Schmerzhafter Rückzug in die Realpolitik

Seit 2011 sind in Syrien etwa 250 000 Menschen getötet worden – in der Mehrheit Zivilisten. Fast die Hälfte der Bevölkerung – zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder – ist auf der Flucht.

Walter Brehm
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Seit 2011 sind in Syrien etwa 250 000 Menschen getötet worden – in der Mehrheit Zivilisten. Fast die Hälfte der Bevölkerung – zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder – ist auf der Flucht. Und der Krieg, der als Kampf zwischen der Assad-Diktatur und der syrisch-demokratischen Opposition begonnen hatte, ist längst zu einem Mehrfrontenkrieg eskaliert.

Da bekämpft das Assad-Regime, unterstützt von Hisbollah, Iran und Moskau, brutal die säkulare und gemässigt islamische Opposition. Diese wiederum wird vom Westen nur halbherzig unterstützt. Da ringen Kurden um ihre Autonomie und stellen sich gegen die Jihad-Extremisten, während deren Fraktionen – «Islamischer Staat» und Al-Qaida-nahe Gruppen – Zivilisten ermorden und sich im Namen eines «Gottesstaates» gegenseitig massakrieren.

Klar ist nur eines: Keine der Parteien vermag diesen Konflikt militärisch zu ihren Gunsten zu entscheiden. Auch die beteiligten internationalen Parteien haben die Kontrolle über ihre jeweiligen Schützlinge längst verloren. Sie fürchten die Rückkehr von Jihadisten in ihre westlichen Heimatländer, nach Russland oder in die arabische Welt – und sie haben kein Rezept, um die Massenflucht aus Syrien zu bewältigen.

Pure Ratlosigkeit lässt im Schosse der UNO erstmals die Erkenntnis reifen: Es geht nicht mehr um hehre Ziele. Es kann nur noch darum gehen, das Blutbad so schnell wie möglich zu stoppen. Es könnte der schmerzhafte Rückzug in eine Politik des Möglichen sein. Vielleicht ohne Diktator Assad, aber mit seinem Regime, wohl ohne Demokratie, aber mit einer Garantie für das Überleben jener Teile des Volkes, die noch nicht in Geiselhaft der Jihadisten leben.

walter.brehm@tagblatt.ch

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