Somalia – ist nach dem Krieg vor dem Krieg?

Somalias Parlamentarier ringen in Djibouti darum, wer neuer Präsident des zerstörten Landes werden soll. Doch die sogenannte Volksvertretung und die Übergangsregierung haben inzwischen Baidoa, ihren letzten Sitz im Lande, an die extremistischen Al-Shabaab-Islamisten verloren.

Walter Brehm
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«Baidoa wird jetzt nach den Regeln der Sharia regiert.» Dies hat Sheikh Muqtar Mansoor, Sprecher der Al Shabaab (die Jungen) am vergangenen Dienstag in der somalischen Stadt verkündet. Zuvor hatten die islamistischen Kämpfer den bisherigen Sitz der vom Westen gestützten Übergangsregierung und ihrem «Parlament» erobert. Gleichsam an die Adresse der nach Djibouti ausgewichenen Politiker ergänzte der Sheikh: «Wir werden keine Regierung dulden, die das islamische Recht missachtet.»

Kurz vor dem Einmarsch der Al Shabaab hatten die letzten äthiopischen Invasionstruppen Baidoa verlassen, nachdem sie schon Mogadiscio, die eigentliche Hauptstadt des Landes, aufgegeben hatten. Ende 2006 war die äthiopische Armee in Somalia einmarschiert, um mit Rückendeckung der USA die Übergangsregierung zu stützen und die Herrschaft der aus heutiger Sicht gemässigten «Islamischen Gerichte» über weite Teile des Landes zu beenden.

Echo aus Afghanistan

Es war wie ein Echo aus Afghanistan nach dem Sturz der Taliban. Die «Islamischen Gerichte» leisteten den Invasoren kaum Widerstand. Besiegt war der Islamismus aber auch in Somalia nicht. Er tauchte in den Untergrund ab. Innerhalb der islamistischen Bewegung gerieten zudem die «Islamischen Gerichte» ins Hintertreffen und wurden von der radikaleren Al Shabaab verdrängt.

Zu späte Erkenntnis

In der vom äthiopischen Militär abhängigen Übergangsregierung machte sich zu spät die Erkenntnis breit, dass nur ein Kompromiss mit den Islamisten ihr Überleben garantieren könnte. Zu Kompromissen waren nur die Überreste der «Islamischen Gerichte» bereit. Al Shabaab wollte ihren militärischen Vormarsch nicht stoppen.

Für einen Waffenstillstand, den die «Gerichte» gar nicht garantieren können, war die Übergangsregierung bereit, die Macht, die sie gar nicht hat, mit den gemässigten Islamisten zu teilen. Deren Chef, Sheikh Sharif Ahmed will nun in Djibouti zum Präsidenten gewählt zu werden. Präsident von wem oder von was, ist allerdings unklar. Neben der von Somalia längst unabhängigen Provinz Somaliland ist im Norden auch die Provinz Puntland inzwischen de facto von Somalia abgespalten. Dort haben sich im Schatten der Machtkämpfe zwischen Übergangsregierung, traditionellen Clans und Islamisten im Rest des Landes die Piraten installiert, und führen einen eigenen Quasistaat. So ergibt sich in Somalia ein noch komplizierterer Verlauf der Fronten als vor der äthiopischen Invasion.

Komplizierte Fronten

Viele der traditionellen Clans, die über Jahre den Bürgerkrieg in Somalia bestimmt hatten, haben sich noch nicht definitiv auf die Seite der islamischen oder der westorientierten Streithähne um die Macht geschlagen. Und die radikale Al Shabaab ist ihrerseits zwischen ihren militärischen Kommandanten im Land und ihrer politischen Exilführung in Eritreas Hauptstadt Asmara gespalten.

Erneute Internationalisierung?

Zwei Gründe sprechen zudem für die Gefahr einer erneuten Internationalisierung des Kampfes um Somalia. Zum einen wissen die Industrienationen, dass der Kampf gegen die Piraten langfristig nicht allein auf See geführt werden kann. Zum anderen ist die ehemalige Invasionsmacht Äthiopien mit Eritrea, der Schutzmacht der Al Shabaab, verfeindet. Beide Staaten könnten bald versucht sein, ihre Feindschaft über den Konflikt in Somalia auszutragen.

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