Schatten von Benedikt wird bleiben

Spätestens ab Ostern wird die katholische Kirche zwei Päpste haben: Einen neuen und einen ehemaligen. Das ist eine völlig neue Situation – und nicht ganz unproblematisch. Die ersten Folgen dieser Konstellation könnten sich bereits bei der Papstwahl im März zeigen.

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Mehr Zeit für Spaziergänge: Georg Gänswein, persönlicher Sekretär von Benedikt XVI., wird den abtretenden Papst wohl ins vatikanische Kloster begleiten. (Bild: ap/ L'Osservatore Romano)

Mehr Zeit für Spaziergänge: Georg Gänswein, persönlicher Sekretär von Benedikt XVI., wird den abtretenden Papst wohl ins vatikanische Kloster begleiten. (Bild: ap/ L'Osservatore Romano)

«Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen.» Dies ist der letzte Satz in der historischen Rücktrittsankündigung Benedikts XVI. – und zugleich das einzige, was der scheidende Papst bisher zu seinen Zukunftsabsichten verraten hat. Weiter ist bloss bekannt, wo Benedikt XVI. künftig leben wird: Er wird vom Apostolischen Palast in das kleine Kloster Mater ecclesiae umziehen, das sich nur wenige hundert Meter entfernt ebenfalls im Vatikan befindet. Das Kloster wird derzeit noch für den neuen Bewohner hergerichtet; bis dahin wird Joseph Ratzinger vorübergehend in der päpstlichen Sommerresidenz in Castelgandolfo gastieren.

Bruch unwahrscheinlich

Mit dem Verbleib Benedikts im Vatikan steht fest, dass im Kirchenstaat demnächst zwei Päpste leben werden: der noch zu wählende neue und der alte. Das ist in der Geschichte der katholischen Kirche ein Novum. Auch wenn Benedikt XVI. am 28. Februar um 20 Uhr sämtliche Ämter ablegen wird und nur seinen Kardinalsrang behält: Für den Kirchenrechtler und Vatikankenner Alberto Melloni ist die künftige «Cohabitation» des neuen Papstes mit seinem Amtsvorgänger «delicatissimo», höchst delikat also.

Die ersten Folgen dieser Konstellation, so Melloni, werde man schon bei der kommenden Papstwahl erleben. Bei einem «normalen» Konklave, das nach dem Tod des Papstes einberufen wird, stünden die Kardinäle vor der Wahl: Entweder sie beschliessen, dass das Erbe des Verstorbenen erhalten und weitergeführt werden solle – genau dies hätten sie nach dem Tod Johannes Pauls II. im April 2005 mit der Wahl Joseph Ratzingers getan. Oder sie betrachten eine Ära als abgeschlossen und wollen mit der Kirche zu neuen Ufern aufbrechen, wie sie es nach dem Tod von Paul VI. mit der Wahl des Polen Karol Wojtyla im Jahr 1978 gewagt hätten. Der Bruch mit der Vergangenheit sei nicht einfacher, wenn der frühere Papst unweit der Sixtinischen Kapelle in seinem Kloster sitze, betont Melloni.

Kämmerer übernimmt Amtsgeschäfte

Nach der Wahl des neuen Papstes wird der Schatten Benedikts unweigerlich auch über dem neuen Pontifikat schweben. Einmal angenommen, der neue Papst finde, dass der Priesterzölibat überholt, die Frauenordination eine Bereicherung und Homosexualität keine Sünde mehr sei: Was wird der Ex-Papst tun? Oder in den Worten seines Biographen Andreas Englisch: «Was passiert, wenn sich Ratzinger als Ruheständler einschaltet und sagt: <Ich bin immer noch Papst, und ich sehe das ganz anders>? Der schlimmste Fall wäre, dass sich ein Teil der Kirche abspaltet. Etwa, weil Ratzinger findet, dass sein Nachfolger ihr massiv schadet.»

Nun geht die Kirche erst einmal einer Zeit ohne amtierenden Papst entgegen: Am 28. Februar beginnt mit dem offiziellen Rücktritt Joseph Ratzingers die Sedisvakanz. In dieser Zeit übernimmt der Kämmerer die Amtsgeschäfte. Seit 2007 wird die Funktion des «Camerlengo» von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bekleidet, der Nummer zwei im Vatikan. Bertone wird auch die wahlberechtigten 117 Kardinäle in aller Welt zum Konklave nach Rom einberufen.

Inspiration im Garten

Benedikt XVI., bei dem noch nicht klar ist, ob er seinen Papstnamen behalten wird oder ob er wieder als Kardinal Ratzinger angesprochen werden wird, kann inzwischen seine Umzugskartons packen. Mit ins Kloster kommen zweifellos sein Flügel (der Papst spielt leidenschaftlich gerne Mozart-Sonaten), eine Unmenge an Büchern (im Kloster wird er eine eigene Bibliothek einrichten) und wohl zumindest ein Teil der «päpstlichen Familie». Diese besteht unter anderem aus den vier Ordensschwestern, welche ihm im Apostolischen Palast den Haushalt besorgen. Auch die beiden Georgs werden wohl umziehen: Joseph Ratzingers Bruder Georg und sein persönlicher Sekretär, Bischof Georg Gänswein.

Gleich neben dem Kloster befinden sich ausserdem die Gemüse- und Obstgärten des Vatikans, wo die biologischen Zucchini, Tomaten, Auberginen und Orangen wachsen, die in der päpstlichen Küche zubereitet werden. Auch in den Gärten wird der alte Papst wohl hin und wieder anzutreffen sein. Damit wäre für einen ausgefüllten Ruhestand gesorgt – auch ohne die Entscheide des Nachfolgers auf dem Heiligen Stuhl zu kommentieren. Dominik Straub, Rom