«Schiitischer Putsch» in Jemen

Schiitische Huthi-Rebellen stürmen den Präsidentenpalast in Jemens Hauptstadt und beschiessen auch die Residenz von Präsident Mansur Hadi.

Michael Wrase
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SANAA. Schiitische Huthi-Rebellen haben gestern den Präsidentenpalast in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa unter ihre Kontrolle gebracht. Präsident Mansur hielt sich zum Zeitpunkt der Erstürmung in seiner Privatresidenz auf, die gestern abend von den Aufständischen mit schwerer Artillerie beschossen wurde. Der Kommandant der anscheinend besiegten Präsidentengarde, Saleh al-Jamalani, sprach von einem «schiitischen Putsch», andere Gefolgsleute des Präsidenten von «einer Intervention Irans».

Jemen an einem Scheideweg

Huthi-Führer Abdel Malek al-Huthi forderte am Dienstagabend von Präsident Mansur per Fernsehansprache Reformen, andernfalls drohten Konsequenzen. Die Aufständischen sollen inzwischen auch den Sitz des Geheimdienstes kontrollieren. Westliche Botschaften beginnen anscheinend mit der Evakuierung ihrer Staatsbürger, nachdem Präsident Hadi noch in der Nacht auf gestern zu einer Einigung aufgerufen hatte. «Wir stehen am Scheideweg, vor Sein oder Nichtsein», sagte Hadi, der im Februar 2012 den langjährigen Diktator Ali Abdullah Saleh abgelöst hatte. Dem Machtwechsel waren monatelange Massendemonstrationen vorausgegangen. Allerdings sorgte das benachbarte Saudi-Arabien dann dafür, dass sich an den bestehenden Herrschaftsstrukturen zunächst nichts änderte.

Revolution vollenden

Proklamiertes Ziel der aus dem von der Regierung vernachlässigten Norden kommenden schiitischen Huthi-Rebellen sei die «Vollendung der Revolution», die im Arabischen Frühling 2011 begonnen hatte, aber nicht abgeschlossen wurde. Seit September vergangenen Jahres hatten die schiitischen Kämpfer grosse Teile der Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht. Mit der Besetzung von Sanaa wollten sie die sunnitische Regierung zu einer aus ihrer Sicht gerechten Wirtschaftspolitik zwingen.

Eine neue Verfassung, nach der das Land in sechs halbautonome Regionen unterteilt werden soll, lehnen die Huthis kategorisch ab. Um den Druck auf die Regierung noch zu verstärken, hatten sie bereits am Samstag den Bürochef des Präsidenten, Ahmed Awad bin-Mubarak, entführt und so den Machtkampf weiter verschärft.

Saudi sehen sich bedroht

Der Machtzuwachs der vermutlich von Iran unterstützten Huthis hat die sunnitischen Golfmonarchien alarmiert. Vor allem Saudi-Arabien sieht sich plötzlich von Süden von Iran bedroht. Für eine direkte Intervention der Saudis scheint es freilich zu spät. Die saudische Führung rekrutiere daher Terroristen der Al Qaida, um den Vormarsch der schiitischen Aufständischen zu stoppen, behauptete unlängst ein Bruder des Huthi-Führers im iranischen Fernsehen.