Schwere Unruhen auf dem Tempelberg

JERUSALEM. Bei den schwersten Unruhen seit vergangenem Herbst kam es am Jerusalemer Tempelberg zu mehreren Verletzten. Israelische Grenzpolizisten waren gestern früh in die Al-Aqsa-Moschee vorgedrungen, in der sich über Nacht einige Dutzend moslemische Jugendliche verschanzt hatten.

Susanne Knaul
Drucken
Teilen

JERUSALEM. Bei den schwersten Unruhen seit vergangenem Herbst kam es am Jerusalemer Tempelberg zu mehreren Verletzten. Israelische Grenzpolizisten waren gestern früh in die Al-Aqsa-Moschee vorgedrungen, in der sich über Nacht einige Dutzend moslemische Jugendliche verschanzt hatten. Nach Informationen der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan gingen die Soldaten mit Tränengas, gummiumwickelten Gewehrkugeln und Schockgranaten gegen die zum Teil vermummten Jugendlichen vor, die sich mit Steinen und Feuerwerksgeschossen bewaffnet hatten. Auslöser der erneuten Strassenschlacht war ein jüdischer Fastentag, an dem fromme Juden der Zerstörung der beiden Tempel gedenken. Als israelische Sicherheitsleute im vergangenen November die Al-Aqsa-Moschee stürmten, hatte Jordanien den Botschafter aus Tel Aviv abgezogen.

Für Juden und Moslems heilig

Tausende jüdische Gläubige versammelten sich an dem als traurigster Tag im jüdischen Kalender geltenden Fastentag zum Gebet an der Klagemauer. Nur einige Hundert nationalreligiöse Juden zogen Richtung Tempelberg, der für Juden und Moslems gleichermassen heilig ist. Ein seit 1967 geltender Status quo trennt offiziell die beiden Religionen voneinander. Moslems beten in den beiden Moscheen Al Aqsa und Felsendom oben auf dem Haram al Sharif, Juden an der Klagemauer unten. Die Verwaltungsobhut blieb in den Händen der Wakf, der moslemischen Stiftung – und damit in letzter Instanz unter Kontrolle des jordanischen Königshauses –, die schon vor dem damaligen Sechstagekrieg über die heiligen moslemischen Stätte in Jerusalem wachte.

Juden dürfen zwar unter scharfer Kontrolle den Tempelberg besuchen, nicht aber dort beten. Einige junge Juden trugen gestern demonstrativ die Gebetsriemen und eine kleine Lederschachtel mit heiligen Texten an Armen und Stirn und gerieten mit der Polizei in ein Handgemenge, als sie sich weigerten, die Riemen abzulegen. Einer der Jugendlichen biss dabei einen israelischen Grenzpolizisten in die Hand.

Atmosphäre aufgeheizt

Aus Sorge vor Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen und israelischen Zivilisten hielt die Polizei den Tempelberg zunächst für gläubige Moslems unter 50 Jahren gesperrt und liess nach dem moslemischen Morgengebet bis zum Mittag nur noch Juden auf das Plateau. Seit Tagen schon hatten radikale Juden die Atmosphäre aufgeheizt, indem sie ein Besuchsrecht für die ganze Woche nach dem Fastentag forderten. Das erklärte Ziel des «Tempelinstituts», der «Studenten für den Tempelberg» und anderer extremistischer Gruppen, ist ein grundsätzliches Besuchsrecht und letztlich die Errichtung eines dritten jüdischen Tempels.

Diese Forderung trifft bei den Palästinensern auf einen empfindlichen Nerv. Präsident Mahmud Abbas machte Israel letztes Jahr den Vorwurf, einen Religionskrieg zu führen, obschon Ministerpräsident Benjamin Netanyahu mehrmals versicherte, den Status quo nicht verändern zu wollen.