SARAJEVO: «Die Unschuld ging verloren»

Der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan über das multi-ethnische Zusammenleben in der Stadt und die politischen Probleme seines Landes, die seit Ende des Bosnienkriegs nicht gelöst werden konnten.

Erika Achermann
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Erika Achermann

Sarajevo, Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, hat eine multi-ethnische Tradition. Im Bosnienkrieg (1992–1995) war sie Kriegsschauplatz. Über 10000 Menschen starben. Wie geht es der Stadt heute? Dzevad Karahasan gibt Antwort. Der angesehene bosnische Autor hat Sarajevo während des Kriegs verlassen und ein «Tagebuch der Aussiedlung» geschrieben. Dieses Jahr ist sein Roman «Der Trost des Nachthimmels» auf Deutsch erschienen. Karahasan wurde 1953 geboren und lebt in Sarajevo und Graz.

Sarajevo ist für mich jener magische Ort, wo sich Christen, Moslems und Juden wie sonst nirgendwo in Europa begegneten, wo deren Gotteshäuser nah beieinander stehen.

Dzevad Karahasan: Wenn Sie Sarajevo stark anzieht, dann haben Sie etwas gemein mit Ihrem grossen Landsmann Max Frisch. Er hat in den Sechzigerjahren notiert, dass Sarajevo ein mögliches Vorbild für Europa sein könnte. Auf einer Reise in die Türkei weilte er einige Zeit in der Stadt und war von ihr tief beeindruckt. Eines müssen wir verstehen: In Sarajevo stehen die Gotteshäuser nicht nur nebeneinander, sondern sehr oft arbeiten sie auch zusammen. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen einer westlichen Grossstadt, wo viele Menschen in einer anonymen Gleichgültigkeit nebeneinander leben, ohne Wunsch, sich kennen zu lernen. Hier in Sarajevo weiss ich Bescheid, wie die Katholiken feiern, weil ich mit ihnen ihre Feste feiere, ohne dabei ihre Rituale zu stören. Es geht darum, eine aktive Toleranz aufgrund des gegenseitigen Kennens aufzubauen. Es ist mein Interesse, den Anderen in der Nähe zu haben, denn nur durch den Blick des Fremden kann ich mich selber erkennen. Denn wie sollen wir Menschen zusammenleben, wenn wir nichts über den Anderen erfahren?

Sarajevo ist kaum noch in den Medien präsent. Darf man das als positives Zeichen für ein normales städtisches Leben sehen?

Es geht ausschliesslich darum, dass Sarajevo nicht mehr Schauplatz der um uns herum tobenden Kriege ist. Doch seit dem Dayton-Abkommen von 1995 zur Beendigung des Bosnienkrieges hat sich in Bosnien kaum etwas nach vorne bewegt. Alles ist schlimmer, die Ethnien auseinanderdividiert. Dennoch: Sarajevo ist immer noch eine grossartige Ausnahme unter den Städten Europas, wenn nicht der Welt. Hier ist es normal, dass ein Moslem mit einer Agnostikerin verheiratet und sein bester Freund ein Franziskanermönch ist, der Christologie an der hiesigen Universität unterrichtet. Und dass es keinen einzigen Menschen in dieser Stadt gibt, der sich über diese Freundschaft wundert. Es ist normal, dass ein Moslem mit einem orthodoxen Christen diskutiert und ein Christ die Synagoge aufsucht. Heute ist es uns bewusst, dass dies etwas Ungewöhnliches ist. Vor dem Krieg lebten wir in friedlicher, paradiesischer Unschuld. Diese ging inzwischen verloren.

Weshalb leben Sie trotzdem nicht mehr das ganze Jahr über in dieser Stadt, die Sie Ihren Lesern in Ihren Büchern und Essays so nahe gebracht haben?

Es gibt einen wichtigen Grund: Die sogenannte Politik produziert in Bosnien falsche Dilemmata, Scheinprobleme. Denn kroatische und bosnische beziehungsweise serbische und bosnische Zugehörigkeit schliessen sich nicht aus. Dazu gibt es einen wunderbaren abstrakten bosnischen Witz: «Der Bosnier Mujo fragte den Bosnier Suljo: Was denkst du, entwickelt sich der Mensch von innen nach aussen oder von aussen nach innen? Suljo überlegt eine Weile: Du, ich glaube schon.» Nur mit diesem Witz kann man auf die Pseudofragen unserer Politiker antworten: Bist du Bosnier oder Kroate, Bosnier oder Serbe? Ja, auf jeden Fall! Es wird allmählich unerträglich, diese scheinbaren Probleme monatelang zu diskutieren. Ich bin nicht gewillt, in der wenigen Zeit, die mir zur Verfügung steht, mich damit zu quälen. Der zweite Grund ist ein persönlicher: Ich kann nicht nur am Schreibtisch denken, ich denke mit meinem ganzen Wesen. Ich muss im Gehen denken, um mit meinen Figuren streiten zu können. Das ist in Sarajevo nicht möglich, denn ich begegne hier zu oft Bekannten, die lieber mit mir als mit meinen Figuren reden. In Graz kennt mich niemand.

Braucht es räumliche und zeitliche Distanz, um die Gegenwart zu verstehen? Der Astronom und Dichter Omar Chayyam, die Hauptfigur ihres «Trost des Nachthimmels», lebte um 1200 in Isfahan.

Ich würde lieber von der geistigen Distanz sprechen. Man braucht Objektivität. Die kann man ausschliesslich durch eine geistige Distanz erreichen, wenn man eine Angelegenheit sowohl von innen als auch von aussen betrachtet. Im Gespräch kann man vorgebrachte Argumente berücksichtigen und verstehen lernen. So ist es auch mit einem historischen Ereignis. Ich muss nicht hundert Jahre Distanz haben, um zu verstehen, dass manche Menschen qualvoll sterben, andere aber heldenhaft und wieder andere am Krieg verdienen. Ich begreife, dass meine Feinde im Augenblick des Tötens auch Menschen sind.

Wie viel Europa ist in Sarajevo? Und wie viel Orient? Wie viel Orient ist folglich in Europa?

Auf die Frage, wie sich die bosnischen Moslems fühlten, als Europäer oder Orientalen, antworte ich: Ja, sie fühlen sich. Die Orientalen wussten nicht, dass sie Orientalen sind; sie waren Syrer, Perser, Türken. Orientalismus war das exotische Unterbewusstsein des Westens. Ich bin nicht bereit, meine Stadt so zu sehen. Ich ging jeweils ins Kaffeehaus, nicht in den Orient. Aber heute wird in Sarajevo der Orient für Touristen produziert. Das hat mit meinem Leben nichts zu tun. Ich bin ein Europäer, weil ich es bin, ob ich das will oder nicht, denn Sarajevo ist eine Stadt in Europa. Ein Fisch mag eine Abneigung gegen Wasser haben, aber er ist ein Fisch und lebt im Wasser, ob er will oder nicht. Man ist ein Europäer, weil man Aischylos, Goethe, Thomas Mann liebt. Europäer kannst du nicht gegen etwas sein, wie du Christ nicht gegen Moslem sein kannst, sondern nur, weil du in dir Christ bist.