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Sklavenarbeit auf Spaniens Erdbeerfeldern: Billigarbeiterinnen setzen sich zur Wehr

Erdbeeren aus Spanien sind in ganz Europa gefragt. Um der Nachfrage entsprechen zu können, holen sich die Plantagebesitzer Billigarbeiterinnen aus Marokko. Diese beklagen Lohnbetrug, miserable Arbeitsbedingungen und sexuelle Übergriffe.
Ralph Schulze, Madrid
Hunderte Frauen demonstrieren für bessere Arbeitsbedingungen. (Paco Freire/Getty, Barcelona, 17. Juni 2018)

Hunderte Frauen demonstrieren für bessere Arbeitsbedingungen. (Paco Freire/Getty, Barcelona, 17. Juni 2018)

«Erdbeeren ohne Sklaverei», rufen die Frauen, «aber mit Rechten für die Pflückerinnen.» Hunderte von wütenden Feldarbeiterinnen marschieren dieser Tage durch die andalusische Provinzhauptstadt Huelva, in deren Umgebung die grössten Erdbeerfelder des Kontinents liegen. Ein Heer von Marokkanerinnen erntet dort die roten Früchte, die nach ganz Europa exportiert werden. Im vergangenen Jahr führte Spanien Erdbeeren im Wert von rund 500 Millionen Euro aus. Doch das Geschäft mit den süssen Früchten, die in Südspanien fast das ganz Jahr in Gewächshäusern und unter Plastikplanen reifen, hat auch seine Schattenseiten. Das deutsche Onlineportal Buzzfeed hat in einer grossangelegten Recherche über die prekären Arbeitsbedingungen berichtet.

Die marokkanischen Saisonarbeiterinnen beklagen Lohn­betrug, miserable Arbeitsbedingungen und sexuelle Übergriffe durch Vorarbeiter und Plantagenbesitzer. «Oft wird dieser Missbrauch nicht angezeigt», sagt Pastora Filigrana, Rechtsanwältin der Landarbeitergewerkschaft SAT. Die Dunkelziffer sei vermutlich gross. «Die Betroffenen haben Angst.» Angst vor der Schande. Wenn in ihrer marokkanischen Heimat der sexuelle Missbrauch bekannt wird, müssen die Frauen nach Rückkehr damit rechnen, verstossen zu werden. Und auch Angst, wegen Aufmuckens den Job zu verlieren. Ein Job, mit dessen Erträgen die meist verheirateten Erntehelferinnen ihre Familien auf der anderen Seite des Mittelmeeres durchbringen müssen.

Offizieller Tageslohn beträgt rund 40 Euro

«Sie drohen uns, dass wir im nächsten Jahr nicht mehr wiederkehren dürfen», empört sich eine marokkanische Arbeiterin namens Nahed auf der Kundgebung in Huelva. Sie kommt seit 13 Jahren jedes Jahr zum Pflücken nach Spanien – doch nun reicht es ihr. Rund 40 Euro brutto beträgt der offizielle Tageslohn – theoretisch. «In den meisten Fällen wird der Tarifvertrag nicht erfüllt», berichtet eine von Naheds Kolleginnen auf der Protestveranstaltung. Inspektoren der Arbeitsbehörden oder Polizisten liessen sich nur selten auf den Plantagen blicken.

Mindestens 15000 marokkanische Frauen arbeiten auf den Erdbeerfeldern, die sich über eine Fläche von 50 Quadratkilometern rund um Huelva erstrecken. Auch wenn der Lohn niedrig ist: Sie verdienen immer noch ein Vielfaches dessen, was sie in der marokkanischen Heimat für Feldarbeit erhalten würden. Die meisten wohnen auf den Plantagen, manchmal in Elendsunterkünften ohne fliessendes Wasser. Oft liegen die Unterkünfte isoliert, weitab von den Dörfern, ohne Transportanbindung. Gewerkschaftschef Óscar Reina spricht von «unmenschlichen ­Zuständen», die zuweilen an eine Art Gefangenschaft erinnern und Ausbeutung begünstigten.

«Wenn du arbeiten willst, musst du mit mir ins Bett»

Nun haben zehn Marokkanerinnen ihre Angst überwunden und bei der Polizei Anzeige wegen ­sexueller Aggressionen und fehlender Lohnzahlungen erstattet. Wenig später schlossen sich vier spanische Pflückerinnen an. In früheren Jahren gab es bereits ähnliche Anzeigen. Doch die Beschuldigten hatten bisher wenig zu befürchten. Meist wurden die Ermittlungen wieder eingestellt. «Es existiert eine grosse Straf­losigkeit», kritisiert Rechtsanwältin Filigrana. Eines der wenigen Gerichtsverfahren, das mit der Verurteilung eines Grundstückbesitzers und seiner beiden Söhne wegen Misshandlung und Missbrauchs von Arbeiterinnen endete, gab einen Einblick in die Abgründe, die sich auf den Feldern auftun können: «Wenn du arbeiten willst, musst du mit mir ins Bett gehen», lautete die aktenkundige Drohung gegenüber den Erntehelferinnen. Das war vor fünf Jahren. Aber solche Fälle gebe es auch heute noch, versichert die Gewerkschaft SAT. Sie bietet nun jenen Frauen, die vor kurzem mit ihren Klagen an die Öffentlichkeit gingen und wenig später Drohungen erhielten, Rechtsbeistand und Schutz.

Der örtliche Bauernverband Interfresa versprach, die Anzeigen der Frauen ernst zu nehmen. Der Verband will als Nebenkläger gegen die beschuldigten Plantagenbesitzer vorgehen und kündigte «Nulltoleranz» gegen die schwarzen Schafe an. Ein Sprecher verwahrte sich aber dagegen, die Vorfälle zu verallgemeinern und die ganze Erdbeerbranche zu verurteilen. «Wenn es so schlimm wäre», heisst es beim Verband, «würden doch nicht so viele Saisonarbeiterinnen jedes Jahr wiederkommen.»

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