Serbien fürchtet die Wahrheit

Gedenktag für die Opfer des Massakers von Srebrenica: Erstmals begehen die Angehörigen den Tag im Wissen, dass die zwei noch lebenden Hauptschuldigen hinter Gitter sitzen.

Rudolf Gruber
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Trauer am Sarg eines Verwandten, dessen Leiche erst gefunden und identifiziert werden konnte. (Bild: ap/Marko Drobnjakovic)

Trauer am Sarg eines Verwandten, dessen Leiche erst gefunden und identifiziert werden konnte. (Bild: ap/Marko Drobnjakovic)

wien. Ex-General Ratko Mladic ist am 26. Mai nach jahrelangem Versteckspiel verhaftet worden. Unter seinem Kommando wurden gegen Ende des Bosnienkriegs nach dem 11. Juli 1995 rund 8000 männliche Bosniaken systematisch ermordet und irgendwo verscharrt. Mladics politischer Zwilling, der bosnisch-serbische Ex-Präsident Radovan Karadzic, sitzt seit 2008 in einer Zelle des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Der Jahrestag sei nun «um eine Nuance leichter» als die früheren, sagte ein Vertreter des Organisationskomitees.

Munira Subasic von der Vereinigung «Mütter von Srebrenica» sagte, das lange Warten auf Mladics Verhaftung sei schmerzhaft gewesen, man habe schon gar nicht mehr darauf gehofft. «Ich wäre glücklich, gegen ihn aussagen zu können.» Aber ihr Name steht nicht auf der Zeugenliste.

Immer noch viele Vermisste

Seit 2004 findet jährlich der «Marsch des Todes» der Opferangehörigen statt, um das grösste Verbrechen des Bosnienkriegs, das der Internationale Gerichtshof als Völkermord eingestuft hatte, in Erinnerung zu halten. Auch in diesem Jahr machten sich rund 6500 Menschen auf den 110 Kilometer langen Weg von der Provinzmetropole Tuzla nach Srebrenica. Insgesamt haben gestern 30 000 Menschen trotz drückender Hitze an den Gedenkfeierlichkeiten teilgenommen.

Auf dem Gräberfeld in Potocari, nahe Srebrenica, wurden weitere 613 Leichen bestattet. Damit haben bislang 5137 Opfer ihre letzte Ruhe gefunden. Die Internationale Kommission für vermisste Personen hat bisher 6598 der Opfer identifiziert, nach rund 1500 wird noch gesucht. Experten vermuten sie in noch nicht entdeckten Massengräbern.

Niederlande haftet mit

Erstmals wurde letzte Woche in einem Gerichtsurteil bestätigt, dass der niederländische Staat für das Versagen seiner UNO-Schutztruppe in Bosnien-Herzegowina mithaftet. Anlass war die Klage dreier Opferfamilien, denen die Niederlande nun Entschädigung leisten müssen. Der Hintergrund: Srebrenica war im Bosnienkrieg zur UNO-Schutzzone erklärt worden, wegen Tausender Kriegsflüchtlinge, die dort vor Mladics Soldateska Schutz gesucht hatten. Das niederländische Blauhelm-Bataillon war zwar nicht in der Lage, die eingekesselte Enklave militärisch zu verteidigen – dies hatte das UNO-Mandat nicht erlaubt –, hat aber auch nicht alles getan, um Leben zu retten.

Serbien nicht vertreten

Enttäuscht hat viele Serbiens Regierung, die diesmal keinen Vertreter entsandte. Präsident Tadic, der 2005 und 2010 an den Gedenkfeiern teilnahm, schickte nur eine Botschaft, in der er den Angehörigen der Opfer Respekt und Beileid ausdrückte. Tadic, Premier Cvetkovic und Aussenminister Jeremic entschuldigten ihr Fernbleiben mit Termingründen. Anscheinend hält man nach der Festnahme Mladics die Präsenz in Srebrenica nicht mehr für nötig.

Auch gibt es noch keine Anzeichen, dass Serbien offiziell eine Untersuchung des Srebrenica-Massakers anstrebt, wofür das damalige Kriegsregime unter dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic die politische Hauptverantwortung trägt. «Das serbische Volk ist noch nicht bereit, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen», sagte Bakir Izetbegovic, der bosniakische Vertreter des ethnisch gemischten Staatspräsidiums.

Als Freiheitshelden verehrt

Das belegt auch das Verhalten der überwiegend serbischen Bewohner Srebrenicas, die dem Friedhof vor ihrer Haustür fernbleiben. Auch Vertreter des serbischen Teilstaates Republika Srpska (RS) werden dort kaum gesehen. Karadzic und Mladic werden nach wie vor als Freiheitshelden und Gründerväter ihres «Staates» gefeiert, der mit Waffengewalt, Massenmord und Vertreibung geschaffen wurde.