Soforthilfen in Gaza

Im Gaza-Streifen werden die Trümmer rasch weggeräumt. Die UNO und die Hamas verteilen Geld für Unterkünfte und Reparaturen. Aber es fehlt an Baumaterialien.

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Kriegsspuren in Rafah: Ein Haus in der Stadt im Gaza-Streifen an der Grenze zu Ägypten.

Kriegsspuren in Rafah: Ein Haus in der Stadt im Gaza-Streifen an der Grenze zu Ägypten.

Im 3-Minuten-Tempo schieben die überwiegend jungen Männer ihre Kochgasflaschen jeweils ein paar Zentimeter vorwärts. Die Schlange zur Tankstelle in Jabaliya im nördlichen Gaza-Streifen, ist vielleicht hundert Meter lang. Bis der Letzte in der Reihe versorgt ist, werden Stunden vergehen.

Die Familien in Gaza legen sich neue Kochgas- und Wasservorräte an. Seit Israel Nahrungsmittellieferungen zulässt, sind die Läden wieder voll mit frischen Waren. Vier Wochen lang hatte es aber kein Obst, kaum frisches Brot, und sogar Wasser wurde in den Gegenden, die am meisten umkämpft waren, zur Mangelware. Das war in Khan Yunis im nördlichen Gaza-Streifen so, in Beit Lahiya, am Stadtrand von Gaza und ganz im Süden, in der Grenzstadt Rafah.

Das Welternährungsprogramm (WFP) mahnt, etwa 1,2 Millionen der 1,4 Millionen Einwohner des Gaza-Streifens brauchten trotz voller Regale Lebensmittelhilfe – denn viele Haushalte hätten kein Geld mehr.

Teils gezielte Zerstörungen

Die Zerstörungen sind sonderbar konzentriert. Mal wurde ein komplettes Industrieviertel dem Erdboden gleichgemacht. Wie zusammengeklappte Kartenhäuser sehen heute einige Gebäude aus. Mal fehlt mitten in einer dichtbebauten Wohngegend nur ein einziges Haus, während rundherum alles unversehrt geblieben ist. Fast alle Ministerien der Hamas wurden zum Einsturz gebracht, ebenso die Polizeigebäude.

Die Räumungsarbeiten funktionieren teilweise sehr gut. In der Stadt Gaza hat der Krieg äusserlich kaum Spuren hinterlassen.

Schulen wieder offen

Seit Anfang der Woche gehen auch die Kinder wieder in die Schulen. Etwa 50 000 Flüchtlinge hatten während des Krieges ihre Häuser und Wohnungen verloren und in den Schulen der UNRWA (UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge) Zuflucht gesucht. Wer nach dem Krieg keinen Unterschlupf bei Verwandten fand, bekam von der UNO eine Soforthilfe von 150 Euro, um eine Wohnung zu mieten. Zeltstädte sind nicht geplant.

Direkthilfen zahlt auch die Hamas, nämlich 4000 Euro an Familien, deren Häuser ganz zerstört wurden, 1000 Euro für jeden Toten und 500 pro Verletzten. Über Radio wurde gemeldet, es gebe eine Kommission, an die man sich für die Auszahlung dieser Soforthilfen wenden könne.

«Ich will das Geld der Hamas nicht», sagt Samir el-Deeb trotzig. Der in Deutschland ausgebildete Pharmazeut will sich «nirgendwo anstellen, um zu betteln». 3000 Euro, so schätzt er, wird die Reparatur der Schäden in seiner Wohnung kosten. Mehrere Brandbomben haben ein riesiges Loch in die Decke gerissen; kaum ein Möbelstück ist unbeschädigt. Von wo das Geld für die Reparaturen kommen soll, weiss der 31jährige el-Deeb, allerdings nicht. «Die Banken geben keine Kredite.»

Skepsis

Die Menschen brauchen sowohl individuell schnell Hilfe als auch für die zerbombten Ortschaften, in denen Strom- und Wasserversorgung kaputt sind. Dringend gebraucht werden Baumaterial, Zement und Glas. «Die Folien, mit denen wir die Fenster zukleben halten nicht lange», sagt Fawaz Abu Setta, wie el-Deeb Dozent an der Al-Ashar-Universität. Abu Setta ist skeptisch, ob die Hilfe so schnell kommt, wie es nötig wäre. «Jeder (Hamas wie Fatah) will das Geld durch seine Kanäle fliessen lassen, denn Geld bedeutet Macht und Einfluss», sagt er. Susanne Knaul, Gaza