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SLOWAKEI: Ein Land unter Schock

Der Mord an einem Journalisten zerstört das Bild der Slowakei als sauberes Land. Spuren führen in die Regierungspartei und in italienische Mafia-Kreise.
Rudolf Gruber, Wien
Kerzen erinnern in Bratislava an den ermordeten Journalisten Jan Kuciak und seine Freundin Martina. (Bild: Jakub Kotian/Keystone (27. Februar 2018))

Kerzen erinnern in Bratislava an den ermordeten Journalisten Jan Kuciak und seine Freundin Martina. (Bild: Jakub Kotian/Keystone (27. Februar 2018))

Rudolf Gruber, Wien

Das Land steht unter Schock. Der 27-jährige Ján Kuciak, den Kol­legen als hoch talentierten Journalisten beschreiben, war am Sonntag zusammen mit seiner Freundin in ihrem Haus in der Nordwestslowakei erschossen aufgefunden worden. Polizeipräsident Tibor Gaspár sprach von einer vorsätzlichen Tat, einer «professionellen Hinrichtung». Motiv sei Kuciaks Tätigkeit als Aufdeckungsjournalist gewesen. Sein Spezialgebiet: Korruption, Steuerbetrug und Erpressung im Graubereich zwischen Politik und organisierter Kriminalität.

Der gestrige Brandanschlag auf die Steuerbehörde im ostslowakischen Košice dürfte im Zusammenhang mit dem Mord stehen. Diese Behörde nutzte Kuciak laut Kollegen unter anderem als Informationsquelle. Motiv des Brandanschlags dürfte demnach die Zerstörung von Akten gewesen sein. Premierminister Robert Fico setzte für die Ergreifung der Mörder Kuciaks 1 Million Euro aus, verurteilte die Tat als «Anschlag auf die Medienfreiheit als unersetzlichen Teil der Demokratie». Doch seine Regierung galt bislang als eine der medienfeindlichsten in Osteuropa, wenngleich Fico mit der Knebelung der Berichterstattung nicht so weit ging wie etwa Viktor Orbán in Ungarn. Anlass für Medienattacken waren stets Artikel, die Ficos Partei Smer in Verbindung mit der organisierten Kriminalität brachten.

Premier beschimpfte Journalisten

So beschimpfte der Premier Journalisten wiederholt als «Hyänen», «Idioten» oder «Toilettenspinnen». Im November 2016 sagte Fico während einer Pressekonferenz wörtlich: «Einige von euch sind dreckige, antislowakische Huren – und ich bestehe auf diesem Ausdruck.» Ján Kuciak arbeitete für das Enthüllungs­portal «aktuality.sk», das zum deutsch-schweizerischen Medienkonzern Ringier Axel Springer gehört. Zuletzt hatte Kuciak in der Luxuswohnbaubranche recherchiert, wo er auf einen Fall von massivem Steuerbetrug stiess. Damit hatte er sich den Zorn des zwielichtigen Oligarchen Ladislav Bašternák zugezogen, dem enge Kontakte zur Regierungspartei nachgesagt werden. Bašternák soll den Journalisten bedroht haben, was Bašternák jedoch bestreitet. Kuciak beklagte sich vor wenigen Tagen auf Facebook, dass er auf seine Anzeige bei der Polizei vor eineinhalb Monaten noch auf eine Reaktion warte.

Dann gibt es noch eine «italienische Spur», die offenbar ins Vorzimmer des Premiers führt: Die Zeitung «Sme» berichtete gestern, bei seinen Recherchen sei Kuciak auf Mária Trošková gestossen, einer engen Beraterin Ficos, die als Ex-Managerin Kontakte zu Geschäftsleuten mit Nähe zur ’Ndrangheta gehabt haben soll. Journalisten fragten den Premier wiederholt, welche Aufgabe die junge Frau habe, ohne je eine Antwort zu erhalten. Tom Nicholson, der 20 Jahre als Journalist in der Slowakei arbeitete und kürzlich in seine Heimat Kanada zurückkehrte, schrieb in einem Artikel, er habe mehrere Jahre mit Kuciak gemeinsam über Steuerbetrug und Erpressungen recherchiert. Kuciak habe zuletzt auch mit Mafia-Experten unter italienischen Journalisten kooperiert.

Der Mord an Kuciak ist der erste an einem Journalisten in der Slowakei seit deren Unabhängigkeit 1993. Doch standen Medien stets unter massivem politischem Druck, namentlich in der Ära des Autokraten Vladimir Meciar. In der Regierungszeit Ficos sind zwei Journalisten spurlos verschwunden; Drohungen, Verprügelungen und abgefackelte Autos sind nichts Ungewöhnliches.

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