Wahlkampfberater des neuen ukrainischen Präsidenten: «Selenski will nicht leben wie die jetzigen Politiker»

Michail Fjodorow, IT-Berater des künftigen ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski, spricht über die Visionen seines Chefs, dessen Verhältnis zu den Medien und vergangene Fernsehrollen.

Interview: Stefan Scholl, Moskau
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Der neue ukrainische Präsident Wolodimir Selenski im Hauptsitz seines Wahlkampfbüros in Kiew. (Bild: Stepan Franko/EPA, 21. April 2019)

Der neue ukrainische Präsident Wolodimir Selenski im Hauptsitz seines Wahlkampfbüros in Kiew. (Bild: Stepan Franko/EPA, 21. April 2019)

Michail Fjodorow.

Michail Fjodorow.

Im Wahlkampf war Ihr Kandidat sehr präsent auf Facebook oder Instagram. Wollten Sie, dass Selenski und die Wähler ohne Vermittler verkehrten?

Michail Fjodorow: Das war weniger die Kommunikation mit Wolodimir als mit unserer Mannschaft. Wir haben nicht versucht, die Kommunikation mit Wolodimir zu imitieren. Wir haben nur versucht, möglichst viele Leute mit Hilfe des Netzes in unsere Kampagne einzubeziehen.

Journalisten hat er jedenfalls gemieden.

Ich glaube, er hat die richtige Strategie gewählt. Haben Sie die Fernsehserie «Der junge Papst» gesehen?

Die Rolle hat etwa auch Wolodimir Selenski gespielt?

Nein! (lacht) Da wird ein junger Mann zum Papst gewählt und redet darüber, wie du dich zu verhalten hast, damit die Öffentlichkeit auf dich hört. Sein Prinzip: Du entwertest deine eigenen Worte, wenn du zu viel redest.

Und wie hat sich der junge Präsident Selenski auf seine Rolle vorbereitet?

Wolodimir hat gelernt, sehr viel gelernt. In den letzten Wochen hat er sogar die Kommunikation mit uns abstrahiert. Ich habe täglich mit seiner Assistentin telefoniert, sie erzählte, was er gerade studiert, Geschichte oder ukrainische Sprache.

Und dann hat er die Rebellen im Donbass als Aufständische bezeichnet. Für viele Patrioten ein peinlicher Fehltritt.

Er hat da reale Zitate von Leuten vorgelesen, selbst auf der Website von Präsident Poroschenko ist von Aufständischen die Rede. Tatsächlich weiss Selenski genau, wer diese Rebellen sind, und wie man sie bekämpfen muss.

Wie denkt Selenskis Team über den Krieg?

Wir führen darüber sehr emotionale Gespräche, es wäre nicht diplomatisch, die Worte wiederzugeben, die da fallen. Aber ich habe die innere Intuition, dass der Krieg sehr schnell zu Ende geht. Selenski besitzt eine gewisse Magie. Diese Magie zieht Leute an, die Lösungen anzubieten haben.

Wer wird sich mit der Befreiung der okkupierten Gebiete beschäftigen?

Ich weiss nicht. Aber im Stab gibt es Leute, die an einem Handlungsplan arbeiten. Jeden Tag gibt es drei, vier Gruppentreffen, wir nennen sie «philosophische Gruppen». Als Ergebnis gibt es sogar schon Gesetzesvorlagen. Die Öffentlichkeit erwartet also viele Überraschungen. Sie darf optimistisch sein.

Wirklich? Selenski wird aber auch mit umstrittenen Figuren wie Innenminister Arsen Awakow oder Oligarch Igor Kolomoiski in Verbindung gebracht.

Na und. Sie gehören nicht zur Mannschaft.

Aber sie haben ihre Leute in der Mannschaft.

Sie meinen Kolomoiskis Anwalt Andrij Bogdan, ja, der gehört zur Mannschaft. Aber er besitzt keinerlei Einfluss auf Selenski. Die Leute, die ihn umgeben, sind zu 90, ich denke sogar zu 100 Prozent Menschen, die das Land verändern wollen.

Selenski hat angekündigt, er werde mit seiner Verwaltung aus dem Präsidialpalast in Kiew ausziehen. Glauben Sie daran?

Zu hundert Prozent. Er will nicht leben wie die jetzigen Politiker, davon wird ihm schlecht. Er wird schon deshalb ausziehen, um keine Staus im Zentrum zu verursachen.

Sie haben gesagt, Sie wollten selbst kein Staatsbeamter werden. Wie wollen Sie so denn im Team des künftigen Staatsoberhauptes bleiben?

Ich kann zum Beispiel in der Freiwilligenbewegung Igov mitarbeiten, die den Staat digitalisiert. Aber diesen digitalisierten Staat wird jemand leiten, der viel kompetenter ist als ich. Wenn ich aber sehe, dass in meinem Bereich etwas falsch läuft, dann werde ich Mitglieder von Selenskis Mannschaft arg kritisieren.

Aber wird er Sie als Präsident noch hören?

Ich sehe, wie er mit Leuten umgeht, die er seit 15 Jahren kennt, wie er das Verhältnis zu ihnen schätzt und pflegt und wie er auch Menschen zuhört, die er nur kurz kennt. Und ich bin mir sicher, dass er sich morgen nicht vor allen Leuten verschliesst, die ihn umgeben haben.

Selenski präsentierte sich vor den Wahlen nicht nur im Netz. Er spielte ausserdem in einer von ihm produzierten Fernsehserie den Lehrer Wassili Goloborodko, der Präsident geworden ist. Glauben Sie, es gibt eine Botschaft, die Selenski über Goloborodko mitteilen möchte?

Unbedingt. Er wollte dort seine Werte zeigen. Keine Programmpunkte, sondern Werte. Das Wichtigste ist, ehrlich zu sein und ehrlich zu bleiben, auch wenn du nicht immer den Durchblick hast. Meine Meinung ist, dass man als Präsident ein hervorragender Manager sein muss und ein Visionär. Du kannst dich nicht in allem auskennen, es gibt ja genug Leute, die in den einzelnen Bereichen Bescheid wissen.

Jedenfalls ist mit Selenski in der Ukraine jetzt viel mehr los als in Russland.

Armes Russland. Aber für uns ist das gut. Sie verstehen, was passiert, wenn Selenski Präsident geworden ist? Und gebe Gott, dass die Veränderungen in der Ukraine schnell vorangehen. Was wird dann aus Putin? Den werfen sie dort raus, bei Wahlen, wie wir sie jetzt erlebt haben.

Zur Person: Der IT-Fachmann Michail Fjodorow (28) hat den digitalen Wahlkampf Selenskis geleitet und gehört zum Stab, mit dem der künftige Staatschef arbeiten will.