Sein Glamourfaktor ist nahe bei null

In Berlin wird am Sonntag das Parlament gewählt. Michael Müller ist Oberbürgermeister der Stadt, und das will der SPD-Politiker auch bleiben. Vielleicht verhilft ihm seine vermeintliche Schwäche zum Sieg.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Michael Müller besteigt an diesem späten Sommertag eine schmucke kleine Gondelbahn in Berlin-Marzahn, einem der sogenannten Problembezirke der deutschen Hauptstadt. Auf einer Länge von 1,5 Kilometern werden 80 Höhenmeter überwunden. Die Seilbahn ist eine Attraktion der Internationalen Gartenausstellung (IGA) im April kommenden Jahres. So geht Wahlkampf. Termin hier, Termin da. Bevor Müller in der Gondel entschwindet, dreht er sich kurz zu den wartenden Presseleuten um und lobt die tolle Konstruktion der Seilbahn. Der 51-Jährige versichert, dass er sich riesig auf die Gartenausstellung freue.

Wieder kein knackiges Zitat, wieder keine Schlagzeile, denken sich die Lokalreporter. In solchen Momenten wünschen sich viele einen «Regierenden» wie Klaus Wowereit zurück, Müllers Vorgänger als Chef der 3,5-Millionen-Metropole. «Wowi» hätte diesen lockeren Anlass bestimmt genutzt, um ein paar kernige Sprüche zum Besten zu geben.

Das Gegenteil seines Vorgängers

Am kommenden Sonntag finden in Berlin die Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt. Müller als Spitzenkandidat der SPD will sich im Amt bestätigen lassen; Die Trends sprechen für ihn. Vieles deutet darauf hin, dass Berlin auch die nächsten Jahre von einem Mann regiert wird, der so unglamourös und normal daher- kommt, wie es sein 460mal im Berliner Telefonbuch vorkommender Name suggeriert. Zwar schwächelt auch die SPD (vgl. Kasten), doch Müllers Herausforderer von der CDU, Innensenator Frank Henkel, kämpft gegen ein derart lausiges Image an, dass er seine im Umfragetief verharrende Partei auf der Zielgeraden kaum zur stärksten Fraktion im Parlament führen wird. Henkel wurde zuletzt im Juli mit Hohn und Spott überschüttet, als er ein von Linksradikalen besetztes Haus mit einem Grossaufgebot der Polizei räumen lassen wollte, von Anwälten aber zurückgepfiffen werden musste. Es riecht in Berlin nach einem Ende der seit fünf Jahren regierenden Grossen Koalition, ein rot-rot-grünes Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen ist wahrscheinlich.

Könnten die Berliner ihren Regierenden Bürgermeister selbst wählen, sie würden mit einer deutlichen Mehrheit für Michael Müller votieren. Seine relativ solide Beliebtheit in der sonst so schrillen Hauptstadt mag erstaunen. 13 Jahre lang regierte an der Spree mit Klaus Wowereit ein Mann, der das Image des «Regierenden Partymeisters» zelebrierte und Sprüche für die Ewigkeit prägte: «Berlin ist arm, aber sexy» oder «Ich bin schwul, und das ist auch gut so».

In «Charisma-Entferner» gefallen

Die Berlinerinnen und Berliner hatten nach über zehn Jahren «Wowi», einem milliardenschweren Desaster beim «Pannenflughafen» Berlin-Brandenburg (BER), verlotterten Schulen und in die Höhe schnellenden Wohnungsmieten offenkundig das Bedürfnis, Charisma gegen Pragmatismus einzutauschen. «Michael Müller tritt so auf, als habe er sich vorsätzlich in einen Riesenbottich mit Charisma-Entferner fallen lassen», schrieb die «Süddeutsche Zeitung» über den Oberbürgermeister. Müller, aufgewachsen im Berliner Westbezirk Tempelhof und Inhaber einer eigenen Druckerei, macht aus seiner vermeintlichen Schwäche allerdings recht gekonnt eine Stärke. «Der Glamourfaktor hat Luft nach oben», pflegt er über sich selbst zu sagen – und befreit sich mit solch charmanten Selbsteinschätzungen gleich vom Etikett der Biederkeit.

Müller ist seit 1981 in der SPD. Seither hat er sich sukzessive vom einfachen Mitglied zum Vorsitzenden des Landesverbandes und über den Posten des Senators bis zum höchsten Mann in Berlin hochgearbeitet. Er wirkte in den letzten Jahre seines Vorgängers Wowereit eng an dessen Seite. Müller verweist im Wahlkampf gerne auf die positive Entwicklung der Stadt. Nörglern unterstellte er kürzlich im Abgeordnetenhaus, «ins Scheitern verliebt» zu sein. «Als ob wir in dieser Stadt aus dem letzten Loch pfeifen würden», ereiferte er sich.

Die Stadt hat sich aufgerappelt

Tatsächlich hat sich die Metropole an der Spree zuletzt positiv entwickelt. Die Arbeitslosenquote ist in den letzten fünf Jahren von über 13 Prozent auf unter zehn Prozent gesunken, die Ansiedlung von Start-up-Unternehmen hat Tausende neuer Arbeitsplätze geschaffen. Der gewaltige Schuldenberg von über 60 Milliarden Euro hat die grosse Koalition in den letzten Jahren etwas zum Schmelzen gebracht. Pro Jahr lockt die Stadt 40 000 Neuzuzüger an, nicht eingerechnet die etwa 80 000 Flüchtlinge, die seit Sommer 2015 ein Auskommen in der Stadt suchen.

Allerdings bringt der enorme Zuzug die Stadt infrastrukturell an ihre Grenze. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, die steigenden Mieten in der Stadtmitte führen zu einem Verdrängungskampf. Das Unbehagen eines Teils der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen und den etablierten Parteien macht sich auch in Berlin bemerkbar. Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) dürfte vom Unmut dieser Menschen profitieren.

Darüber hinaus hat Berlin ein Problem mit seinen Verwaltungen. Wegen Sparübungen zu Beginn der 2000er-Jahre, als Berlin fast pleite gegangen war, gibt es in den Behörden zu wenig Personal. Monatelange Wartezeiten im Bürgeramt sind keine Seltenheit. Die chaotischen Zustände im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) im vergangenen Jahr, als Tausende von Flüchtlingen wochenlang bei eisiger Kälte im Freien übernachten mussten, wurden zum Inbegriff für Verwaltungsversagen. Und der Hauptstadtflughafen BER, der nun definitiv 2017 eröffnet werden soll, verschlingt weiterhin Milliarden an Steuergeldern.

Die kleine Seilbahn hat ihr 80 Meter höher gelegenes Ziel in Berlin-Marzahn nach kurzer Fahrzeit erreicht. Die Kameraleute und Lokalreporter positionieren sich abermals um den 51jährigen Familienvater. Müller schaut bedeutungsvoll zum Ort, von wo die Seilbahn gestartet ist. Auch in grossen Momenten bleibt er seiner Nüchternheit treu. «Man sieht», sagt er nun, «den Bezirk auch mal von oben.»