Russland feiert die Krim-Annexion

Russland hat gestern der «Heimholung der Krim» vor einem Jahr mit einer Feier auf dem Roten Platz gedacht. Putin dankte dem Volk in seiner Ansprache für «Konzentration und Patriotismus».

Klaus-Helge Donath
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In Sewastopol feierten Matrosen die «Heimholung der Krim». (Bild: ap/Alexander Polegenko)

In Sewastopol feierten Matrosen die «Heimholung der Krim». (Bild: ap/Alexander Polegenko)

MOSKAU. Nach etwa 50 Minuten Konzert war es kurz vor sechs dann endlich soweit: Präsident Wladimir Putin betrat die Bühne am Roten Platz – und eine Welle der Begeisterung erfasste die Zuschauer.

Offiziell sollen etwa 100 000 Besucher auf den Roten Platz zur Jubiläumsfeier der Krim-Annexion vor einem Jahr geströmt sein. Tatsächlich dürften es weniger gewesen sein. Rund drei Minuten hatte Putin für das Volk, dem er für «Konzentration» und «Patriotismus» dankte, die sie bei der Heimholung der Krim an den Tag gelegt hätten. «Es geht ja nicht nur um Territorium, wovon wir ohnehin genug haben, sondern um die Ursprünge», sagte Putin. Russland habe vor einem Jahr verstanden, dass ein Staatswesen nicht ohne Band zwischen Generationen und Zeitläufen auskäme.

Geistige und moralische Stärke

Der Kremlchef beschwor die Einheit und Geschlossenheit der Nation, pries die geistige und moralische Stärke der Russen und wandte sich mit dem Rat an den Westen. «Wir werden die Schwierigkeiten überwinden, die wir uns immer selbst machen und die man uns von aussen bereitet», sagte Putin. Dafür erhielt er eine Menge Beifall – nicht nur für den antiwestlichen Zungenschlag. Dass sich Russland nämlich Probleme selbst schafft, wenn es eigentlich keine haben müsste, ist ein geflügeltes Wort in Russland. Wann, wenn nicht jetzt wäre es angebrachter. Der Kremlchef stimmte noch die Nationalhymne an und verschwand dann hinter der Bühne. Weit hatte er es nicht in den Kreml. Auch der Ort des Attentats auf den Oppositionellen Boris Nemzow war nur ein Steinwurf von der Bühne entfernt. Die Polizei hatte die Stätte des Gedenkens, an der immer noch Blumen niedergelegt werden, vor den Massen abgeschirmt.

Auf der Bühne traten vor allem Künstler auf, die sich durch besondere Nähe zu Kreml und Chauvinismus in der Vergangenheit hervorgetan hatten. Auch Wladimir Putins Rockerfreund mit Spitznamen Chirurg von den «Nachtwölfen» meldete sich mit einem Beitrag zu Wort. Für ihn sei die Heimführung der Krim «die zweite Taufe Russlands» gewesen. Wladimir Putin hatte vor kurzem bedeutet, dass die Christianisierung der Russen vor 1000 Jahren auf der Krim stattgefunden hätte. Alles in allem war es eine Veranstaltung, die in der Vergangenheit schwelgte. Mythen wurden beschworen und imaginäre Feinde erlegt, Wirklichkeit ausgespart.

350 Rubel für Teilnahme

Nicht alle Teilnehmer feierten anscheinend aus freien Stücken. Staatliche Verwaltungen hatten ihre Mitarbeiter zum Mitfeiern motiviert. Alle zwischen 14 und 75 Jahren, die man nicht anders anwerben konnte, erhielten für die Teilnahme 350 Rubel (5,50 Euro) plus ein Plakat «Obama, sei nicht neidisch» – auf die Krim war gemeint. Zentrale Sammelstellen an der Metro waren dafür eingerichtet worden. Auf anderen Plakaten las man: «Obama, pass auf Alaska auf.»