«Seien Sie still. Sie als Frau, seien Sie still!»

Über politische Kultur lässt sich dieser Tage in der Türkei trefflich streiten. Da werden kurdische und linke Aktivisten samt und sonders zu Terroristen deklariert. Da wird offen wieder über das Verbot demokratischer Parteien debattiert.

Walter Brehm
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Über politische Kultur lässt sich dieser Tage in der Türkei trefflich streiten. Da werden kurdische und linke Aktivisten samt und sonders zu Terroristen deklariert. Da wird offen wieder über das Verbot demokratischer Parteien debattiert. Da riecht es nicht nur nach vorgezogenem Wahlkampf mit militärischem Jargon, da offenbart sich ein Rückfall in autoritäre Zeiten. Die islamisch-konservative Regierungspartei AKP, die vor noch nicht langer Zeit die türkischen Generäle in die Schranken gewiesen hatte, bedient sich ausgerechnet deren rüpelhafter Rhetorik und Brutalität.

Wer sich nach der präsidialen Kriegserklärung des Herrn Erdogan gefragt hatte, was einem in der Türkei derzeit Schlimmeres widerfahren könne, als ein linker Sympathisant der Kurden zu sein, kennt die Antwort nun: Eine Frau zu sein, zumal eine linke, kurdische.

Primitives Frauenbild

Wie reagiert ein aufrechtes AKP-Mannsbild auf die Kritik einer kurdischen Parlamentarierin? Klarheit hat die Debatte über das Vorgehen der Regierung gegen oppositionelle Kurden und am Rande gegen Jihad-Terroristen geschaffen: «Seien Sie still. Sie als Frau, seien Sie still!» Da hat sich kein Hinterbänkler mit Profilneurose im Ton vergriffen. Wer sich da Opposition von Frauen verbeten hat, ist Vizepremierminister der Türkei. Bülent Arinç ist für sein primitives Frauenbild bekannt. Vor einem Jahr schon hatte er die türkischen Frauen mit Ratschlägen aus der Macho-Mottenkiste abgekanzelt: «Sie sollen sich in der Öffentlichkeit sittsam kleiden und vor allem Männer nicht mit lautem Lachen stören.»

«Wir werden nicht still sein»

So weit Herr Arinç, der sich wohl der Rückendeckung für seinen Unflat in der türkischen Gesellschaft zu sicher war. Seinen Irrtum brachte die Direktübertragung der Parlamentssitzung im Fernsehen zutage. Über Twitter entbrannte sogleich eine von Empörung getragene Alternativdebatte: «Wir Frauen werden nicht still sein» und «Arinç ist ein Frauenfeind», hiess es da. Die gemassregelte Volksvertreterin Nursel Aydogan stellte klar: «Ich kann den Ausfall Arinçs nicht persönlich nehmen, er ist eine Beleidigung aller Frauen.» Und die Parlamentarierin Selin Sayek Böke aus der bürgerlichen Opposition doppelte nach: «Solcher Sexismus ist unter dem Dach des Parlaments inakzeptabel.»

So hat die landesweit ausgestrahlte Beleidigung doch etwas Positives. Auch in Zeiten autoritärer Regierungspolitik ist die politische Kultur der Türkei noch nicht tot – dank streitbarer Frauen.