Späte Einsicht – zu spät

Eine elende Geschichte ist es. Sie erzählt von unmenschlichem Leid und von zynischem Kalkül arabischer Despoten, ihren Kontrahenten und deren jeweiligen internationalen Paten. Sie erzählt auch von versäumten Gelegenheiten – und schliesslich vom Versuch, Fehler mit Fehlern zu korrigieren.

Walter Brehm
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Eine elende Geschichte ist es. Sie erzählt von unmenschlichem Leid und von zynischem Kalkül arabischer Despoten, ihren Kontrahenten und deren jeweiligen internationalen Paten. Sie erzählt auch von versäumten Gelegenheiten – und schliesslich vom Versuch, Fehler mit Fehlern zu korrigieren.

Seit über drei Jahren dauert der Aufstand gegen Assad an. Aber dieser Aufstand ist nicht mehr der gleiche wie zu Beginn. Er hat sich derart verändert und brutalisiert, dass mancherorts mehr oder weniger laut darüber nachgedacht wird, ob der Damaszener Diktator nicht doch das kleinere Übel sei.

Der Aufstand war zu Beginn eine politische Erhebung aus dem syrischen Volk – befeuert vom Arabischen Frühling. Doch Assad scheute sich in der Verteidigung seiner Macht– anders als Mubarak in Ägypten – nicht, brutalste Repression einzusetzen. Derart radikal, dass ihm viele Offiziere die Gefolgschaft aufkündigten und die sogenannte Freie Syrische Armee gründeten. Aus der Demokratiebewegung wurde Krieg.

Assad muss weg, hiess es von Washington bis Brüssel. Aber mehr sollte es nie werden. Keine Waffen und keine militärische Intervention zu Gunsten der Rebellen, da war man sich einig. Waffen gegen Assad kamen dennoch ins Land. Vornehmlich über Saudi-Arabien, Qatar und die Türkei. Es kamen aber auch fremde Kämpfer – Jihadisten angereist aus Irak, aus dem Kaukasus und aus Europa. Und es kamen schiitische Hisbollah-Kämpfer für Assad. Moderate Kräfte gerieten ins Hintertreffen, Extremisten mit dem Traum vom Gottesstaat im Gepäck gewannen die Oberhand. Der Krieg wurde zum Religionskrieg – und zum Stellvertreterkrieg sunnitischer Mächte gegen das schiitische Regime in Iran.

Grenzen verloren an Bedeutung, der Krieg wurde in Syrien zuerst und dann in Irak zum Kampf um die Neugestaltung des Nahen und Mittleren Ostens. Das Schreckgespenst eines Jihadistischen Kalifats geht um. Und die USA erkennen, ihre bisherige Strategie hat versagt. Die soll nun fliegend korrigiert werden. Viel Geld, Ausbildung und Waffen für die «moderaten Rebellen» sollen es richten. Bleibt die Frage: Gibt es sie als relevante Kraft noch – die «Moderaten»?

Ein Reich der Steinzeit-Islamisten mag mit westlichem und iranischem Rüstungsgut – und letztlich vielleicht doch auch mit Truppen – verhindert werden. Der Terror aber wird bleiben. Jihadisten denken nicht in Wahlperioden. Ohne politischen Plan für einen neuen Nahen und Mittleren Osten werden sie nicht verschwinden.

walter.brehm@tagblatt.ch

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