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SICHERHEIT: Warum Frauen zu Selbstmordattentäterinnen werden

Noch nie hat es so viele Selbstmordattentäterinnen gegeben wie im Jahr 2017. Für den Westen bedeutet dies, dass man sich von konservativen Vorstellungen verabschieden muss – auch wenn die Motive der Attentäterinnen nicht immer dieselben sind.
Joëlle Weil
Fatima sollte als 15-Jährige für Boko Haram ein Attentat ausführen. Sie flüchtete und lebt nun in einem nigerianischen Flüchtlingslager. (Bild: Andy Spyra/LAIF/Keystone)

Fatima sollte als 15-Jährige für Boko Haram ein Attentat ausführen. Sie flüchtete und lebt nun in einem nigerianischen Flüchtlingslager. (Bild: Andy Spyra/LAIF/Keystone)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Die Zahl der weltweiten Selbstmordattentate hat im letzten Jahr einen Tiefstand seit 2013 erreicht: 348 Attentate wurden 2017 laut einer neuen Studie des israelischen Institute of National Security Studies verübt. Dabei kamen in 23 Ländern 4310 Menschen ums Leben, 6700 wurden bei den Anschlägen verletzt. Beruhigend wirken solche Zahlen zwar nicht, sie zeigen aber immerhin einen Rückgang der derartigen Gewalt.

Was die Studie zudem aufzeigt, ist das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Attentätern, und hier zeigen die neuesten Zahlen einen überraschenden Trend: Noch nie waren so viele Frauen als Täterinnen aktiv wie im vergangenen Jahr. 137 Frauen und Mädchen verübten Selbstmordanschläge. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es lediglich 77 Frauen. In 126 der dokumentierten Fälle handelte es sich um Anschläge der afrikanisch- islamistischen Terrororganisation Boko Haram. Generell jedoch führt der Islamische Staat (IS) die Liste der meisten Selbstmordattentate an.

Unschuldiges Auftreten wird ausgenutzt

Frauen, die eine aktive Rolle im Terrorismus spielen, sind kein neues Phänomen. Trotzdem gelten sie noch immer als der Underdog in diesem Gewaltspiel und entsprechen nicht dem stigmatisierten Bild des Bösen. Der Fall Boko Haram bestärkt dieses weit verbreitete Denken: «Frauen, die unter Boko Haram Selbstmord­attentate verüben, werden hauptsächlich unter Erpressung und Zwang aktiv», sagt Aviad Mendelboim, der die Studie unter anderem verfasst hat. Dass Boko Haram hauptsächlich Frauen und gar kleine Kinder für seine Zwecke nutzt, bestätigt erneut auch eine aktuelle Studie der Yale-Universität, die zeigt, dass beispielsweise 2011 mindestens 244 von den 338 verübten Attentaten von Frauen und Kindern ausgingen.

Im vergangenen Juni waren laut der Studie mehr als doppelt so viele Selbstmordattentäter Frauen. Kidnapping von Schulmädchen, um diese dann für sich und ihre Ideologien zu missbrauchen, gehört zu den Vorgehensweisen der Terrorgruppe. Dabei profitiert die Terrorgruppe von der gesellschaftlichen Unschuldsvermutung der Frau und deren Auftreten: Sprengkörper lassen sich unter locker sitzenden Gewändern oder gar an Kleinkindern geschnallt schlechter er­ahnen und einfacher ans Ziel bringen als durch einen Mann.

Wenn Frauen für Ideologien kämpfen

Das vermeintlich scheinheilige Bild der Frau kippt jedoch, wenn man sich mit den Frauen beim Islamischen Staat befasst. «Beim IS ist die Rollenverteilung eigentlich eine ganz klare», sagt Mendelboim. «Die Männer kämpfen an der Front, während sich die Frau um den Haushalt und den Nachwuchs kümmert.» Dass auch dort vermehrt Frauen als Selbstmordattentäterinnen aktiv sind, hat einen anderen Grund, der mit einer Art Ermächtigung und Unabhängigkeit der Frau zu tun haben könnte. «Beim IS wollen vermehrt Frauen an die Front und als Kämpferinnen im Krieg dienen.» Man könne fast von Terrorismusfeminismus sprechen.

Beim IS handeln Frauen meist aus ideologischen Gründen. Dies stellt sie – ganz im Gegensatz zu Boko Haram – auf dieselbe Ebene wie die Männer: Beide handeln aus Überzeugung und aufgrund einer Vision. Dass viele Frauen aus dem emanzipierten Westen zum IS stossen, hat mit deren Bedürfnis zu kämpfen wenig zu tun, sagt Mendel­boim. Viel mehr spielen die Niederlagen des IS eine wichtige Rolle in der neuen Aufstellung. Der Verlust an Territorium und an Kämpfern zwinge sogar den konservativen Islamischen Staat, auch Frauen zu rekrutieren.

Terrorismus entwickelt sich weiter

Dass Europa naiv mit diesem Thema und der theoretischen Gefahr, die von Frauen ausgehen kann, umgeht, glaubt Mendel­boim nicht: «Wer vom IS aus Syrien oder dem Irak nach Europa zurückkehrt, muss sich einer langen Prozedur von Befragungen unterziehen, egal ob es sich dabei um einen Mann oder um eine Frau handelt.» Internationale Geheimdienste seien sich des weiblichen terroristischen Potenzials durchaus bewusst, auch wenn dieses Bild im gesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht angekommen ist. Eine Prognose für die Zukunft zu stellen und «den weiblichen Terrorismus» als die Gefahr der Zukunft zu prophezeien, sei laut Mendelboim jedoch falsch: «Wir können die Zukunft nicht voraussagen. Wir müssen die Lage jedes Jahr aufs Neue auswerten und die Entwicklungen beobachten. Trotz sorgfältiger Beobachtungen können sich die Lage und die Strategien der Terrorgruppen ständig verändern.» Sich vom IS, dafür aber nicht von Boko Haram bedroht zu fühlen, sei aber bestimmt nicht richtig. «Die Mittel von Boko Haram können sich verändern. Sich in Sicherheit zu glauben, weil sich Boko-Haram-Terror hauptsächlich in Afrika abspielt, ist genauso naiv, denn auch Boko Haram kann sich in Zukunft in Europa oder den USA einnisten.» Auch Terrorismus entwickle sich weiter, und diese Entwicklungen seien nicht berechenbar. Umso wichtiger sei es für Geheimdienste, alle Entwicklungsmöglichkeiten und Formen des Terrorismus zu berücksichtigen, auch wenn diese zunächst unwahrscheinlich und fremd erscheinen.

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