«Sowjetische Renaissance»

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Russland Die feindselige Rhetorik gegenüber unabhängigen Journalisten in Russland hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Seit die kremlkritische Zeitung «Nowaja Gaseta» vor einem Monat über die systematische Verfolgung Homosexueller in der muslimisch geprägten russischen Teilrepublik Tschetschenien berichtet hat, sehen sich die beiden Autorinnen der Recherche, Elena Milaschina und Irina Gordijenko, massiven Drohungen seitens der politischen und religiösen Führung in Grosny ausgesetzt.

So bezeichnete Adam Schahidow, Berater des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, die Journalisten der «Nowaja Gaseta» als «Feinde unseres Glaubens und unseres Vaterlandes». Tschetscheniens Mufti Salah Meschijew warnte vor der «Rache Gottes», welche die Zeitung treffen werde. Vor zwei Wochen erklärte die vielfach ausgezeichnete Journalistin Milaschina im Gespräch mit der «Washington Post», dass sie angesichts der Drohungen aus Moskau geflohen sei und möglicherweise auch Russland verlassen müsse.

Anna Politkowskajas Büro als Mahnmal für freien Journalismus

Den Journalisten der «Nowaja Gaseta» sind solche Anfeindungen nicht neu. Bewusst hat sich die Chefredaktion entschieden, das frühere Büro der (am Geburtstag von Russlands Präsident Wladimir Putin) 2006 in ihrem Treppenhaus ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja in der Moskauer Hauptredaktion beizubehalten. Es ist eine Art Mahnmal für den freien Journalismus, der in Russland von Staats wegen bedroht ist. Politkowskaja hatte in ihren Reportagen und Büchern vor allem über den Krieg in Tschetschenien berichtet. Die Auftraggeber ihrer Mörder sind bis heute unbekannt. Internationale Beobachter haben im Zusammenhang mit dem Fall Politkowskaja immer wieder Kritik an den Ermittlungsverfahren geübt.

Von den russischen Behörden alleingelassen fühlen sich Mitarbeiter der «Nowaja Gaseta» auch jetzt wieder. Kurz nach den Enthüllungen über Folterungen und Tötungen von schwulen Männern in Tschetschenien Anfang April hätten zwei in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny abgestempelte und mit weissem Pulver gefüllte Briefe die Redaktion erreicht, berichtet Alisa Kustikowa, Redaktorin im Investigativ-Team der «Nowaja Gaseta» in St. Petersburg, im Gespräch mit unserer Zeitung. Bis heute warte die Redaktion auf die polizeilichen Ermittlungsergebnisse, noch immer wisse sie nicht, worum es sich bei der weissen Substanz gehandelt habe.

Von Angst will Kustikowa nichts wissen. «Es käme für unsere Zeitung nicht in Frage, nicht über derart schwere Menschenrechtsverletzungen zu berichten.» Panik verspüre sie nicht, aber: «In dieser Situation ist es vernünftig, sich Gedanken um die eigene Sicherheit zu machen.»

Staatliche Stellen ignorieren Anfragen von Journalisten

«Sicher fühle ich mich als Journalistin in Russland nicht», sagt Kustikowa, die seit zwei Jahren für die «Nowaja Gaseta» über Korruption berichtet. Die grösste Einschränkung in ihrer Arbeit erlebe sie im Kontakt mit staatlichen Stellen, die Anfragen von Journalisten einfach ignorierten. «Aufgabe der Pressereferenten in den Behörden ist es nicht, Fragen von Journalisten zu beantworten, sondern Pressemitteilungen herauszugeben und dabei ein Loblied auf jede Handlung der Politiker zu singen», so die 27-Jährige. Mit Blick auf die Entwicklung der russischen Medienlandschaft spricht Kustikowa von einer «sowjetischen Renaissance». Sie fürchtet, dass es bald nur noch einige alternative Online-Medien geben könnte, die permanent von der Schliessung bedroht seien.

«Oppositionell ausgerichtete Medien könnten die Entscheidung treffen, ihre Redaktionen ins Ausland zu verlegen. Aufgrund der offiziellen Propaganda wird das Publikum die Journalisten solcher Medien aber zunehmend als ausländische Agenten betrachten.» Diese Propaganda zeitige schon jetzt Wirkung. «Für viele Studierende ist die Entscheidung, in den Journalismus zu gehen, heute unmittelbar verknüpft mit dem Bedürfnis, das nationale Interesse zu schützen.»

Isabelle Daniel