Schneetreiben in Westafrika

Die UNO hat ihren Jahresbericht zum Welttag gegen Drogenmissbrauch vorgelegt. Westafrika spielt eine immer wichtigere Rolle im Handel mit Drogen aus Südamerika.

Walter Brehm
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Immer mehr Kokain aus Lateinamerika wird über Westafrika nach Europa geschmuggelt. (Bild: ap/Jerome Delay)

Immer mehr Kokain aus Lateinamerika wird über Westafrika nach Europa geschmuggelt. (Bild: ap/Jerome Delay)

Wenn die Droge Kokain, oft mit lebensgefährlichen Mitteln gestreckt, aber für den Konsum fein säuberlich portioniert, die Altstadtgassen von St. Gallen, die mehr oder weniger verschwiegenen Plätze in Frauenfeld oder in Herisau erreicht, dann hat sie oft einen langen Umweg über die westafrikanischen Küstenstaaten hinter sich. Die UNO schätzt, dass jährlich «Schnee» im Wert von mindestens einer Milliarde Dollar aus Südamerika über Westafrika nach Europa gelangt.

Helfer übernehmen Geschäft

Sierra Leone, Guinea, Benin und Guinea-Bissau gelten heute als wichtige Transitplätze für die Droge aus Südamerika auf dem Weg nach Europa. Der Drogenhandel hat oft dramatische Folgen für die politisch instabilen Staaten Westafrikas. Experten gehen davon aus, das der jüngste Putsch in Guinea-Bissau im vergangenen Frühling weniger politische als vielmehr kriminelle Hintergründe hatte. Politiker und hohe Offiziere von Armee und Polizei stehen dort im Verdacht, zu den Hauptprofiteuren des Drogenhandels zu gehören.

Doch die Helfer der südamerikanischen Drogenkartelle sind laut UNO längst auf dem Sprung zum eigenen Geschäft. Afrikanische Banden sind heute oft schneller als die südamerikanischen Kartelle. Sie warten nicht mehr auf die Schmugglerschiffe oder Kleinflugzeuge aus Lateinamerika. Vor allem Gruppen aus Nigeria beschaffen sich das Kokain zumeist direkt in Brasilien, bringen es über Afrika nach Europa, wo sie es von Landsleuten verkaufen lassen.

Auf der untersten Stufe dieses kriminellen Unternehmens begegnen dann die europäischen Konsumenten den sogenannten «Chügeli-Dealern».

Jungen Männern aus Westafrika wird die Reise nach Europa bezahlt, wo sie dann als «Asylsuchende» für Drogenbanden arbeiten müssen. Die Disziplin der Kleindealer wird nicht selten über Drohungen gegen die zurückgebliebenen Familien durchgesetzt.

Afrikanische Produktion

Was europäische Gesellschaften zu Recht als Gefahr für die eigene Sicherheit empfinden, hat so meist einen dramatischen Hintergrund gesellschaftlicher Verelendung in den Herkunftsländern der «falschen» Flüchtlinge.

Nicht nur in Europa sind inzwischen auch Heroin und Opium, vor allem aber Designerdrogen wie Ecstasy oder Crystal-Meth auf dem Markt, die in Afrika produziert und von afrikanischen Drogenbanden exportiert werden, die aber mittlerweile auch einen wachsenden afrikanischen Markt bedienen. Das Hauptgeschäft bleibt zwar das Kokain für Europa. Doch dies hat inzwischen auch sicherheitspolitische Auswirkungen – direkt in den Transitländern Afrikas, mittelbar aber auch für Europa.

Al Qaida verdient mit

Der Sahara-Staat Mali, der seit Monaten von putschenden Armeeoffizieren destabilisiert und von Machtkämpfen zwischen Tuareg und Islamisten erschüttert wird, ist eines der wichtigsten Territorien für den Weitertransport südamerikanischen Kokains nach Europa.

Amadou Touré, der gestürzte Präsident des Landes, hat die Sahara als den grössten Supermarkt der Welt für Waffen und Drogen bezeichnet. Und da in diesem Gebiet auch die «Al Qaida im islamischen Maghreb» ihre wichtigsten Stützpunkte hat, ist diese Terrororganisation längst auch am Drogengeschäft beteiligt. Seit dem Sturz des libyschen Diktators Gadhafi nutzt Al Qaida das dortige Machtvakuum, um die Transitrouten für den südamerikanischen «Schnee» aus Mali über die libysche Wüste zu «besteuern».

Finanziert Prohibition Terror?

Ein Sicherheitsexperte sagte dazu in der ARD-«Tagesschau»: «In der Wüste zwischen Mali und Libyen wächst ein Monster heran. Jihad-Terroristen finanzieren sich auch über Drogentransporte für Konsumenten in Paris, Mailand, Berlin und London.»

Versuche lateinamerikanischer Staaten, gegen die exorbitanten kriminellen Gewinne die Legalisierung der Drogen ins Gespräch zu bringen, werden bisher blockiert – vor allem von jenen Staaten, die den Hauptharst der Konsumenten stellen.

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