Schweigen über der Engelsbucht

Frankreich hat gestern der 84 Opfer des jüngsten Attentats in Nizza gedacht. Am Ort des Blutbades sind die Emotionen nochmals hochgekommen. Der Premierminister ist mit Buhrufen und Pfiffen empfangen worden.

Stefan Brändle
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NIZZA. Die Engelsbucht glitzert wunderschön im Vollmond. Doch der Zauber der «Baie des Anges», verewigt 1963 im gleichnamigen Film mit Jeanne Moreau, will an diesem Sonntagabend nicht wirken. Es ist kurz vor 23 Uhr – die Zeit des Massakers drei Tage zuvor. Auf einer Bank auf der Promenade sitzt ein älterer Mann mit Tränen in den Augen. Nein, er habe keine Angehörigen verloren, erklärt er. «Aber ich halte es abends trotzdem nicht mehr allein aus, in meinen vier Wänden. Hier hat es wenigstens andere Menschen.»

Vor der Prunkfassade des Hotels Negresco steht eine Gruppe um ein kleines Kerzenbündel mit einer US-Flagge. Die fünf Amerikaner haben einander die Arme um die Schultern gelegt. Ihr Schluchzen will auch am dritten Abend nach dem Lastwagenattentat nicht verstummen.

Die Spur des Horrors

Die wenigen Spaziergänger gehen schweigsam zwischen den Kerzenhäufchen. Wenn sie deren Position folgen, spult sich in ihnen wohl der Film der Ereignisse ab. Vor dem «Negresco» verläuft die Spur der Kerzenflammen auf dem Trottoir, bei der Westminster-Bar wechselt sie auf die Strasse – wie der 19-Tönner am 14. Juli. Jetzt, in der Nacht, zeigen die Flämmchen, wo die 84 Todesopfer zurückblieben, unter ihnen ein drittes Opfer aus der Schweiz, die Mutter des getöteten Mädchens aus Yverdon-les-Bains.

Auf das Schlimmste weisen jene Kerzeninseln hin, bei denen Plüschbärchen und Kinderspielzeuge liegen. Eine dieser still leuchtenden Oasen gehört Kylian, einem vierjährigen Knaben, der vom Lastwagen überrollt wurde. Sein Vater suchte ihn wie von Sinnen, sogar über Facebook, bis er anderthalb Tage später vom Tod seines Sohnes erfuhr. Bald soll die sterbliche Hülle nach Tunesien überführt werden, in das Herkunftsland der Familie – und des Attentäters Mohammed Mohamed Lahouaiej-Bouhlel. Unter den Opfern sind viele Moslems: hier eine Fatima, dort ein Mehdi oder ein Mohammed, ein Bilal, eine Zahia. Zehn Nationalitäten hat es getroffen und noch mehr Kinder.

Zuerst Applaus, dann Schweigen

Am Montagmorgen erstrahlt die «Prom», wie die Promenade des Anglais hier genannt wird, im mediterranen Licht. Ein Tag mehr seit dem Drama. «Meine Stadt weint, aber sie hat keine Angst», hat jemand mit Kreide auf den Asphalt geschrieben. Eine unübersehbare Menschenmenge strebt an den erloschenen Kerzen und Blumen vorbei zum Palais de la Méditerranée, wo die Amokfahrt ihr Ende gefunden hatte. Viele Leute sind in Ferienshorts, nur eine Gruppe trägt Schwarz – die Anwälte der Stadt versammeln sich in ihren Amtsroben am Ort, wo eine 29jährige Berufskollegin ums Leben gekommen ist.

Vor dem Eingang des Casinos liegen besonders viele Kerzenhäufchen. «Hier war ein kleines Konzert im Gang…», erzählt Maria von den Antillen, die gleich um die Ecke wohnt und auf der «Prom» jeden Morgen joggt. Jetzt stockt ihr die Stimme, eine Träne fliesst unter der Brille hervor. Ihr Sohn Nesly übernimmt: «Ich frage mich die ganze Zeit, wie es sein kann, dass die Polizei den Lastwagen auf dem ersten Kilometer nicht stoppen konnte», sagt er, die Stimme voll Wut. «Schliesslich ist doch Frankreich im Ausnahmezustand!»

Jetzt erschallt ein Böllerschuss, das Signal für die Schweigeminute zur Staatstrauer, die sich an diesem Montag ihrem Höhepunkt nähert. Die anwesenden Niçois applaudieren zuerst eine geschlagene Minute lang, um die Opfer zu ehren. Es ist auch Ausdruck des heftigen Temperamentes der Stadt, die so verletzt ist, sich aber nicht unterkriegen lassen will. Dann erst bricht das Schweigen über die Engelsbucht herein.

Premier wird beschimpft

In ihr Ende sind Steinwürfe zu vernehmen. Zwanzig Meter weiter liegt die letzte «Oase», die des Attentäters. Seine Blutlache wird nicht mit Kerzen und Blumen geweiht; die Passanten werfen Steine und leere Alubüchsen, einige spucken auf den Ort, der bald einem Abfallhügel gleicht.

Dann kommt Bewegung in die Menge, ein Polizeikordon schafft Platz für Premier Manuel Valls, gerade aus Paris eingeflogen. Er wird mit Pfiffen und Buhrufen empfangen, einige schreien «Demission», einer sogar «Mörder». Die Wut ist blind, und sie ist grösser denn je in Nizza, wo über ein Drittel Front National wählt. Einige werfen sogar die weissen Rosen, die in der Stadt verkauft werden, um einen Fonds für die verletzten Opfer zu äufnen, auf den sozialistischen Premier.

Wer ein paar Schritte meerwärts tut, staunt: Unten am Strand, wenige Meter vom Ort des Horrors, sonnen sich Badegäste. Houss, der Strandwärter beim «Lido Plage», ist besorgt, dass die Liegestühle weniger stark besetzt sind als üblich. Vom Treiben oben auf der Promenade bekommt er unter seinem Sonnenschirm aber nichts mit. «Ich weiss schon, was passiert ist, das war grauenhaft», sagt Houss. «Aber hier ist der Strand, hierher kommen die Leute, um zu bräunen und zu vergessen.»