Skeptische Strategieexperten

Laut dem Londoner Institut IISS wird die Sicherstellung von syrischen Chemiewaffen Monate dauern und berge die Gefahr einer neuer Eskalation.

Sebastian Borger
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LONDON. Die Experten des Londoner Strategie-Instituts IISS beurteilen die Chancen einer baldigen Befriedung Syriens höchst skeptisch.

Die etwa 1000 Tonnen chemischer Kampfstoffe durch die internationale Gemeinschaft sicherzustellen, werde «einen langen und schwierigen Prozess» erfordern, sagte IISS-Direktor John Chipman gestern in London bei der Vorstellung des Jahrbuchs «Strategic Survey». In dieser Zeit müsse man mit einer Eskalation des Bürgerkriegs rechnen, zumal die Kommandanten der wichtigsten Rebellengruppen den neuerdings von Russland befürworteten Chemiewaffen-Deal ablehnen.

US-Schlag hätte Vorteile gehabt

Chipman zufolge hätte der von US-Präsident Barack Obama vorgeschlagene begrenzte Militärschlag gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad «Vorteile für die Kontrolle von Massenvernichtungswaffen und die Abschreckung von deren Gebrauch» gebracht. «Die Aussichten für die geplante Friedenskonferenz in Genf sind zurückgegangen», glaubt zudem Syrien-Spezialist Emile Hokayem. Die Sicherstellung der syrischen Chemiewaffen würde Monate, die angestrebte Zerstörung aller Komponenten Jahre dauern.

Geschwächter Einfluss auf Assad

Der Einsatz von Giftgas nahe Damaskus, bei dem im vergangenen Monat bis zu 1400 Menschen ums Leben kamen, werten die IISS-Experten zudem als Beleg dafür, dass der russische Einfluss auf Assad zuletzt zurückgegangen sei. Die UNO-Initiative diene einerseits der Rückgewinnung dieses Einflusses auf Syrien, das seit Jahrzehnten Moskaus einziger zuverlässiger Verbündeter im Mittelmeerraum ist. Ausserdem wolle Russland die Bedeutung des Sicherheitsrates, wo es zu den Vetomächten gehört, aufrechterhalten.

Immerhin habe Russland Assad «dazu bewogen, den Besitz seiner Chemiewaffen zuzugeben», lobte Fitzpatrick. Einer Schätzung des US-Verteidigungsministeriums zufolge wären aber etwa 75 000 ausländischer Soldaten nötig, um die Sicherheit der UNO-Inspekteure zu gewährleisten. Dafür kämen Fitzpatrick zufolge am ehesten russische oder iranische Soldaten in Frage, deren Staaten das Assad-Regime schon bisher unterstützen.

Iran an Lösung interessiert

Eine diplomatische Lösung für die syrischen Chemiewaffen wäre in Teherans Interesse: «Syrien wird zunehmend zur Belastung für Iran, weil die Unterstützung für Assad Truppen bindet und viel Geld kostet.»

Die schwierige Lage in Syrien verkompliziere aber auch das durch Irans Atomprogramm ohnehin schwierige Verhältnis zum Westen. Der neugewählte Präsident Hassan Rowhani sei zwar an besseren Beziehungen zum Westen interessiert, werde aber von Hardlinern wie den Revolutionären Garden behindert, sagte Fitzpatrick.