Russland feiert seine alte Grösse

Morgen Samstag begeht Russland den 70. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland. Die geplante gigantische Militärparade auf dem Roten Platz wird von den einstigen Alliierten gemieden.

Klaus-Helge Donath
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Wie zu Zeiten des Kalten Krieges: Seit Tagen wird für den Aufmarsch auf dem Roten Platz geübt. (Bild: ap/Alexander Zemlianichenko)

Wie zu Zeiten des Kalten Krieges: Seit Tagen wird für den Aufmarsch auf dem Roten Platz geübt. (Bild: ap/Alexander Zemlianichenko)

MOSKAU. Russlands Feier des 70. Jahrestags des Sieges über Hitler-Deutschland wird alles übertreffen, was Moskau bislang an diesem wichtigsten Feiertag zum Gedenken an den Triumph im Mai 1945 jemals in Szene gesetzt hat. Seit Jahren schon laufen die Vorbereitungen. Helikoptergeschwader und strategische Bomber werden die seit dem Ende des Kalten Krieges grösste Militärparade Moskaus aus der Luft unterstützen. Auch die Vorführung des Armata-Panzers, einer neuen Superwaffe, wurde angekündigt. Russlands Medien sind schon seit Monaten elektrisiert von den überraschenden Gütern aus der vaterländischen Rüstkammer. Es klingt wieder wie damals, als während des Kalten Kriegs der Systemgegensatz die Welt unüberbrückbar in Ost und West trennte. Folgt auf den Sieg gewöhnlich Frieden, gehen von Moskau derzeit widersprüchliche Signale aus.

Eine Zäsur im Gedenken

Der 70. Jahrestag markiert eine Zäsur. Vor zehn Jahren, zum 60. Jahrestag, begrüssten noch Plakate mit der Aufschrift «glory to our brothers in arms» die ausländischen Gäste. Diesmal bleiben die Staatschefs der Alliierten der Anti-Hitler-Koalition Moskau fern. Die Krim-Annexion und der Krieg in der Ukraine liessen den Westen auf Distanz gehen. Niemand möchte sich vor den Karren der Kreml-Propaganda spannen lassen.

Denn Moskau schlägt einen weiten Bogen. Im Kampf gegen eine vermeintliche «faschistische Junta» in Kiew stilisiert sich der Kreml zur antifaschistischen Schutzmacht schlechthin. Die Kämpfe im Donbass stellen für russische Politiker nur die Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs dar. Auch nach 70 Jahren bleibt Moskau in der Abwehr faschistischer Tendenzen der Tradition treu, lautet die Botschaft. Daraus wird moralische Überlegenheit abgeleitet, die Verstösse gegen internationales Recht, Vertragsbrüche und Landraub legitimieren soll. Der Rest der Welt, der diesen Normen unfreiwillig folgt, verkennt nach Moskauer Lesart die Zeichen der Zeit.

Für Russland eine Kränkung

Dennoch ist die Entscheidung, der Feier fernzubleiben, umstritten. Die Sowjetunion musste durch den deutschen Überfall und bei der Niederringung von Nazi-Deutschland mit 27 Millionen Toten den grössten Blutzoll erbringen. Den europäischen Teil des Landes verwandelten die Nazis ab dem Juni 1941 in eine Wüste. Ohne die Wende in Stalingrad 1942/1943 und den sowjetischen Widerstand, der die eigenen Menschen nicht schonte und Übermenschliches abverlangte, wäre die Geschichte anders verlaufen. Auch die meisten Gegner von Präsident Wladimir Putin sind sich darin einig, dass die Abwesenheit westlicher Politiker für Russland eine Kränkung bedeutet. Nicht zuletzt verschafft es dem Kreml nachträglich eine Rechtfertigung: Seit Jahren hält er dem Westen vor, die Geschichte umschreiben und Russland den Sieg streitig machen zu wollen. Dass der Westen sich rar macht, wird in den Medien in diesen Zusammenhang gestellt.

Immer in Bedrängnis

Die Vorwürfe seien jedoch nicht haltbar, meint Sergej Mironenko, Direktor des russischen Staatsarchivs. Die 2009 gegründete Kommission «für Massnahmen gegen Versuche der Falsifizierung von Geschichte zum Nachteil von Interessen der Russischen Föderation» würde nur auf wohlwollende Korrekturen der eigenen Historiographie stossen, ginge sie ihrer Arbeit ernsthaft nach. Inzwischen liegt sogar ein Gesetz vor, das Abweichungen von der kanonisierten Geschichtsschreibung des Siegers verbietet. Faktisch bedeutet dies Forschungsverbot.

Russlands Klage resultiert aus der fehlenden Einsicht, dass das Imperium untergegangen ist, und dem Versuch, die militärische und politische Rolle des russischen Diktators Josef Stalin von Zweifeln zu reinigen. Der Westen schreibt nichts um, Politik und Geschichtswissenschaft legen nur andere Massstäbe an.

Der Zweite Weltkrieg ist in Russlands Geschichtsschreibung Quell des Grossmachtanspruchs. Grundsätzlich verkörpert Moskau in der staatlichen Historiographie das «Gute». Es greift nie als Erster zu den Waffen, ist aber ständig gezwungen, sich zu verteidigen.

Der unterstellte Genozid

Dieses Muster entfaltet auch Wjatscheslaw Nikonow am Beispiel des Ukraine-Kriegs. Er ist Leiter der konservativen Stiftung «Russische Welt», die sich als intellektueller Vorposten des Kremls im Westen versteht. Sein Grossvater war Wjatscheslaw Molotow, der zusammen mit dem deutschen Aussenminister Joachim von Ribbentrop 1939 den gleichnamigen Pakt unterschrieb, mit dem das «Dritte Reich» und die Sowjetunion die Teilung Osteuropas besiegelten (auch Hitler-Stalin-Pakt genannt). Unlängst rechtfertigte Präsident Putin dieses Abkommen als taktische Massnahme mit aufschiebender Wirkung gegenüber einer potenziellen deutschen Bedrohung. Dass das Baltikum besetzt, Polen und Finnland von Moskau überfallen wurden, gehört in Russland nicht zum Schulstoff.

Unterdessen behauptet Wjatscheslaw Nikonow: «In der Ukraine ist, wie in Deutschland 1933, ein faschistisches Regime mit dem Ziel an die Macht gekommen, einen Genozid zu verüben.» Damit spielte er auf einen von Moskau unterstellten Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung an. Internationale Organisationen haben diesen ungeheuerlichen Vorwurf jedoch als gegenstandslos zurückgewiesen. Als moralische Rechtfertigung für die eigene Bevölkerung und für Eingriffe beim Nachbarn reicht Moskau dieses Konstrukt aus.

Auf Vergangenheit fixiert

Russland habe einfach einen anderen Blick auf die Geschichte als Europa, erklärt Nikonow. Den eines Siegers, nachdem «ganz Europa zusammen mit Hitler über die UdSSR hergefallen ist». In diesem Blick des Siegers und des Stärkeren hat der Weltkrieg in Russland überlebt. Moskau klammert sich an eine lichte Vergangenheit, statt sich für die Zukunft zu wappnen.

Noch immer ist der Sieg Russlands Daseinsberechtigung. Es ist ein Kult, der nicht der historischen Erinnerung dient, sondern Russlands Machthaber seither mit Legitimation versorgt.

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