Schuften im Treibhaus Europas

Sie leisten Knochenarbeit für einen Hungerlohn: Immigranten, die als Erntehelfer in Andalusien arbeiten. Die Gewerkschaft SOC-SAT setzt sich für diese Menschen ein – und erhält dafür den Paul-Grüninger-Preis.

Ralph Schulze/Almería
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Billige Arbeitskräfte für billiges Gemüse: Ein Tagelöhner bei der Tomatenernte. (Bild: Getty/David Ramos)

Billige Arbeitskräfte für billiges Gemüse: Ein Tagelöhner bei der Tomatenernte. (Bild: Getty/David Ramos)

Die südspanische Region Andalusien ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel. Sondern auch Europas Gemüsegarten. Von hier gehen Gurken, Paprika, Salat, Tomaten und Zucchini auf die Reise in die Supermärkte der nordeuropäischen Länder. Und auch die meisten Erdbeeren, die sogar in der kalten Jahreszeit in den Regalen stehen, kommen aus Südspanien.

Das Herz dieser Gemüse- und Fruchtplantagen befindet sich in der Provinz Almería am Mittelmeer. Schon von weitem glitzern Tausende Glas- und Plastikdächer in der Sonne. Es ist ein Meer aus Treibhäusern, die hier rund 45 000 Hektar bedecken. Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor Almerías, und die Europäer sind die besten Kunden.

Prekäre Arbeitsbedingungen

Das Geschäft mit den grossen Handelsketten funktioniert nicht nur wegen des milden Klimas gut. Sondern auch, weil hier mit billigen Arbeitskräften angebaut wird. Darunter sind nicht wenige Immigranten aus Marokko, Osteuropa und aus schwarzafrikanischen Ländern. Annähernd 100 000 Personen sind in Almerías Treibhäusern und Verpackungsfabriken beschäftigt – viele arbeiten unter äusserst prekären Bedingungen.

Ein wichtiger Verbündeter dieser Menschen, meist Tagelöhner, ist die andalusische Landarbeitergewerkschaft SOC-SAT (Sindicato de Obreros del Campo/Sindicato andaluz de los trabajadores). Sie setzt sich für die Rechte der Erntehelfer ein und beklagt die immer noch weit verbreitete Ausbeutung in der Branche. «Kämpfe für deine Rechte», steht auf Plakaten, welche die Gewerkschafter an die Gewächshäuser kleben. Auf den Aushängen werden die gesetzlichen Mindesttarife für die Tagelöhner aufgelistet, die im Schnitt – je nach Beschäftigung – bei drei bis sieben Euro pro Stunde liegen.

25 Euro für einen Tag Arbeit

Die Praxis sieht freilich oftmals anders aus. Zum Beispiel im Erdbeeranbau in der andalusischen Region Huelva: «Die spanischen Erntehelfer bekommen 35 Euro pro Tag, acht weniger als im Tarifvertrag vorgeschrieben», berichtet ein Pflücker über den Normalfall in seinem Anbaubetrieb. «Noch schlechter sind die ausländischen Helfer dran, die bekommen nur 25 Euro am Tag.»

«Die Arbeiter werden immer noch bestohlen», empört sich die Gewerkschaft. Die häufigsten Unregelmässigkeiten seien Lohndumping und Betrug bei den Sozialversicherungsabgaben. Die Behörden schauten dabei oftmals weg. In den Büros der SOC-SAT stapeln sich Anzeigen wegen solcher Probleme. Die Not vieler Tagelöhner werde gnadenlos ausgenutzt, heisst es. Die Arbeitsbedingungen grenzten zuweilen an «moderne Sklaverei». Wer sich über Hungerlöhne für die Knochenarbeit beschwere, stehe am nächsten Tag auf der Strasse. Genauso wie jene, die es beim Erdbeerernten nicht schafften, 200 Kilo am Tag zu pflücken. Diese Form der Ausbeutung mache Spaniens Anbau wettbewerbsfähig.

Bei derartigen Machenschaften haben die Plantagenbesitzer leichtes Spiel: Im Spanien der Massenarbeitslosigkeit stehen die Jobsuchenden Schlange. Zur Erntezeit ziehen viele tausend Wanderarbeiter durch Andalusien und hoffen auf ihr Glück. Besonders übel werde den afrikanischen Immigranten mitgespielt, die mancherorts in Elendsghettos zwischen den Plantagen hausen – «ohne Wasser, Strom und Toilette». Und ohne Rechte. Denn wer zudem keine Aufenthaltsgenehmigung habe, sei besonders übel dran und könne wegen Misshandlungen nicht einmal Anzeige erstatten.

Als «linke Radikale» beschimpft

Einer, der die Nöte der Landarbeiter besonders gut kennt, ist Diego Cañamero Valle. Der 58jährige Andalusier war bis vor kurzem der Boss der Landarbeiter-Gewerkschaft. Seit über 40 Jahren kämpft er in dieser Arbeiterorganisation, ist sogar einer ihrer Gründer und eine historische Figur der Bewegung. Er hat an vielen Aktionen teilgenommen, die ihm Ärger mit der Justiz einbrachten: etwa Besetzungen von Landgütern, um nicht gezahlte Löhne einzufordern. Oder symbolische Protestaktionen in Supermärkten, bei denen die Gewerkschafter mit vollen Einkaufswagen und ohne zu bezahlen nach draussen rollten, um die Waren an Arme zu verteilen.

Die Not ist in Andalusien und besonders unter den Landarbeitern, die oftmals nur einige Monate pro Jahr Geld verdienen, gross: Die südspanische Region ist das Armenhaus Spaniens mit einer Arbeitslosenquote von 32 Prozent. Eine von drei andalusischen Familien ist laut der EU-Statistik-Behörde Eurostat von Armut bedroht. Die Grundbesitzer sind auf Cañamero Valle und seine Mitstreiter, die rund 20 000 Gewerkschaftsmitglieder hinter sich haben, nicht gut zu sprechen. Die Gewerkschafter werden gerne als «linke Radikale» beschimpft. «Wir gehören nicht zur extremen Linken», verteidigt sich Cañamero Valle gelassen gegen derartige Angriffe, «sondern wir sind eine extreme Notwendigkeit.»

Die Preisverleihung der Paul-Grüninger-Stiftung findet morgen Freitag um 19.30 Uhr im Hofkeller des St. Galler Regierungsgebäudes statt. Es spricht alt Bundesrätin Ruth Dreifuss. Der Anlass ist öffentlich.