SAUDI-ARABIEN: Ein Bulldozer in Riad

Als politisch unerfahren und arrogant wird er bezeichnet. Trotzdem konnte Vizekronprinz Mohammed bin Salman seine Macht in Saudi-Arabien weiter ausbauen.

Michael Wrase, Limassol
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Vor genau 17 Monaten hatte der deutsche Auslandsgeheimdienst vor der «desta­bilisierenden Rolle des wahabitischen Königreiches in der arabischen Welt» gewarnt. Die bisherige «vorsichtige Haltung der älteren Führungsmitglieder der Königsfamilie» werde durch eine «impulsive Interventionspolitik» ersetzt, hiess es in einer internen Analyse des BND.

Vor allem die Rolle des neuen Verteidigungsministers und Sohns von König Salman, Mohammed bin Salman, sah der Nachrichtendienst kritisch. Die Machtkonzentration auf den erst 31 Jahre alten Vizekronprinzen «birgt latent die Gefahr, dass er bei dem Versuch, sich zu Lebzeiten seines Vaters in der Thronfolge zu etablieren, überreizt».Die im saudischen Königshaus als «Majestätsbeleidigung» empfundene Analyse hatte für massive Verstimmung zwischen Berlin und Riad gesorgt.

Die Bundesregierung distanzierte sich mit entschiedenen Worten vom BND, der allerdings bei seiner Einschätzung geblieben ist. Und dies aus gutem Grund: Mit Unterstützung internationaler PR-Agenturen konnte das schlechte Image des als «arrogant und rücksichtslos» beschriebenen Königssohns zwar etwas aufpoliert werden. Die «Machtkonzentration» auf den politisch unerfahrenen Mohammed bin Salman, der den Spitznamen «MbS» erhalten hat und wegen seiner Leibesfülle auch als «Bulldozer» bezeichnet wird, ist inzwischen aber gewaltiger denn je. Seit Mitte April dieses Jahres amtiert der saudische Vizekronprinz nicht nur als Verteidigungsminister und Chef des Hofes, der den Zugang zu König Salman kontrolliert. Der rastlose «MbS» wurde von seinem gesundheitlich angeschlagenen Vater auch zum Leiter eines neu geschaffenen «nationalen Sicherheitszentrums» ernannt.

Dessen Aufgaben wurden bislang zwar nicht genau abgesteckt. Westliche Diplomaten in der saudischen Hauptstadt gehen aber davon aus, dass das neue «Sicherheitszentrum» eine grössere Machtfülle haben wird als der bereits bestehende «Sicherheitsrat». Dieser wird von dem amtierenden Innenminister und (ersten) Kronprinzen Mohammed bin Naif geleitet. Im Seilziehen um die Macht im saudischen Königshaus sei der 58 Jahre alte Antiterrorismusexperte auf die Verliererseite geraten, zitiert die französische Nachrichtenagentur APF einen westlichen Diplomaten in Riad. Ein weiterer Grund für die wohl bevorstehende Kaltstellung des Innenministers und Kronprinzen sei die «Stärkung des Salman-Zweiges in der (herrschenden) Al-Saud-Familie».

Ein zusätzliches Indiz für diese These könnte auch die Ernennung von Prinz Abdulaziz bin Salman zum Botschafter seines Landes in den USA sein. Der zum F-16-Piloten ausgebildete Königssohn ist wie sein Bruder Mohammed ein politischer Amateur. Erst im nächsten Jahr wird er 30. Palast­insider glauben, dass das Brüderpaar noch nicht reif für die von ihnen bekleideten Schlüsselstellungen sei. Bei seinem Besuch bei US-Präsident Donald Trump Anfang April soll Mohammed bin Salman allerdings einen «guten Eindruck» hinterlassen haben, behaupten die saudischen Staatsmedien.

Michael Wrase, Limassol