Deutschland

«So nötig wie ein Ebola-Ausbruch»: Das Urteil über Sarrazins Islam-Buch ist vernichtend

Der SPD-Politiker und Oberprovokateur Thilo Sarrazin hat wieder zugeschlagen. In seinem neuen Buch «Feindliche Übernahme» rechnet er mit dem Islam ab. Die Rezensionen sind überwiegend vernichtend.

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Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buchs am 30. August 2018 in Berlin.
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Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buchs am 30. August 2018 in Berlin.
Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs «Feindliche Übernahme» in Berlin.
Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buchs am 30. August 2018 in Berlin.
30. August 2010: Thilo Sarrazin stellte sein kontroverses Buch «Deutschland schafft sich ab» vor.
Der ehemalige Berliner Finanzsenator und (Noch-)SPD-Politiker hat 2010 mit seinem kontroversen Buch «Deutschland schafft sich ab» einen Bestseller gelandet.
30. August 2010: Thilo Sarrazin stellte sein Buch «Deutschland schafft sich ab» vor.

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buchs am 30. August 2018 in Berlin.

CLEMENS BILAN

Thilo Sarrazin hat es wieder getan. Der ehemalige Berliner Finanzsenator und (Noch-)SPD-Politiker hat 2010 mit seinem kontroversen Buch «Deutschland schafft sich ab» einen Bestseller gelandet. Acht Jahre später legt der Provokateur nach: Am Donnerstag erschien sein neues Buch «Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht».

Titel und Untertitel sind Programm. Sarrazin – dessen Name vermutlich auf die arabischen Sarazenen zurückgeht – rechnet auf knapp 500 Seiten mit dem Islam ab und entwirft das apokalyptische Szenario einer «demografischen Überwältigung durch den Islam» in Europa. Sein bisheriger Verlag Random House weigerte sich, das umstrittene Buch zu veröffentlichen.

In einem Interview mit dem «Blick» hat sich der 73-Jährige zu seinem Buch geäussert. Ausserdem haben deutsche Medien eine Rezension veröffentlicht. Der Tenor ist fast ausnahmslos negativ bis vernichtend. Ein Überblick:

«Süddeutsche Zeitung»

Die ehemalige Nahost-Korrespondentin Sonja Zekri lässt kein gutes Haar an Thilo Sarrazins Buch. Es sei «das verlegerische Unglück dieses Jahres», schreibt sie. Seine «primitive Koran-Exegese» sei nur Anlass «für eine Ausweitung jener biologistischen Kampfzone, die er bereits in seinem ersten Buch beschrieb».

Das Schlimmste seien «nicht die sachlichen Fehler auf fast jeder Seite» oder andere Mängel. Sondern die Tatsache, dass «neben Rassisten und Rechten auch Menschen dieses Buch kaufen werden, die ehrliche Fragen an den Islam haben, die manches nicht verstehen, vielleicht fürchten und hier die schlechtesten aller Antworten finden». Was Zekri zum deprimierenden Fazit veranlasst:

Nordwestschweiz

«Focus Online»

Das Münchner Nachrichtenmagazin fasst die wichtigsten Thesen aus Sarrazins Buch zusammen und ordnet sie kritisch ein. «Im Durchschnitt werden 2050 14 Prozent aller Europäer Muslime sein, in Deutschland wird der Anteil bei knapp 20 Prozent liegen», prognostiziere der Autor unter Berufung auf eine Studie des renommierten Pew Research Center.

Bei genauer Betrachtung entdecke man jedoch, «dass Sarrazins vermeintliche ‹Durchschnitts›-Zahlen den Forschern zufolge nur im Szenario der ‹hohen Migration› eintreten werden – also, wenn sich die Flüchtlingszahlen aus den Jahren 2014 bis 2016 fortsetzen und zusätzlich reguläre Einwanderung erfolgt», schreibt «Focus Online». Die Zahlen seien jedoch gesunken.

Nordwestschweiz

«N-TV»

Judith Görs, die Rezensentin des Nachrichtensenders, schreibt Klartext: «Feindliche Übernahme» sei «die wüste Demontage einer Weltreligion – und allein auf Spaltung angelegt». Sarrazin steche mitten hinein «in die ohnehin köchelnde Volksseele, indem er dem Koran und allen gläubigen Muslimen eine feindselige Grundhaltung gegenüber der westlichen Welt attestiert und ihnen gleichzeitig jeden Reformwillen abspricht».

Ihren «wirtschaftlichen Nettobeitrag» stelle er ohnehin infrage – ebenso wie ihre Motivation, sich berufsqualifizierende Fähigkeiten anzueignen, würden sie doch «beim Warten und Nichtstun» schnell merken, «dass der deutsche Sozialstaat sie mit Wohnraum, Krankenversicherung und Geldleistungen gut versorgt». Das Buch sei eine polemische Streitschrift, «die dem Islam gar nicht die Chance geben will, dazuzugehören», so die N-TV-Autorin.

Nordwestschweiz

«T-Online»

Das reichweitenstärkste Newsportal Deutschlands hat sich Sarrazins Werk ebenfalls angenommen. Indem er sich strikt an den Wortlaut des Koran halte, gehe Sarrazin selbst de facto ähnlich fundamentalistisch vor, wie er es pauschal allen Muslimen vorwerfe: «Er tut so, als liesse sich die gelebte Religion auf Schriftgläubigkeit reduzieren», kritisiert der Rezensent.

Ähnlich beurteilt er die Vielzahl von Erhebungen und Statistiken, mit denen der Autor seine Argumentation zu untermauern versucht. Allerdings füge er diesen seine «eigenen Schätzungen» hinzu. «Da er nicht deutlich macht, worauf seine Schätzungen beruhen, kann man auch nicht bewerten, wie zuverlässig sie sind», bringt es Rezensent Stefan Rook auf den Punkt.

Nordwestschweiz

«Die Welt»

Torsten Krauel, Chefkommentator des rechtslastigen Springerblatts, bemüht sich um eine neutrale Sicht, lässt seine kritische Haltung aber immer wieder durchblicken. So bezeichnet er Sarrazins Hinweis, zwei Drittel der in Deutschland lebenden Türken hätten für Erdogan gestimmt, als problematisch. «Es haben nur die tatsächlichen Wähler so votiert – bei einer Wahlbeteiligung von nur knapp 50 Prozent. Kann man Nichtwähler einfach für Erdogan vereinnahmen?»

Unbehagen äussert Krauel auch zu Sarrazins These, Muslime seien konservativ. Bei diesem Thema bleibe der Autor sehr vage. Die These, der Islam sei auf dem Weg ins Kalifat, brauche präzisere Daten als «viele», «vieles», «überwiegend», kritisiert der «Welt»-Kommentator. Sarrazins wahre Lektion lasse sich in einem Satz zusammenfassen: «Die Muslime sind unser Unglück.»

Nordwestschweiz

«Der Tagesspiegel»

In der grössten Zeitung aus Sarrazins Berliner Heimat gibt Meinungschefin Anna Sauerbrey Vollgas: Thilo Sarrazins Buch sei «verletzend, grenzrassistisch und manipulativ». Es sei nicht alles falsch, was Sarrazin sage: «Es ist nur wahnsinnig einseitig.» Am Ende bleibe als Erkenntnis vor allem das: «Hier schreibt ein beleidigter und verletzter Autodidakt, den die Debatte um sein erstes Buch schwer mitgenommen hat und der es jetzt allen noch einmal zeigen will.»

Der «schlecht kaschierte kulturelle Rassismus» bleibe ekelhaft, der «lehrmeisterliche und gleichzeitig beleidigte Ton» unerträglich. «Die Reklamation von Wissenschaftlichkeit und Wahrheit bei gleichzeitig selektivem und/oder intransparentem Umgang mit Daten und Studien nimmt dem Buch die Glaubwürdigkeit», schreibt die Rezensentin. Ihre wohl vergebliche Empfehlung:

Nordwestschweiz

«Die Zeit»

Zu einem originellen Ansatz greift die Hamburger Wochenzeitung. Autor Yassin Musharbash – Sohn eines Jordaniers und einer Deutschen – veröffentlichte seine Buchbesprechung auf Twitter in Fortsetzungen unter dem Hashtag #SarrazinKompakt. Hier das Fazit:

Sarrazin will SPD nicht verlassen

Der umstrittene deutsche Autor und frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin will die SPD nicht freiwillig verlassen. "Ich fühle mich in der SPD, in der ich aufwuchs, nach wie vor gut aufgehoben", sagte Sarrazin am Donnerstag bei der Vorstellung seines neuen Buches über den Islam.

Er sei seit 45 Jahren Mitglied der SPD, und im Jahr seines Beitritts habe die Regierung von Willy Brandt den "umfassenden Zuzugsstopp für Gastarbeiter" erlassen, sagte Sarrazin. Auch der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt habe sich in seinen Büchern "wiederholt über die kulturellen Gefahren muslimischer Einwanderung ausgelassen". 1973 trat der Anwerbestopp für neue Gastarbeiter in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft

Wegen des neuen Buchs "Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht" hatte die SPD-Spitze Sarrazin aufgefordert, aus der Partei auszutreten. "Was er schreibt, hat mit sozialdemokratischen Positionen nichts zu tun", sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil der Nachrichtenagentur dpa.

Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert regte ein neues Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin an. Die SPD ist bereits zweimal mit dem Versuch gescheitert, Sarrazin aus der Partei auszuschliessen. (sda)

(pbl)