Sinai-Absturz – Verdacht auf Terrorismus verdichtet sich

Nein, geklärt ist der Absturz der russischen Chartermaschine über der Sinai-Halbinsel noch nicht. Aber: Es bestehe «hohe Wahrscheinlichkeit», dass der IS das Flugzeug zum Absturz gebracht habe, sagte der britische Aussenminister Philip Hammond gestern.

Walter Brehm
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Nein, geklärt ist der Absturz der russischen Chartermaschine über der Sinai-Halbinsel noch nicht. Aber: Es bestehe «hohe Wahrscheinlichkeit», dass der IS das Flugzeug zum Absturz gebracht habe, sagte der britische Aussenminister Philip Hammond gestern.

Europäische und amerikanische Sicherheitsexperten gehen inzwischen unisono davon aus, dass «Wilayat Sinai» (Provinz Sinai), der örtliche Ableger der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), hinter dem Absturz des Flugzeugs steckt.

Flughafenarbeiter bestochen?

Wie es dem IS gelungen sein soll, das Flugzeug abstürzen zu lassen, ist aber nach wie vor unklar. Ein Abschuss wird nach wie vor von allen Experten verneint. Dazu fehlten dem IS einfach die notwendigen Waffensysteme, um ein Passagierflugzeug auf einer Reisehöhe von etwa 9000 Metern zu treffen. Hingegen ist es seit Tagen Expertenmeinung, dass die Absturzursache eine Explosion an Bord des Flugzeugs sein müsse.

Der britische Aussenminister wird da wieder konkreter: «Es besteht die grosse Wahrscheinlichkeit, dass der Absturz durch einen Sprengsatz an Bord der Maschine verursacht wurde.» Amerikanische Sicherheitsbeamte, die allerdings nicht genannt werden wollen, gehen noch weiter ins Detail. Der Nachrichtenagentur Bloomberg erklärten sie, es gebe Hinweise darauf, dass der IS einen Mitarbeiter des Flughafens Sharm-el-Sheikh oder der Fluglinie bestochen habe, eine Bombe ins Flugzeug zu schmuggeln.

Allerdings schränken sie ihre Aussage gleich wieder ein. «Andere Erklärungen für den Absturz sind nach wie vor nicht ausgeschlossen.»

Ein «vielleicht» echtes Video

Unterdessen wurde im Internet ein Video entdeckt, das, ohne grosse Beachtung zu finden, schon am Wochenende ins Netz gestellt worden war. Es ist mit dem Logo der «Wilayat Sinai» gekennzeichnet. Das angebliche Bekenner-Video ist eine Minute und 36 Sekunden lang. Es zeigt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven ein Flugzeug, eine Explosion und dann den Absturz der Maschine.

Laut der Zeitung «Die Welt» hat das Bundeskriminalamt (BKA) die deutsche Regierung schon Anfang der Woche davon in Kenntnis gesetzt, dass dieses Video authentisch sein könnte.

Boykott Sharm-el-Sheiks

Die ägyptische Regierung wehrt sich erneut gegen Behauptungen, das Flugzeug sei von Terroristen zu Absturz gebracht worden. Ihre Behörden hätten mit der Auswertung der Flugschreiber begonnen. Leider sei der Stimmenrecorder, der Gespräche und Geräusche aus dem Cockpit aufzeichnete, teilweise zerstört. Da sei noch viel zu tun.

Die befürchteten Folgen allerdings kann Kairo nicht dementieren. London hat sämtliche Flüge von Sharm-el-Sheik nach Grossbritannien ausgesetzt. London plant nun noch nicht näher bezeichnete Notmassnahmen, um bis zu 20 000 britische Touristen, die sich derzeit in ägyptischen Ferienorten aufhalten, nach Hause zu bringen. Auch niederländische Fluggesellschaften fliegen die Region um Sharm-el-Sheik vorerst nicht mehr an.

Rückschlag für Al Sisi

Sollte sich der Terrorverdacht erhärten, wäre dies ein schwerer Schlag für den ägyptischen Tourismus, die zweitwichtigste Einnahmequelle des Landes. Vor allem aber wäre es auch ein Rückschlag für Präsident Fattah al-Sisi, der immer wieder erklärt hat, die Lage auf dem Sinai sei unter Kontrolle. Tatsache ist, dass die Halbinsel Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen der ägyptischen Sicherheitskräfte und Jihadisten ist.

Quellen aus dem US-Geheimdienst CIA schätzen «Wilayat Sinai» zudem so stark ein, dass der vermutete Anschlag auf das Flugzeug von der lokalen Gruppe auch ohne Befehl der IS-Zentrale in Syrien verübt worden sein könnte.