Seit vier Jahren tiefste Hölle

Die Zivilisten im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk spielten im zynischen Kalkül aller syrischen Bürgerkriegsparteien nie eine Rolle. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Michael Wrase
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Palästinensische Flüchtlinge im ausgebombten Lagerquartier Yarmouk in Damaskus. (Bild: ap/Sana)

Palästinensische Flüchtlinge im ausgebombten Lagerquartier Yarmouk in Damaskus. (Bild: ap/Sana)

LIMASSOL/DAMASKUS. Sechs Tage sind vergangen, seitdem UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon das im Süden von Damaskus liegende Flüchtlingslager Yarmouk als «Todeslager» bezeichnete. Im syrischen Horror sei das Camp, in dem noch 16 000 Zivilisten ausharren, die «tiefste Hölle».

Sprungbrett der Jihadisten

Ban Ki Moons dramatischen Worten vorausgegangen war der Überfall des «Islamischen Staates» (IS) auf das Lager, in dem die Menschen aber schon lange vor dem spektakulären Angriff der Jihadisten Höllenqualen litten. Die Situation in dem Lager müsse dringend stabilisiert werden, forderte Ban in seiner schon lange überfälligen Intervention. Doch daran haben die kämpfenden Parteien und ihre Hintermänner kein Interesse. Für den IS und andere Jihad-Gruppen ist das Ende der 50er-Jahre errichtete Lager das Sprungbrett ins Zentrum von Damaskus. Bis zu Assads Präsidentenpalast sind es nur acht Kilometer.

Bei der Eroberung von Yarmouk hatte der IS Hilfe von der syrischen Qaida-Filiale Nusra-Front erhalten. Diese Terrororganisation wird von Saudi-Arabien, Qatar und auch von der Türkei unterstützt. Oberstes Ziel dieser Staaten ist der Sturz des Assad-Regimes. Um es zu verwirklichen, hatten sie in den letzten drei Jahren die inzwischen ebenfalls von Jihadisten unterwanderte «Freie Syrische Armee» und andere islamistische Rebellen in Yarmouk unterstützt.

Assads Bombenkrieg

Assads Armee reagierte auf den Überfall des IS wie immer: Flugzeuge warfen Fassbomben auf das Lager ab, das seit 2012 nahezu hermetisch abgeriegelt ist. «Wer uns bekämpft, muss leiden, hungern, sterben.» Dies ist (nicht nur) in Yarmouk die Devise des Damaszener Regimes. Mehr als 80 000 palästinensische Zivilisten haben deshalb das Lager in den letzten drei Jahren verlassen. Und die Bekämpfung der Aufständischen überlässt Assad linksgerichteten Palästinensergruppen, die vom Regime bezahlt werden. Sie sollen inzwischen 40 Prozent des Lagers zurückerobert haben.

Dubiose Rolle der Palästinenser

Um die Zivilisten von Yarmouk zu versorgen, benötigen internationale Hilfsorganisationen das Einverständnis aller Kampfparteien. Dazu waren sie aber allenfalls alle drei Monate bereit.

Der Grund dafür ist die Angst vor einem Waffenstillstand, den je nach Lage der Kämpfe die Gegenpartei dazu nutzen könnte, sich mit neuem Kriegsgerät zu versorgen. Die Zivilisten in Yarmouk spielten und spielen im zynischen Kalkül aller Kampfparteien in Syrien keine Rolle. Selbst für die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah, die nach einem mit der Arabischen Liga und der syrischen Regierung geschlossenen Vertrag für die Verwaltung von Yarmouk zuständig ist, stehen machtpolitische Interessen im Vordergrund.

So hatte Palästinenserpräsident Abbas nach der Intervention von UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon die formelle, aber wohl eher scheinheilige Bitte des Assad-Regimes, in Yarmouk mit eigenen Truppen zu intervenieren, zunächst positiv beantwortet. Erst auf Drängen der arabischen Golfstaaten, auf deren Finanzhilfe Ramallah angewiesen ist, zog er dann die Erlaubnis wieder zurück.

Kein Interesse an Änderung

Das zynische Hickhack zeigt einmal mehr, dass niemand den Horror von Yarmouk wirklich beenden will. Das Lager soll das Sprungbrett zu Assads Präsidentenpalast bleiben.

Vorteil für Assad

Der Preis einer direkten Intervention der syrischen Regierungstruppen wäre Friedhofsruhe im wahrsten Sinne des Wortes. Für Assad bringt der Überfall des IS noch einen weiteren Vorteil. Er kann die Bevölkerung für seinen sogenannten «Kampf gegen Terror» mobilisieren.

Dass der syrische Diktator Bashar al-Assad dem IS jedoch den Zugang zum Lager Yarmouk bewusst ermöglicht habe, wie dies die gemässigte syrische Opposition behauptet, ist eher unwahrscheinlich. Das Regime hätte es lieber gesehen, wenn der höllische Kleinkrieg unter seiner Kontrolle auf dem Rücken der Zivilisten noch lange weitergegangen wäre. Ohne Sieger und Besiegte.

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