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Ein Jahr nach Charlottesville

Vor einem Jahr forderte der Konflikt um die Demontage von Bürgerkriegsstatuen in Charlottesville drei Tote. Nun sollen in der alten Hauptstadt der Südstaaten-Rebellion Denkmäler weichen. Einblick in eine hitzige Debatte im Schatten von Sklaverei und Rassismus.
Renzo Ruf, Richmond

Für einen Mann, dessen historisches Vermächtnis auch 130 Jahre nach seinem Ableben heftig debattiert wird, ist Jefferson Davis überraschend klein. Vielleicht hat dies damit zu tun, dass der einzige Präsident der sezessionistischen Südstaaten – der an der Monument Avenue in Richmond in einer Rednerpose verewigt wurde – vor einer mehr als 20 Meter hohen Säule steht. Auf dieser thront eine pseudoantike Figur, die den Namen Vindicatrix trägt. Sie soll symbolisieren, dass Davis’ Bemühungen nicht vergeblich waren, obwohl er 1865, nach vier Jahren im Amt, als Präsident Reissaus nehmen musste, als die US-Truppen Richmond einnahmen.

Die abtrünnigen Südstaaten nannten sich Confederate States of America oder CSA. In den Augen Washingtons handelte es sich dabei aber nicht um ein legitim gegründetes Land. Vielleicht wirkt Davis aber auch deshalb so klein, weil der führende General der CSA in einer triumphalen Pose über die Monument Avenue wacht. Das Denkmal von Robert E. Lee, einen zehn Minuten dauernden Fussmarsch von Davis’ Statue entfernt, zeigt den legendären General – dessen Armee im Bürgerkrieg den regulären Truppen der USA lange Widerstand leistete – hoch zu Ross. Dabei war es Lee, der sich am 9. April 1865 dazu entschied, die Waffen niederzulegen, und ein Ende der Feindseligkeiten versprach.

So unterschiedlich auch die Pose ist, in der sie verewigt wurden – in der emotional geführten Debatte um das Andenken an den Bürgerkrieg, der wohl gegen 750000 Menschenleben kostete, spielen Präsident Davis und General Lee immer noch eine zentrale Rolle.

Nun soll auch in Richmond die Statue weichen

So eskalierten Proteste, die sich um ein Lee-Denkmal in Charlottesville (Virginia) drehten, vor ziemlich genau einem Jahr (am 11. und 12. August 2017); am Ende der Kaskade von Demonstrationen und Gegendemonstrationen waren drei Menschen tot – die Aktivistin Heather Heyer (32) und zwei Polizisten, die beim Absturz eines Helikopters starben (siehe auch Kasten).

In Richmond wiederum dreht sich die Debatte vornehmlich um das Davis-Denkmal. Anfang Juli empfahl eine Kommission, eingesetzt durch den 37-jährigen demokratischen Stadtpräsidenten Levar Stoney, das Monument zu entfernen. Erstens verherrliche die Statue eine Rebellion, die auf der amerikanischen Ursünde basierte – der Versklavung von Menschen aus Afrika. Und zweitens stamme Davis weder aus Richmond noch aus Virginia. Er wurde 1808 in Kentucky geboren, vertrat den Bundesstaat Mississippi lange Jahre im nationalen Parlament in Washington und starb 1889 in New Orleans.

Ein Teil des Denkmals könne auf einen Friedhof in Richmond gezügelt werden, auf dem Davis begraben liege, lautete der Vorschlag der Kommission. Der Rest des Denkmals solle neu genutzt werden. So bestechend dieser Vorschlag auch klingen mag – er ist zutiefst umstritten, aus politischen, rechtlichen, aber auch aus historischen Gründen. Drei Stimmen in einer Debatte, die viel über den Zustand des Landes aussagt.

Der Traditionalist

Anwalt Robert Henley Lamb.

Anwalt Robert Henley Lamb.

Robert Henley Lamb möchte eines klarstellen: Mit den tumben Rechtsradikalen, die vor einem Jahr in Charlottes­ville Krawall gemacht hatten, als sie für die Erhaltung des Denkmals von Robert E. Lee demonstrierten, hat er nichts gemein – wiewohl er doch als hochrangiges Mitglied der «Sons of Confederate Veterans», einer Vereinigung nostalgischer Südstaatler, quasi von Berufs wegen das Andenken an die damalige Konföderation hochhält.

Vielmehr präsentiert sich der Anwalt in einem altmodischen Duktus als ein weltoffener Intellektueller, der Latein spricht und Klassiker wie Balzac oder Tschechow liest. In der Sache ist der begabte Geschichtenerzähler, dessen Vorfahren zu den ersten Kolonialisten in Virginia gehörten, allerdings pickelhart. Den Vorschlag der «Monument Avenue»-Kommission, die Statue von Jefferson Davis zu entfernen, nennt er «ärgerlich». Die Idee zeuge von «bodenloser» Ignoranz.

Denkmäler sollten nicht einfach verschoben werden, weil sie nicht mehr dem Zeitgeist entsprächen, sagt Lamb. Geschichte lasse sich nicht umschreiben – vielmehr müssten auch künftige Generationen mit den Porträts von General Lee oder Präsident Davis konfrontiert werden, damit deren Wirken nicht in Vergessenheit gerate. Auch ist er der Meinung: «Ein Denkmal spricht für sich selbst.» Es wäre deshalb falsch, dem Ratschlag der Kommission zu folgen und die Statuen mit Plaketten zu ergänzen, sagt Lamb. «Wer bestimmt denn, was auf diesen erklärenden Texten stehen soll?», fragt er und redet sich, für einmal, ein wenig in Rage. Dann gibt er die Antwort gleich selbst: die herrschende politische Klasse von Richmond – sprich: die Demokraten –, die «politische Botschaften» verbreiten und Kontext herstellen wollten. Ein Graus, findet Lamb.

Dann verweist er ausgerechnet auf die Schweizer Botschaft in Washington. Dort ist, in der Residenz des Botschafters, seit einigen Jahrzehnten ein Porträt von Robert E. Lee zu bestaunen, gemalt durch den Schweizer Frank Buchser. Das Gemälde entstand im Jahr 1869 und zeigt einen Mann, der mit sich im Reinen ist. Im Gegensatz zu Davis anerkannte Lee die Niederlage der Südstaaten zeitlebens an und gab sich geläutert. Er starb 1870. So, findet Lamb, der dank eines Artikels in der «Washington Post» über das Schweizer Lee-Porträt Bescheid weiss, müssten die Führungskräfte der Konföderierten Staaten in Erinnerung behalten werden.

Die Politikerin

Stadtparlamentarierin Kim Gray.

Stadtparlamentarierin
Kim Gray.

Kim Gray ist eine begabte Volksvertreterin. Deshalb spricht die Demokratin, die seit Anfang 2017 den 2. Wahlbezirk von Richmond im Stadtparlament vertritt, gerne über Themen, die in einer problemgeladenen Stadt wie Richmond arme und reiche, weisse und schwarze Wähler betreffen. Eine Sanierung der baufälligen Trottoirs zum Beispiel, auf denen sich Fussgänger immer wieder verletzten. «Für einige unserer Bewohner geht es um Leben und Tod», sagte sie kürzlich einer lokalen Fernsehstation. Kommt die Rede aber auf die Zukunft der Denkmäler an der Monument Avenue, nimmt Gray tief Luft. Dann sagt sie, in ihrem Büro in einem gesichtslosen Verwaltungsgebäude in der Innenstadt sitzend: Natürlich verstehe sie, dass es sich dabei um ein «hochemotionales» Problem handle, schliesslich sei sie in Richmond geboren und aufgewachsen. Und selbstverständlich sei sie mit dem tiefsitzenden Rassismus vertraut, mit dem sich Afroamerikaner in der ehemaligen Hauptstadt der Konföderation (und heutige Hauptstadt des Bundesstaates Virginia) seit Jahrzehnten herumschlagen müssten.

Gray ist gemischter Ethnie und vertritt im Stadtparlament sowohl arme Stadtviertel als auch die wohlhabenden Bewohner der Monument Avenue. Aber Gray findet, dass «die Bevölkerung von Richmond mit wichtigeren Problemen konfrontiert ist» als mit einigen Denkmälern an einer prächtigen Allee. Während der Diskussion über die Zukunft der Monument Avenue jedenfalls habe sie häufig den Eindruck gewonnen, dass es vor allem auswärtige Kreise seien, die Richmond als Projektionsfläche für ihre extremistischen Ansichten nutzten. Als Mitglied der entsprechenden Kommission unterstütze sie selbstverständlich die Empfehlungen der Gruppierung, sagt sie. Eines dieser Probleme: der hundsmiserable Zustand der städtischen Schulen, die letztlich immer noch darunter litten, dass schwarze und weisse Kinder jahrzehntelang getrennt unterrichtet wurden. So ging kurz vor den Sommerferien in einigen High Schools das Toilettenpapier aus. Deshalb sagt Gray: «Wenn mir 20000 Dollar zur Verfügung stünden, würde ich dieses Geld in unsere Schulen investieren» – und nicht in Verschiebung eines Denkmals oder in eine Plakette, die Auskunft über das Leben von Jefferson Davis geben würde. Denn ein Denkmal habe bloss einen symbolischen Wert. Toilettenpapier aber, «das ist echt».

Die Museumsdirektorin

Christy Coleman, Direktorin des American Civil War Museum in Richmond.

Christy Coleman, Direktorin des American Civil War Museum in Richmond.

Christy Coleman schlägt als Treffpunkt das «Wong Gonzalez» vor – ein Restaurant im Stadtzentrum, das sich auf eine Kombination von malaysischer und mexikanischer Küche spezialisiert hat. «Eine wilde Mischung», die gerade im behäbigen Richmond exotisch wirke, sagt die Chefin des lokalen Bürgerkriegsmuseums, «aber das Essen schmeckt mir ungemein». Man kann darin auch eine Allegorie sehen. Coleman ist zwar, als Museumsdirektorin, vornehmlich damit beschäftigt, den Besuchern ein blutiges Kapitel der amerikanischen Geschichte näherzubringen. Dabei steht die forsch auftretende Afroamerikanerin aber mit beiden Beinen in der Gegenwart – in der auch in Debatten über historische Themen versucht wird, die neue Vielfältigkeit des Landes zu widerspiegeln.

Coleman jedenfalls lässt keinen Zweifel daran, was sie von den Denkmälern für die «Helden» an der Monument Avenue hält. Die Statuen symbolisierten, sagt sie, wie die weisse Herrscherklasse des Südens nach der gescheiterten Rebellion alles darangesetzt habe, die alte Ordnung aufrechtzuerhalten – was für Afroamerikaner letztlich zur Folge hatte, dass sie auch nach der formalen Abschaffung der Sklaverei Bürger zweiter Klasse blieben. In anderen Worten: Die Denkmäler verkörpern puren Rassismus. Eine komplette Entfernung der Denkmäler fordert aber auch Coleman nicht, schon allein deshalb nicht, weil dies aus gesetzlichen und politischen Gründen nicht möglich ist. Sowohl der Staat Virginia als auch die Stadt Richmond verbieten den Abriss von Bürgerkriegsmahnmalen.

Vielmehr setzt sich die Museumsdirektorin dafür ein, dass die Statuen längst verstorbener Männer einem neuen Zweck zugeführt würden – indem Richmond endlich den Versuch unternehme, die ganze Wahrheit über das Leben der einst verehrten Staatsmänner zu erzählen. Dies sei ein Prozess, der einige Zeit benötigen werde – dies habe sie als Co-Leiterin der «Monument Avenue»-Kommission bisweilen schmerzhaft erfahren müssen. So gelang es Coleman nicht, mit Robert Lamb in einen Dialog zu treten.

Aber letztlich führe dieser Weg zum Ziel. Richmond, so wie viele andere Metropolen in den ehemaligen Südstaaten auch, habe sich in den letzten Jahren stark verändert und ziehe sowohl neue Bewohner als auch neue Touristen an. «Diesem Wandel muss die Stadt Rechnung tragen», sagt sie – und nimmt einen weiteren Bissen ihres «mexinesischen» Mittagessens.

Narben und Statue bleiben

In Charlottesville (Virginia), dem lebhaften Universitätsstädtchen, sind die Narben nicht verheilt, die der rechtsextreme Terror vor einem Jahr geschlagen hatte. Zwar erinnert in der fussgängerfreundlichen Innenstadt ein Strassenzug an Heather Heyer – die 32-jährige Frau starb am 12. August 2017, als der 20-jährige James Alex Fields, ein bekennender Rechtsextremist, sein Auto in eine Menschenmenge steuerte. Ausserdem starben zwei Polizisten beim Absturz eines Helikopters. Die Statue des Bürgerkriegsgenerals Robert E. Lee, die im Mittelpunkt der blutigen Proteste stand, ist aber weiterhin in einem Park auf der anderen Seite der Innenstadt zu bewundern. Schwarze Tücher, die den General verhüllten, mussten auf Anweisung eines Richters wieder entfernt werden. Der entsprechende Park, der einst den Namen Lees trug und dann an die Befreiung der versklavten Afroamerikaner erinnerte, wurde kürzlich in Market Street Park umgetauft. Fields wiederum befindet sich im Gefängnis. Vor Gericht bezeichnete er sich als unschuldig im Sinne der Anklage, die ihm unter anderem vorwirft, Heyer gezielt getötet zu haben. Jason Kessler wiederum, der Organisator der rechtsextremen Proteste vor einem Jahr, hat mittlerweile Pläne für eine erneute Grossdemonstration in Charlottesville fallengelassen. Stattdessen will er seine Anhänger heute Sonntag im Lafayette Park in Washington versammeln, direkt beim Weissen Haus. Präsident Donald Trump, der vor einem Jahr in seiner ersten Reaktion Verständnis für die gewalttätigen Rechtsextremen gezeigt hatte und sich entschieden gegen die Entfernung der «wunderbaren» Bürgerkriegsstatuen aussprach, wird sich allerdings aller Voraussicht nach nicht im Weissen Haus aufhalten. Er verbringt die erste Augusthälfte in seinem Golfclub in New Jersey, vor den Toren New Yorks. Gestern liess er anlässlich des Jahrestags per Twitter verlauten, dass er «alle Formen von Rassismus» verurteilt.

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