Schande des neuen Ägypten

Frauen waren eine treibende Kraft zum Sturz der Mubarak-Diktatur. Doch die damals geforderte Würde wird ihnen verweigert. Die Regierung Mursi schweigt zur eskalierenden sexuellen Gewalt.

Walter Brehm
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Gläubige Muslimas protestieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen sexuelle Übergriffe und die islamistische Regierung von Präsident Mursi. (Bild: ap/Virginie Nguyen Hoang)

Gläubige Muslimas protestieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen sexuelle Übergriffe und die islamistische Regierung von Präsident Mursi. (Bild: ap/Virginie Nguyen Hoang)

Offizielle Feiern hat es gestern keine gegeben. Der zweite Jahrestag des Sturzes der Mubarak-Diktatur war in Ägypten ein ganz normaler Arbeitstag.

«Freiheit und Würde» hatten die Revolutionäre gefordert. Und von Freiheit und Würde spricht die neue islamistische Regierung heute immer noch gern. Doch in Tat und Wahrheit tritt sie die Würde des Volkes und vor allem jene der Frauen mit Füssen – und sei es nur durch Untätigkeit.

Die verlorene Einheit

Als vor 18 Tagen der Beginn der Volksbewegung gegen das alte Regime noch gefeiert worden war, sprachen Ärzte und Frauen von einem «Horror-Tag». Mindestens 25 Frauen waren allein auf dem Tahrir-Platz, dem symbolischen Zentrum der Revolution, teilweise von ganzen Horden enthemmter Männer vergewaltigt worden. Die revolutionäre Utopie der 18 heroischen Tage auf dem «Tahrir» ist Vergangenheit.

Damals feierten Moslems und Christen, Bauern aus dem Niltal und Grossstädter aus Kairo und Alexandria Seite an Seite mit Frauen – verschleierten und nicht verschleierten. Tempi passati.

Entwürdigung als Waffe

Heute stehen mutige Frauen – und wiederum solche mit und ohne Schleier – erneut im Kampf. Mobilisiert wurden sie spätestens im vergangenen November, während der Proteste gegen den Griff des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi nach der absoluten Macht im Lande. Damals waren auf dem «Tahrir» erstmals mindestens 20 demonstrierende Frauen nicht nur versteckt, sondern von ganzen Männer-Banden offen sexuell angegriffen worden.

Doch begonnen habe der systematische Missbrauch und die Entwürdigung von Frauen schon am Tag der Freude über das Ende der Mubarak-Herrschaft, erklärt Salma al-Tarzi, führende Aktivistin der «Harassmap», einer Organisation gegen sexuelle Gewalt.

Das erste Opfer war damals die amerikanische Journalistin Lara Logan. Seither sind Dutzende, vielleicht Hunderte ägyptische Frauen Opfer von Gruppenvergewaltigungen geworden. Für Al Tarzi ist klar: «Die sich häufenden Übergriffe sind ein organisierter Versuch, politisch aktive Frauen von den Strassen zu vertreiben. Das lassen wir uns aber nicht gefallen.» Die Aktivistin erklärt: «Sexuelle Angriffe haben schon unter der Diktatur zur Taktik gehört, Frauen zum Schweigen zu bringen. Doch das alte Regime schreckte vor Gruppenvergewaltigungen noch zurück. Das ist erst seit den Protesten gegen die Herrschaft der Moslembruderschaft kein Tabu mehr. Es reicht, 200 Leute zu bezahlen und 2000 machen mit», sagt Salma al-Tarzi.

War Lara Logan vor zwei Jahren noch «mit den Händen penetriert worden», erreichte die sexuelle Gewalt vor zwei Wochen einen brutalen Höhepunkt: Eine junge Ägypterin wurde mit einem Messer vergewaltigt und lebensgefährlich verletzt.

Die Ignoranz der Macht

«Obwohl die Verbrechen stets im Umkreis von streng überwachten Kundgebungen der Opposition stattfinden, ist nie Polizei zu sehen», empört sich Salma al-Tarzi. Dennoch dürfte es schwierig zu beweisen sein, dass die Vergewaltigungen aus Kreisen der Moslembruderschaft organisiert werden. Aber die neue Macht im Lande, die so gern von Moral und Würde redet, entlarvt sich mit ihrem Schweigen oder der fadenscheinigen Behauptung, es handle sich um Einzelfälle, als ignorant gegenüber der Realität Ägyptens.

Muslimas gegen Moslembrüder

Die Vergewaltigungen auf offener Strasse sind nur die Spitze des Eisbergs. Eine Studie des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte hatte schon 2008 ergeben, dass 83 Prozent aller Frauen im Lande sexuell belästigt werden – egal ob verschleiert oder nicht.

Viele ägyptische Männer – nicht nur Islamisten – sehen Frauen nur als unerwünschte Konkurrenz – in der Familie, aber auch wirtschaftlich und politisch. Doch die neuen, religiösen Machthaber könnten sich mit der klammheimlichen Duldung sexueller Gewalt irren. Im Ringen mit der säkularen Opposition könnte ihnen mit den Frauen eine mächtige Gegnerschaft erwachsen: In den Protesten gegen die Regierung von Präsident Mursi marschieren auch immer mehr – auch verschleierte – Muslimas mit. Und in einer «Tahrir Bodyguard» engagieren sich inzwischen auch Hunderte junger Männer für den Schutz der Frauen und ihrer Würde.