Schülerinnen als Jihad-Kämpferinnen

Es sind nicht nur Männer, die aus Frankreich in den sogenannten Heiligen Krieg ziehen. Eine minderjährige Schülerin ist diese Woche nach Syrien verreist – und sie ist kein Einzelfall. Die Eltern ängstigen sich wegen eines angeblichen «Sex-Jihad».

Stefan Brändle
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PARIS. Am Mittwoch ging Sarah (so nennen sie Pariser Medien) wie üblich zur Schule in Argenteuil nördlich von Paris. Die Eltern ahnten nichts Böses, bis ihre Tochter um 18 Uhr ein SMS schickte: Man solle doch bitte unter ihrer Matratze nachschauen. Der Vater fand dort einen Brief mit dem Hinweis, Sarah sei vereist – in «das Land, wo man nicht daran gehindert wird, seine Religion auszuüben».

Die Eltern schalteten die Polizei ein. Einen Tag später teilte man ihnen mit, dass die Antiterroreinheit der französischen Kriminalpolizei den Fall übernehme. Sarah sei «anscheinend auf der Reise nach Syrien». Die Eltern, gemässigte Moslems, sind aus allen Wolken gefallen. Sarahs Mutter hatte in letzter Zeit festgestellt, dass ihre Tochter Jeans und T-Shirt ab und zu durch traditionelle Kleider ersetzte. Doch über den Jihad hatte sie nie gesprochen. Jetzt gehört sie zu jenen 100 Frauen, die das Pariser Innenministerium unter den 740 jungen Franzosen in Syrien vermutet.

Ohne jede Vorwarnung

Meist sind sie minderjährig und sie setzen sich ohne jede Vorwarnung ab: Im Pyrenäendorf Lézignan-Corbières verschwand eine Siebzehnjährige auf dem Weg zur Schule.

Im Pariser Vorort Noisy-le-Grand folgte eine gleichaltrige Mittelschülerin ihrem islamistischen Ehemann nach einer religiösen Heirat nach Syrien. Zwei Wochen vorher hatte sie sich noch einen modernen Haarschnitt wie die Sängerin Rihanna zugelegt. Dann schickte sie aus einem syrischen Ruinendekor ihrer Mutter per Mobiltelefon ein Foto, auf dem sie in einer Burka zu sehen ist. «Hast Du gesehen, Mama, ich bin es!», schrieb sie dazu. Ein anderes Mal versuchte sie ihre Angehörigen zu beruhigen: «Ich habe eine Kalaschnikow, um mich zu verteidigen.»

Noch schlimmer ist es für die Eltern, wenn sie von ihrer Tochter gar nichts mehr hören. Auch die Ermittler bleiben wortkarg. Ein neuer Anti-Jihad-Plan der französischen Regierung klärt die Angehörigen auf, wie sich die Radikalisierung ihrer Sprösslinge früh erkennen lässt. Doch die Töchter lassen sich ebenfalls helfen. Eine 15jährige Schülerin aus Avignon wurde im Frühling von zwei – inzwischen angeklagten – Frauen angeheuert, von denen eine mit einem Syrien-Kämpfer verheiratet ist.

Eine 15jährige Schülerin aus Avignon berichtete ihrem Bruder per Telefon, sie kämpfe in einer französischen Gruppe innerhalb der Nusra-Front, einem Ableger der Al Qaida.

Oft steckt ein Mann dahinter

Hinter vielen Syrien-Reisen junger Französinnen steckt ein Mann. Wie er sie behandelt, können die verzweifelten Eltern nicht einmal ahnen. Wildeste Gerüchte zirkulieren, die jungen Jihadistinnen würden herumgereicht, um die Krieger zu befriedigen. In Frankreich werden nun ältere Meldungen über einen «Sex-Jihad» aufgewärmt. Maghrebinische Internetportale nennen konkrete Fälle, etwa den einer 17jährigen Tunesierin namens Inès, die in Syrien 152 Jihadisten willig sein musste, bevor sie schwanger zurückgekehrt sei.

Sex-Jihad, eine Propagandalüge

Die Pariser Wochenzeitung «Le Nouvel Observateur» ist den Fällen nachgegangen und hat herausgefunden, dass es Falschmeldungen sind. Sie werden im Internet wild kopiert, aber nie verifiziert, und dürften zum Teil auf den Geheimdienst in Algerien zurückgehen – oder auf das Assad-Regime, das seine Gegner verunglimpfen will.

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