Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kirchenspaltung ist Realität: Streit um orthodoxe Kirche eskaliert

Die Russisch Orthodoxe Kirche will dem Patriarchat in Konstantinopel seine theologische Vormachtstellung streitig machen. Zum Bruch führte nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine.
Stefan Scholl, Moskau
Der russische Patriarch Kiril (Mitte) während einer Messe. (Bild: Igor Palkin/AP, Moskau, 21. September 2018)

Der russische Patriarch Kiril (Mitte) während einer Messe. (Bild: Igor Palkin/AP, Moskau, 21. September 2018)

Liturgisch herrscht jetzt Krieg. Die Russisch Orthodoxe Kirche (kurz RPZ) hat am Dienstag alle Kontakte zum Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel abgebrochen. Und sie hat ihren Priestern verboten, künftig gemeinsam mit dessen Geistlichen Gottesdienst zu feiern. Auch einfache Gläubige dürfen nicht mehr in den Kirchen der Gegenseite beten.

Nach einer Sitzung in Minsk unterstellte die Heilige Synode der RPZ in einer Erklärung dem Patriarchat in Konstantinopel einen «Übergriff auf das kanonische Gebiet der RPZ». Die Russen unter ihrem Moskauer Patriarchen Kiril laufen Sturm gegen die Entscheidung Konstantinopels vom vergangenen Donnerstag, die ukrainischen Orthodoxen des Kiewer Patriarchats als eigenständige Kirche anzuerkennen. Sie hatten sich schon 1992, nach dem Zerfall der Sowjetunion, von der Ukrainisch Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats abgespaltet, Moskau betrachtet sie seitdem als Sektierer.

Um Glaubensfragen geht es bei dem Konflikt zwischen Moskau und Istanbul nicht. Die RPZ verweist auf eine Entscheidung des Konstantinopeler Patriarchats aus dem Jahr 1686, die den Kiewer Metropoliten unter die kirchliche Hoheit des Moskauer Patriarchen gestellt hatte. Allerdings streiten sich jetzt die Kirchengeschichtler über den Anspruch der RPZ, damit sei die Ukraine territorial und endgültig in ihren kanonischen Besitz übergangen. Dahinter tobt purer Machtkampf: Während die anderen orthodoxen Landeskirchen das Patriarchat von Konstantinopel als ihre höchste ökumenische Instanz anerkennen, bestreitet die RPZ diese Vormachtstellung vehement: «Bei seiner Entscheidung, die Führer der Spaltung zu rechtfertigen und ihre Hierarchie zu ‹legalisieren›, beruft sich die Heilige Synode der Kirche von Konstantinopel auf nicht existierende ‹kanonische Privilegien›», heisst es in der Minsker Erklärung. Die RPZ, mit 150 Millionen nominellen Gläubigen die grösste orthodoxe Kirche der Welt, will Istanbul endgültig als das Rom des Ostens ablösen.

Druck auf andere Kirchen

Und das Moskauer Patriarchat hat alle anderen orthodoxen Kirchen zur Stellungnahme aufgerufen. Seine weissrussischen und ukrainischen Ableger stehen hinter ihm. Auch Kremlsprecher Dmitri Peskow äusserte die Hoffnung, dass die Weisheit siegt und die Interessen der RPZ berücksichtigt werden. Beobachter schliessen nicht aus, dass Russlands Staatsmacht die Versuche des Moskauer Patriarchats unterstützen wird, andere Orthodoxe Kirchen, etwa die Serben, auf seine Seite zu bringen. «Es könnte diplomatische Bemühungen geben, über andere Patriarchen Druck auf Konstantinopel auszuüben», sagt der kritische orthodoxe Theologe und Erzdiakon Andrei Kurajew gegenüber unserer Zeitung. Aber niemand werde wie Russland Konstantinopel alle kirchlichen Gemeinsamkeiten kündigen. Der Moskauer Patriarch Kyrill sei mit seiner Entscheidung förmlich aus dem Hochhausfenster gesprungen, das mache keine andere Kirche nach. «Sie beten weiter gemeinsam mit Konstantinopel, nach unserer Logik sind dann auch sie Sektierer, unsere Feinde, wir isolieren uns selbst.»

Andere russische Geistliche aber befürchten jetzt, dass die orthodoxen Gemeinden des Moskauer Patriarchats in der Ukraine verstärkt unter Druck geraten. Laut «New York Times» droht der RPZ in der Ukraine 12000 Gemeinden, also ein Drittel all ihrer Altäre, zu verlieren.

Die Ukrainer dagegen feiern die Rückgewinnung ihrer religiösen Eigenständigkeit. «Die RPZ war schon zu Sowjetzeiten völlig unter staatlicher Kontrolle, damals waren viele Priester KGB-Spitzel, jetzt werden sie vom FSB befehligt», sagt der Kiewer Politologe Oleksandr Solontai. Aber der ukrainische Staat werde alle Gläubigen schützen, die es vorziehen, weiter Kirchen des Moskauer Patriarchats zu besuchen.

Krieg hilft dem Kiewer Patriarchat

Der Krieg gegen die von Russland unterstützten Rebellen im Donbass seit 2014 brachte viele ukrainische Rechtgläubige gegen Russland auf. Nach verschiedenen Angaben wechselten allein 2015 und 2016 40 bis 70 Gemeinden zum Kiewer Patriarchat. Die Orthodoxen Kirchen sortieren sich neu, entlang einer Front, die die Politik schon vor Jahren aufgemacht hat.

Die Moskauer Öffentlichkeit diskutiert derweil die praktischen Folgen des Bruchs mit Konstantinopel. Viele Medien vermerkten mit Bedauern, dass auch die Klöster des heiligen Bergs Athos in Griechenland russischen Pilgern künftig verschlossen sein werden. Und die RPZ hat schon eine Liste der türkischen und griechischen Gotteshäuser aufgelistet, in denen Rechtgläubige aus Russland nicht mehr beten dürfen. Aber darunter werden wohl nur vereinzelte Touristen leiden. Laut der Agentur Ria Nowosti bezeichnen sich zwar 80 Prozent der Russen als orthodoxe Gläubige, aber nur 4 Prozent gehen zur Kirche.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.