Schwarzer in grünem Mantel

Ausgerechnet in Baden-Württemberg hat mit Winfried Kretschmann ein Grüner das Sagen. Im Stammland der Autoindustrie und der CDU bleibt er unangefochten.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Winfried Kretschmann: «Ich bete jeden Tag für die Kanzlerin.» (Bild: imago)

Winfried Kretschmann: «Ich bete jeden Tag für die Kanzlerin.» (Bild: imago)

Als Winfried Kretschmann vor fünf Jahren an die Spitze der baden-württembergischen Landesregierung gewählt wurde, glaubten die Parteistrategen der CDU an einen einmaligen Unfall, an ein Versehen der Wähler, an einen Ausrutscher, der 2016 korrigiert werden würde. Wirtschaftsbosse drohten, mit ihrer Firma nach Bayern überzusiedeln. Ein Ministerpräsident der Ökopartei im Stammland der Automobilindustrie? Ein Desaster!

Fünf Jahre später steht der 67jährige Winfried Kretschmann davor, zum zweiten Mal hintereinander Geschichte zu schreiben. Hier im Südwesten Deutschlands deutet vieles darauf hin, dass der Mann mit dem Bürstenschnitt und dem charmanten badischen Dialekt weitere fünf Jahre Landesvater bleiben kann. Dank der Popularität des ehemaligen Gymnasiallehrers für Chemie, Biologie und Ethik könnten die Grünen am Sonntag sogar zur stärksten Kraft im konservativen Baden-Württemberg aufsteigen – das gab es noch überhaupt nie in einem der 16 Bundesländer.

Für Wolf sieht es düster aus

Die Ökopartei ist auf dem Weg zur Volkspartei. Für Kretschmanns Herausforderer von der CDU, Guido Wolf, dagegen sieht es düster aus. 71 Prozent im wirtschaftlich so robusten Bundesland votieren in einer Beliebtheitsskala für Kretschmann. Der etwas spröde und zuletzt angesichts der sinkenden Umfragewerte nervös wirkende Wolf schafft es gerade einmal auf 27 Prozent. 33 Prozent wollen die Grünen wählen, 28 Prozent die CDU. Das ist bemerkenswert, weil die CDU 58 Jahre lang die Macht im Stuttgarter Landeshauptsitz fest in den Händen hielt – bis das Unglück von Fukushima 2011 den grünen Kandidaten überraschend an die Spitze spülte.

Einst ein rebellischer Kommunist

Kretschmann hat es geschafft, dass ihm die Manager im Stammland von Daimler, Porsche und Bosch vertrauen. Der Grüne gibt sich wirtschaftsfreundlich, schützt die heimische Industrie, fährt als Dienstwagen einen Mercedes – selbstverständlich mit Hybridantrieb. Die Skepsis in den Chefetagen der Autobauer ist rasch verflogen, Kretschmann schaute in den Firmen persönlich vorbei, zeigte sich interessiert und offen. Der Unternehmerverband hat den Wahlkampf des Grünen sogar finanziell unterstützt, der Bosch-Chef schwärmt: «Wir fühlen uns verstanden», und ein Politbeobachter meint: «Kretschmann wird in allen gesellschaftlichen Gruppen hoch geschätzt.»

Kretschmann ist kein Plauderi, er verzichtet auf politische Standardantworten, antwortet ruhig und besonnen. Auf Journalistenfragen sagt er auch mal Sätze wie diesen: «Dazu kann ich Ihnen im Moment nichts sagen, weil ich hierzu keine Informationen habe.» Andere würden dafür medial gerupft, Kretschmann aber verschafft das Glaubwürdigkeit und Sympathien. Mit den Autobauern hat er sich längst arrangiert, so genehmigte er etwa den Bau einer Teststrecke für Daimler, schärfte bei der Autoindustrie dafür das ökologische Gewissen. «Kretsch», wie sie ihn im Süden nennen, hat sich vom rebellischen Kommunisten, der er in seiner Jugend war, zum Realo-Grünen gewandelt. Er droht den Besserverdienenden und den Industriebetrieben nicht mit höheren Steuern, wie dies andere Grüne tun. Er gilt als konservativ, ist Mitglied im Schützenverein und im Zentralkomitee der Katholiken, liebt das Wandern, gibt sich volksnah – mehr Verankerung geht nicht.

Der bessere Christdemokrat

Sein beinahe schon bürgerlicher Kurs zeigt sich nicht zuletzt in der Flüchtlingsdebatte. Während Herausforderer Wolf auf Distanz zu Merkels Flüchtlingspolitik gegangen ist, lobte Kretschmann die Kanzlerin ganz offen: «Ich bete jeden Tag für die Kanzlerin.» Die FAZ beschreibt Kretschmann in Anspielung an die Parteifarben als den «Schwarzen im grünen Mäntelchen».

In der Länderkammer hat der 67-Jährige die Einstufung der Westbalkan-Staaten als sichere Herkunftsländer gegen Widerstände aus den eigenen Reihen unterstützt, weitere Verschärfungen will er wohlwollend prüfen. Die Kanzlerinnentreue macht Kretschmann im Stammland der CDU zum besseren Christdemokraten als Kontrahent Guido Wolf es ist. Der CDU widerfährt hier durch die Grünen, was die SPD durch die CDU erlebt: Die eine Partei besetzt die Themen der Konkurrenz – und macht sie dadurch schon fast überflüssig. Der durch Merkel verordnete Linksrutsch der Union verursacht schrumpfende Werte für die SPD – und in Baden-Württemberg lässt Kretschmanns Spagat ins bürgerliche Lager den CDU-Herausforderer und dessen Partei ziemlich alt aussehen. Ein kleiner Trost für Kanzlerin Merkel bleibt: Sollte «Kretsch» am Sonntag wieder triumphieren, wird sie in der Stunde der Niederlage immerhin festhalten können, dass die Baden-Württemberger ihren Flüchtlingskurs mehrheitlich unterstützen. Doch noch hat Kretschmann die Macht nicht ganz auf sicher. Denn der Koalitionspartner, die SPD, schwächelt.