft in Motril, verdingt er sich erst einmal als Händler am Strand. Er verkauft Sonnenbrillen. Tidiane ist in Motril geblieben, weil sein Bruder dort ist. Der kam ebenfalls per Boot. Auch wenn das Überleben nicht einfach und die Angst vor Ausschaffung allgegenwärtig ist: Tidiane hat die riskante Reise bisher nicht bereut. Er glaubt fest an das, was ihm sein Vater zu Hause immer gesagt hat: «In Europa ist alles besser als in Afrika.»

Insgesamt weniger Ankünfte in Europa

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen in Spanien seit Jahresbeginn rund 21000 Flüchtlinge und Migranten per Boot an. Das sind dreimal so viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch in Spaniens nordafrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla, die durch einen Stacheldraht-Grenzwall abgeschottet sind, steigt der Druck: Bisher wurden in diesen beiden Städten seit Januar mehr als 3100 Ankünfte registriert. Dieser Tage stürmten in Ceuta rund 600 Afrikaner den Grenzzaun und gelangten auf spanischen Boden. In Griechenland steigt ebenfalls die Zahl der Ankünfte, aber sehr viel moderater als in Spanien: An griechischen Küsten kamen 2018 bisher knapp 16000 Migranten an. Innenminister fordert mehr EU-Hilfe In Italien, das 2017 noch das Hauptziel der Migration übers Mittelmeer war, kommen derweil immer weniger Boote an: 2018 landeten in Süditalien bisher 18000 Menschen, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 95000. Auch wenn Spanien in diesem Sommer zum neuen Brennpunkt der Migration wurde, hat sich die Gesamtzahl der Menschen, die übers Mittelmeer nach Südeuropa kamen, 2018 halbiert: Seit Jahresbeginn wurden laut IOM an Südeuropas Küsten 55000 Migranten registriert, im Vorjahr waren es noch 112000 Menschen. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska forderte am Wochenende mehr EU-Hilfe bei der Bewältigung der Krise: «Das Migrationsproblem ist ein Problem Europas und erfordert eine europäische Lösung.» (rsm)

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