Selbstlos und erzkonservativ

Mutter Teresa, die «Missionarin der Nächstenliebe», wird am Sonntag in Rom heiliggesprochen. Erinnerungen an eine Begegnung in Indien und ihr umstrittenes Wirken.

Willi Germund
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Das zerfurchte Gesicht der Missionarin: Fast 50 Jahre lang wirkte Mutter Teresa in Kalkutta und half den Ärmsten der Armen. (Bild: ap/Chris Bacon)

Das zerfurchte Gesicht der Missionarin: Fast 50 Jahre lang wirkte Mutter Teresa in Kalkutta und half den Ärmsten der Armen. (Bild: ap/Chris Bacon)

Vor der Haustüre war es bereits dunkel. Die schlichten Holzmöbel drückten unbequem im Rücken, als Mutter Teresa damals im Januar 1996 endlich eine halbe Stunde Zeit fand, um mit ein paar Reportern zu sprechen. Auf den ersten Blick wirkte der «Engel der Armen», wie sie bewundernd genannt wurde, etwas zerstreut. Aber sie entpuppte sich – ein Jahr vor ihrem Tod – schnell als sprühendes Energiebündel samt unerschütterlichem Tatendrang und erzkonservativen Ansichten. «Wir sind hier, um zu helfen. Uns interessiert nicht, warum die Leute arm sind», beschrieb die Gründerin des Ordens ihre Devise und wackelte mit ihrem leicht verkrüppelten dicken Zeh in den Riemensandalen.

Kalkutta, schon damals eine Millionen-Metropole im Osten Indiens, stand für das schier unvorstellbare Elend, das einst als Synonym für Südasien galt. Verwaschene und vernachlässigte Fassaden, baufällige Bauten, Zehntausende von Menschen, die nachts auf aus der Kolonialzeit stammenden Fussgängerwegen übernachteten.

Selbst Fidel Castro öffnete ihr die Tür

1943 noch hatte während der britischen Herrschaft eine Hungersnot Millionen Menschen in Kalkutta weggerafft. Nach der Gründung Indiens gab es bei der blutigen Trennung von Pakistan und Indien erneut Hunderttausende von Toten. Zwei bis drei Millionen Flüchtlinge strömten aus Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesh, nach Kalkutta. «Mutter Teresa wäre ohne Kalkutta nicht möglich gewesen», sagte der 39jährige Brite Gautam Lewis, der im vergangenen Jahr einen Film über ihr Leben und Wirken drehte. Als Säugling war Lewis an Polio erkrankt und landete auf glücklichen Umwegen in einem Kinderheim in Kalkutta. Im Alter von drei Jahren vermittelten ihn die «Missionarinnen der Nächstenliebe» mit einem umstrittenen Adoptivprogramm an Eltern in Grossbritannien. «Ich will mit meinem Film Mutter Teresa wieder jungen Leuten nahebringen», sagt Lewis.

Damals beim Treffen im Januar 1996 war die aus Skopje in Albanien stammende Nonne dank des Friedensnobelpreises so berühmt, dass selbst Fidel Castro der katholischen Ikone in der weiss-blauen Tracht die Tore öffnete. Doch niemand rechnete damit, dass der Vatikan dank der Bemühungen von Papst Johannes Paul II. die Nonne mit dem zerfurchten Gesicht bereits 20 Jahre später heiligsprechen würde.

Cholera und Hunger

In Rom hatten die Kardinäle 1996 noch nicht beschlossen, dass die Zukunft der katholischen Kirche in Asien liegen würde. In Indien, fünf Jahrzehnte lang die Wahlheimat von Mutter Teresa, überwog Ehrfurcht vor ihrem unermüdlichen Einsatz die religiöse Hetze, mit der heutzutage führende Hindu-Nationalisten die Nachfolgerinnen von Mutter Teresa überschütten. Der «Engel der Armen» habe statt Wohltätigkeit nur ein Ziel im Sinn gehabt: Die Inder zum Christentum zu bekehren.

Mutter Theresa kannte solche Kritik an ihrer Arbeit. Skeptiker warfen den «Missionarinnen der Nächstenliebe» vor, Armen und Kranken zu helfen, um die Verbreitung ihres fundamentalistischen katholischen Glaubens zu fördern. Mutter Teresa bestärkte solche Vorhaltungen, indem sie beispielsweise vor einer Abstimmung in Irland für die Gegner des Scheidungsverbots die Werbetrommel rührte. Ihre grundsätzliche Ablehnung von künstlicher Familienplanung und Abtreibung als «Mord im Mutterleib» schien schon in den 1990er-Jahre wenig zeitgemäss. Andererseits wirken ihre Worte angesichts der Abtreibung Hunderttausender weiblicher Föten in Indien nach der Ultraschall-Geschlechtserkennung heute wie ein düsteres Orakel über die Gegenwart.

Die Theologie des Leidens, wie manche Kritiker die Weigerung der Missionarinnen nannten, Ursachen von Armut und Elend zu bekämpfen, entstand Ende der 1950er-Jahre. Damals bedrohten nach den Schrecken des Weltkriegs plötzlich Hungerepidemien, Cholera und Tuberkulose die Menschheit. Im Zentrum von Kalkutta starben damals auf den Strassen viele Menschen, um die sich niemand gekümmert hatte.

Mutter Teresa versuchte nicht nur als Erste, sondern zunächst auch als Einzige mit ihrem Sterbeheim die Leiden todgeweihter Menschen zu lindern. Die spätere Kritik, die Nonnen hätten mehr für die Kranken tun können, mag richtig sein. Ob die Möglichkeiten dazu damals tatsächlich bereits vorhanden waren, ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen.

4000 Nonnen in 137 Ländern

Wenige Tage vor der Heiligsprechung von Mutter Teresa scheint es, als ob die Nonnen in den blau-weissen Kutten mit ihrem Beharren, lediglich zu helfen und keine Fragen nach den Ursachen zu stellen, weitaus zeitloser sind als ihre Kritiker. Hilfe dient heutzutage ja vor allem immer wieder auch zur Unterstützung der eigenen Wirtschaft. Für Hilfsorganisationen ist es zunehmend schwieriger geworden, Spenden für langfristige Projekte zu sammeln, die keine unmittelbaren Erfolge vorweisen können. Humanitäre Arbeit, die nach Katastrophen das Elend bekämpft, kennt solche Probleme weitaus weniger.

So gesehen kommt die Heiligsprechung von Mutter Teresa zu einem günstigen Zeitpunkt. Der Vatikan verherrlicht eine Frau, die helfen wollte, ohne nach den Ursachen zu fragen. Zumindest in Kalkutta wirkt das Konzept: Die «Missionarinnen der Nächstenliebe» sind heute in 137 Ländern mit rund 4000 Nonnen vertreten. Sie sind so beliebt, dass sie inzwischen ein halbes Dutzend Unterkünfte anbieten müssen, um alle Freiwilligen beherbergen zu können, die ein paar Wochen im Sterbeheim oder anderen Einrichtungen des Ordens arbeiten wollen.

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