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Sie funktioniert wie ein Konzern

Die kalabresische Mafia, die 'Ndrangheta, ist nicht nur das gefährlichste und brutalste, sondern auch das internationalste Verbrechersyndikat Italiens. Unter anderem ist sie Weltmarktleaderin im Kokainhandel.
Dominik Straub/Rom
Familiäre Bindungen und heftige Fehden: Szenen aus dem 2015 entstandenen Film «Anime nere» (Schwarze Seelen) über das Innenleben der 'Ndrangheta. (Bilder: Xenix)

Familiäre Bindungen und heftige Fehden: Szenen aus dem 2015 entstandenen Film «Anime nere» (Schwarze Seelen) über das Innenleben der 'Ndrangheta. (Bilder: Xenix)

Wie keine andere italienische Mafia zeichne sich die kalabresische 'Ndrangheta durch ihren «Hang zur Internationalisierung» aus, heisst es im neuen Jahresbericht der italienischen Direzione Nazionale Antimafia (nationale Antimafia-Direktion, DNA), der vor wenigen Tagen in Rom vorgestellt worden ist. «Die 'Ndrangheta hat im Ausland Strukturen aufgebaut, welche die für Kalabrien typischen <Locali> imitieren; mit ihren lokalen Zellen ist es der Organisation gelungen, einige Länder regelrecht zu kolonialisieren.» Besonders durchdrungen von der 'Ndrangheta seien die Schweiz und Deutschland, schreibt die DNA. Aber auch in den Niederlanden haben sich die kalabresischen Clans eingerichtet. Dort hätten sie bereits «weite Teile des Blumenhandels unter ihre Kontrolle gebracht» und verfügten über ein «solides Transport- und Logistiknetz», betonte der Staatsanwalt von Reggio Calabria, Nicola Gratteri, nach einer Razzia vor einigen Monaten.

Lange Zeit hatte die 'Ndrangheta im Schatten der sizilianischen Cosa Nostra gestanden. Doch im Zuge der Fahndungserfolge in Sizilien seit Beginn der 1990er-Jahre hat sich dies geändert.

Schweiz als logistische Plattform

Dass sich die Mafia und damit auch die 'Ndrangheta in der Schweiz eingenistet hat, ist an sich nicht neu – und auch nicht weiter verwunderlich. Sie werde von den Clans «wegen ihrer Wirtschaft und ihres Finanzplatzes, ebenso wegen ihrer Infrastruktur besonders geschätzt», hatte die Bundesanwaltschaft vor zwei Jahren gewarnt. Die Schweiz sei eine Art «logistische Plattform», wo man Geld waschen könne, und zwar nicht nur via Banken und Treuhänder, sondern auch mit Investitionen in Immobilien. Schon vor knapp 30 Jahren hatte der im Jahr 1992 von der Cosa Nostra ermordete sizilianische Antimafia-Richter Giovanni Falcone seine Schweizer Amtskollegen gewarnt, dass nach den Mafia-Geldern auch die Mafiosi selber ins Land kämen. Von den italienischen Mafia-Organisationen sei die 'Ndrangheta in der Schweiz am stärksten präsent. Die Erkenntnisse liessen auf eine in vielen Belangen analoge Entwicklung und Präsenz dieser kriminellen Organisation in Norditalien und in der Schweiz schliessen. In Italien ist zudem aufgefallen, dass bei gewaltsamen Auseinandersetzungen innerhalb der 'Ndrangheta «die Waffen auffallend oft aus der Schweiz stammen respektive hier beschafft wurden», heisst es im Bericht weiter.

Infiltration über Strohmänner

Die 'Ndrangheta-Zellen im Ausland geniessen bei ihren illegalen Aktivitäten zwar eine gewisse Autonomie; die wichtigen Entscheide werden aber alle von den «Mutter-Clans» in Kalabrien gefällt. Das Hauptbetätigungsfeld der Auslandableger besteht im Drogenhandel; auch Waffenschiebereien und Geldwäsche gehören zum traditionellen Business. Aber wie etwa das Beispiel Niederlande zeigt, unterwandern die 'Ndrangheta-Zellen auch immer mehr die legale Wirtschaft. Besonders anfällig sind laut den Erkenntnissen der italienischen Ermittler der Immobiliensektor sowie Finanzdienstleistungen. «Es handelt sich um eine leise, heimliche Infiltration, die oft auch über unverdächtige Strohmänner erfolgt», betont der Bericht.

50 Milliarden Euro Umsatz

Die straff organisierte 'Ndrangheta ist in den letzten Jahren zur gefährlichsten und internationalsten Mafia Italiens aufgestiegen. Ihr jährlicher Umsatz wird von der Antimafia-Direktion auf rund 50 Milliarden Euro geschätzt. Die wichtigste Einnahmequelle bildet der Drogenhandel, und dabei insbesondere der Handel mit Kokain: Laut dem DNA-Bericht haben die kalabresischen Clans in den vergangenen Jahren stabile Handelsbeziehungen zu den Kokainkartellen in Süd- und Mittelamerika aufgebaut. Dank der zuverlässigen Lieferungen kontrolliere die 'Ndrangheta fast den gesamten europäischen Kokainmarkt. Selbst die Cosa Nostra und die Camorra sowie zahlreiche US-Drogensyndikate bezögen das Kokain inzwischen von den Kalabresen.

Merkwürdige Treueschwüre

Trotz der Internationalisierung haben die Clans an ihren archaischen Riten festgehalten. Dazu gehören merkwürdig anmutende Ehrenkodexe und Treueschwüre gegenüber den mächtigen Familien-Paten. Zumindest in der kalabresischen Heimat zeichnet sich die 'Ndrangheta aber auch durch eine Brutalität aus, die selbst in der neapolitanischen Camorra oder der sizilianischen Cosa Nostra ihresgleichen sucht. So haben ehemalige Clanmitglieder, die mit der Polizei zusammenarbeiten, berichtet, dass bestimmte Familien «Verräter» nackt und gefesselt halb verhungerten Schweinen zum Frass vorwerfen. Die 'Ndrangheta schreckt auch nicht davor zurück, Kinder zu töten oder unbotmässige Priester oder Politiker niederzuschiessen. Auch Frauen werden nicht verschont – so erlebt Italien immer wieder Fälle, in denen vermeintlich untreuen Ehefrauen mit Salzsäure das Gesicht entstellt wird.

Gutbürgerliche Fassade

Im Ausland dagegen sind die Clans darauf bedacht, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen. Das Blutbad vom August 2007, bei dem Killer der 'Ndrangheta in Duisburg sechs Mitglieder eines rivalisierenden Clans erschossen hatten, gilt bis heute als krasse Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Gewöhnlich tarnen sich die ausgewanderten kalabresischen Mafiosi mit einer gutbürgerlichen Fassade: Sie treten als unauffällige Geschäftsleute mit Anzug und Krawatte auf, als Kleinunternehmer, Taxifahrer oder Pizzabäcker. Sie sind – wie der Frauenfelder Mafioso Raffaele Albanese, der im vergangenen Oktober in Reggio Calabria zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist – der sprichwörtliche nette Nachbar vom Haus nebenan.

Mehrere Hinweise aus hiesigen Ermittlungsverfahren deuten darauf hin, «dass in der Schweiz neben der Ostschweizer Zelle weitere <Locali> existieren», die sich teils auch koordinieren. Die Schweizer Behörden schreiben «von unterschiedlichen Einflusssphären». So dominierten im Raum Zürich und in der Ostschweiz Personen aus dem Norden Kalabriens. Im Wallis kämen die tonangebenden Vertreter aus dem südlichen Teil der süditalienischen Region.

Bild: Francesca Casciarri / Calias

Bild: Francesca Casciarri / Calias

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