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Sorge in Amerikas Mitte

Sie gilt als Wiege der amerikanischen Mittelklasse – die Stadt Flint. Ihr wechselhaftes Schicksal steht für Aufstieg und Fall einer ganzen Bevölkerungsschicht.
Thomas Spang/Flint
Warnung an zwei Trinkbrunnen in der US-Stadt Flint: Wasser daraus sollte bis auf weiteres nicht konsumiert werden. (Bild: Jim Watson/AFP (Flint, 4. Mai 2016))

Warnung an zwei Trinkbrunnen in der US-Stadt Flint: Wasser daraus sollte bis auf weiteres nicht konsumiert werden. (Bild: Jim Watson/AFP (Flint, 4. Mai 2016))

Desiree Duell (35) nimmt das nervöse Flackern des roten Alarmlämpchens an ihrem Wasserspender schon seit langem nicht mehr wahr. «Ein wirklich hübsches Gerät», lobt die alleinerziehende Mutter den mit schwarzem Klavierlack überzogenen Apparat, der wahlweise kühles oder heisses Wasser abgibt. «Leider kann ich mir die Nachfüllpatronen nicht leisten», erklärt die Künstlerin, warum das Geschenk eines wohlmeinenden Gönners keine Verwendung findet.

Dabei brauchen Desiree und ihr zehnjähriger Sohn David eine ganze Menge Frischwasser, seit aus den Hähnen daheim nur noch eine giftige Bleibrühe läuft: zum Trinken, Kochen, Zähneputzen und Waschen. Bei einem Verbrauch von fünfzehn Patronen im Monat addierten sich die Ausgaben dafür allein auf 225 Dollar. Die Wasserflaschen, die sie an einer der Verteilstationen abholen kann, kosten nur ihre Zeit. «Aber auch das kann stressig sein», berichtet Desiree, die in Flint zur Welt kam und zur Schule ging. «Wenn wir die Öffnungszeiten verpassen, sitzen wir auf dem Trockenen.»

Es gibt auch kostenlose Filter für die Duschköpfe. Doch egal, wie wortreich die Behörden ihr versichern, dass mit dem Filter am Hahn keine Gefahr mehr von dem Wasser ausgehe, bleibt sie skeptisch. «Wir duschen nur noch, wenn es sein muss.»

Unter Zwangsverwaltung gestellt

So geht es nicht nur Desiree, die vor ein paar Jahren das freundliche Haus mit Veranda, gelber Fassade und verträumten Spitzgiebeln kaufte, um näher bei ihrer Mutter zu leben. Ihre Nachbarn in dem «College-Cultural»-Viertel, das in den 30er-Jahren wohlhabende Automobilmanager anzog, teilen dieselbe Erfahrung. Wie auch die armen Schwarzen, die nördlich und südlich des Zentrums leben.

Mitten im reichsten Land der Welt hat eine ganze Stadt mit 90 000 Menschen kein sauberes, geschweige denn sicheres Wasser. Die Bürger trauen niemandem mehr über den Weg, seit der sparwütige Zwangsverwalter Flints ihr Wohlergehen aufs Spiel setzte. Aus Kostengründen liess er seit April 2014 das Wasser aus dem Flint River entnehmen, einer gefürchteten Industriekloake, in die einst GM und andere Firmen ihre giftigen Abfälle kippten.

Aaron Dunigan (30) wunderte sich gleich nach der Umstellung, warum neuerdings «eine braune Brühe» aus seinem Hahn floss. Auch der starke Chlorgeruch machte ihn misstrauisch. Als seine zweijährige Tochter Ava Grace am Heiligen Abend im Krankenhaus mit der Legionärskrankheit diagnostiziert wurde, lag die Erklärung auf der Hand: verseuchtes Wasser. Aaron und seine Frau wichen keinen Zentimeter von Ava Grace' Seite. «Wir haben gebetet, dass sie die Infektion überlebt», erinnert sich der schwarze Pastor der Joy Tabernacle Church an die Furcht vor dem oft tödlichen Erreger, der in Flint zwölf Menschen das Leben kostete.

Glaube ans System und an den Traum schwindet

«Wir hinterfragen heute alles», sagt Dunigan, dem die Versicherungen des Zwangsverwalters und Gouverneurs von Michigan noch in den Ohren klingen. «Ich glaube nicht mehr an das System,» bilanziert er enttäuscht. Die Skepsis erwies sich als berechtigt. Denn die Verantwortlichen liessen – aus Kostengründen – eine Chemikalie in der Wasseraufbereitung weg, die verhindert, dass Blei aus alten Rohrleitungen ins Trinkwasser gelangt. Dank der hartnäckigen Nachforschungen der Kinderärztin Dr. Mona Hanna-Attisha kamen extrem schädliche Konzentrationen des Schwermetalls im Trinkwasser zu Tage.

Der Wasserskandal von Flint geriet zum Symptom einer Krise, die weite Teile des industriellen Rostgürtels und der Bergbauregionen entlang der Appalachen betrifft. Kaputte Strassen, altersschwache Brücken, abbruchreife Häuser, ungeniessbares Trinkwasser und vernachlässigte Schulen finden sich hier überall.

Wie keine andere Stadt in den USA ist Flint aber auch ein Symbol für den Aufstieg und Fall der amerikanischen Mittelklasse. Der Dokumentarfilmer Michael Moore hat den dramatischen Wandel der Stadt 1989 in «Roger & Me» ins nationale Bewusstsein gehoben. Wer über die frisch herausgeputzte Saginaw Avenue schlendert, bekommt eine Ahnung des früheren Selbstbewusstseins der «Vehicle City». Hier steht die Statue William Durants, aus dessen Kutschenfabrik «Durant-Dort Carriage Company» Amerikas grösster Autobauer General Motors (GM) hervorging.

«Flint kann mit gutem Grund als die Wiege der amerikanischen Mittelklasse verstanden werden», erklärt der Historiker Mike Smith von der University of Michigan die Bedeutung der Stadt, die 1960 mit 200 000 Einwohnern so etwas wie das Cupertino der Automobilindustrie war, also vergleichbar mit dem heutigen Silicon Valley. «Hier wurden mehr Autos pro Kopf gebaut als irgendwo sonst auf der Welt.» Flint war auch Schauplatz des vielleicht wichtigsten Arbeitskampfs in der Geschichte der USA. Am 30. Dezember 1936 besetzten Arbeiter die «General Motors Fisher Body Plant Number One». Sie harrten mitten im eisigen Winter von Michigan 44 Tage ohne Strom und Wasser aus, um die Anerkennung der «United Auto Workers» zu erstreiken. Die Gewerkschaft verstand sich als Bewegung, die in der Automobilindustrie Massstäbe für den Rest des industriellen Amerikas setzte.

Hinzu kamen dann auch stetig wachsende Löhne, die Arbeitern bis in die 80er-Jahre ordentliche Einkommen garantierten. «Sie konnten damals in eine GM-Fabrik spazieren und haben einen Mittelklasse-Job bekommen», beschreibt Historiker Smith die goldenen Tage. Wer sich 30 Tage bewährte, wurde automatisch Mitglied der Gewerkschaft und hatte Anspruch auf alle sozialen Leistungen. Auch Dan Ray kann sich an diese Zeit noch bestens erinnern. Der Produktionsleiter eines Unternehmens für Sonderausbauten verdiente in Flint ordentliches Geld, das seiner Familie ein komfortables Leben ermöglichte.

Fast wehmütig erinnert er sich an die Vorweihnachtszeit, in der die Geschäfte an der Saginaw Avenue sogar nachts geöffnet hatten. Es gab Kaufhäuser, Bekleidungs- und Schuhgeschäfte. Die feinen Läden warteten mit Türstehern auf.

«In den 80er-Jahren ging alles bergab», sagt Dan, der selber seinen Job verlor. Auslöser war der Ölschock Mitte der 70er-Jahre. Die GM-Konkurrenten aus Deutschland und Japan boten sparsamere Fahrzeuge an. Hinzu kam die Automatisierung, die es erlaubte, mehr Autos mit weniger Arbeitern zu bauen. General Motors baute seine Belegschaft systematisch ab. Von 80 000 Arbeitern im Jahr 1978 auf heute nur noch 7500. Dan fand einen neuen Job in der einzigen Wachstumsbranche, die Flint geblieben ist: die freie Wohlfahrt.

Heute arbeitet er für das «Center of Hope» der Catholic Charities – ein One-Stop-Shop für die Armen der Stadt, der gesundes Essen, Räume zum Aufwärmen, kostenlose Kleidung und Haushaltsgegenstände und Drogenberatung anbietet. Der Bedarf kennt keine Grenzen. 62 Prozent aller Kinder der Stadt leben unter der Armutsgrenze. Einer von zwei Einwohnern Flints hatte im vergangenen Jahr keine Arbeit.

Obama, Trump und Clinton – alle pilgerten nach Flint

Angesichts dieser Zahlen wundert es kaum, dass Flint nach Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien die Stadt mit der zweithöchsten Mordrate der USA ist. Die Politiker haben die Symbolkraft Flints längst entdeckt. Von hier stammt der in Reden ständig umworbene Wähler der «middle class». US-Präsident Barack Obama stattete der Stadt im Mai dieses Jahres einen Solidaritätsbesuch ab. Hillary Clinton und Bernie Sanders stellten sich vor dem Super-Dienstag einem Kandidatenforum. Im September tauchte auch Donald Trump in Flint auf, der mit dem Slogan «Make America Great Again» versucht, die Wutbürger des Rostgürtels und in den Appalachen zu gewinnen. «Es war einmal so, dass Flint Autos baute und sie in Mexiko kein Wasser trinken konnten», versuchte Trump seine Zuhörer in einer methodistischen Kirche zu umwerben.

«Heute werden Autos in Mexiko gebaut, und sie können das Wasser in Flint nicht mehr trinken.» Der Abstieg der Stadt ist gewiss ein Platzhalter für andere Metropolen, die selber einmal bessere Zeiten kannten: Detroit, Youngstown, Cleveland, Pittsburg, Acron, Canton und viele andere Städte. Historiker Smith versteht, warum Trumps Botschaft dort zum Teil auf fruchtbaren Boden fällt. «Es gibt ein grosses Segment an gering gebildeten weissen Arbeitern, die unzufrieden sind, weil ihre gutbezahlten Jobs verschwunden sind.»

In der mehrheitlich afroamerikanischen Stadt Flint stiess Trump auf Ablehnung und Widerstand. Die Künstlerin Desiree Duell baute aus leeren Plastikflaschen eine Mauer, die als Kulisse einer Pressekonferenz diente, auf der örtliche Aktivisten unter dem Motto «Wasser statt Mauern» gegen den Besuch des Rechtspopulisten demonstrierten.

In einem stimmt die in Flint aufgewachsene Desiree allerdings mit Trump und Bernie Sanders überein. «Der amerikanische Traum hängt am Tropf.» Sie selber sei in einer mittelständischen Familie zur Welt gekommen, habe unter der Armutsgrenze gelebt und schleppe heute 86 000 Dollar Ausbildungsschulden aus ihrem Studium mit sich herum.

«Wir haben die Mittelklasse hier zur Welt gebracht», resümiert Desiree, die, wie Millionen Amerikaner in den ehemaligen Industriehochburgen der USA, ein solches Leben nur noch aus Erzählungen und Politiker-Reden kennt. «Für mich machte es Sinn, wenn sie hier ihre letzte Ruhestätte fände.»

TH - Flint - Desiree Duell

TH - Flint - Desiree Duell

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