Saudischer Prinz schmuggelt Aufputschdroge Captagon

LIMASSOL. In Beirut ist ein saudi-arabischer Prinz mit zwei Tonnen Captagon-Pillen verhaftet worden. Captagon ist eine Aufputschdroge, die derzeit auch von allen syrischen Kriegsparteien eingesetzt wird.

Michael Wrase
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LIMASSOL. In Beirut ist ein saudi-arabischer Prinz mit zwei Tonnen Captagon-Pillen verhaftet worden. Captagon ist eine Aufputschdroge, die derzeit auch von allen syrischen Kriegsparteien eingesetzt wird.

Es war einer der grössten Drogenfunde in der Geschichte des Libanons: Zwei Tonnen Pillen, verpackt in 24 Umzugskartons und acht Koffern, hatten Beiruter Zöllner am Montagmorgen im Gepäck des saudischen Prinzen Abd al-Muhsen bin Walid ibn Abd al-Aziz al-Saud entdeckt. Der Prinz wollte die Aufputschdroge in seinem Privatjet in die saudi-arabische Hauptstadt Riad schmuggeln. Als Mitglied der Königsfamilie geniesst der Prinz diplomatische Immunität. Sein Gepäck hätte eigentlich nicht durchsucht werden dürfen.

Al Saud hätte allerdings wissen müssen, dass er am Beiruter Flughafen nicht nur Freunde hat. So wird der libanesische Geheimdienst von der proiranischen Hisbollah kontrolliert. Deren Agenten veranlassten anscheinend die Verhaftung des Prinzen, die nun genüsslich von den antisaudischen Medien im Nahen Osten ausgeschlachtet wird. Der Fernsehsender Al Mayadin behauptet, damit sei der Beweis für die Versorgung mordender Jihadisten in Syrien mit der enthemmenden Droge durch Saudi-Arabien erbracht worden. Die als Sprachrohr der Saudi-Araber bekannte Beiruter Zeitung «An Nahar» wittert dagegen ein «Komplott Teherans» und fordert die Freilassung des Prinzen.

Oft in Kriegen eingesetzt

Dass Amphetamine in Kriegen zur Anwendung kommen, ist nichts Neues. Wie früher in Vietnam schlucken amerikanische Kampfpiloten auch heute noch sogenannte «Go-Pills» vor ihren Einsätzen in Syrien und in Irak. Es handelt sich dabei um das auch von den Deutschen und den Japanern im Zweiten Weltkrieg eingesetzte Mittel Dexedrin, das Kampfgeist und Durchhaltevermögen auf langen Flügen steigern soll.

Weitaus gefährlicher ist Captagon, das mehr als nur ein Aufputschmittel ist. Die Droge entfaltet eine ungleich härtere Wirkung. Angeblich spüren die Kämpfer bei regelmässiger Einnahme weder die eigenen Leiden noch diejenigen, die anderen zugefügt werden. Captagon ermöglichst ein Vorgehen mit besonderer Brutalität und Gefühllosigkeit, das im syrischen Bürgerkrieg nicht nur bei Jihadisten, sondern bei allen Kämpfern weit verbreitet ist.

Nicht nur Kämpfer des «Islamischen Staats» (IS), sondern auch Soldaten der Assad-Armee schneiden ihren Widersachern die Köpfe ab. Die sadistische Demütigung und Erniedrigung von Gefangenen vor ihrer Ermordung ist in Syrien bei allen Kriegsparteien schon lange an der Tagesordnung. Ohne Captagon, so scheint es, wären die meisten Milizionäre nicht dazu fähig.

Oder für saudischen Markt?

Die Droge, erklären libanesische Gewährsleute, sei relativ einfach herzustellen, da ein Grossteil der Zusatzstoffe, wie beispielsweise flüssiges Koffein, auf dem freien Markt erhältlich sind. Sobald alle Bestandteile vorhanden seien, brauche man nur noch eine Maschine zur Herstellung von Schokoladen-Dragées. Diese eignen sich auch zur Produktion von Captagon-Pillen.

Aber nicht nur syrische Milizionäre und Soldaten konsumieren Captagon. 200 000 Saudi-Araber sind nach Angaben des Innenministeriums in Riad süchtig. Die Dunkelziffer, behaupten Experten, sei fünfmal so hoch. Die meisten von ihnen konsumierten Amphetamine. Die in Beirut sichergestellten Drogen könnten daher auch für den «saudischen Markt» bestimmt gewesen sein. Das Königreich betreibt acht Suchtkliniken. Die Rückfallquote liegt auch nach offiziellen Statistiken aber bei fast 70 Prozent.